Die Beschwerden häuften sich, und jetzt spielt das Bundeskartellamt mit seinen Muskeln. Das Amt hat ein Missbrauchsverfahren gegen Amazon eingeleitet. Das dürfte bei vielen Händlern auf dem Marktplatz Hoffnungen wecken, dass Amazon nun drakonisch bestraft wird und das Amt dem Riesen die Zügel angelegt. Doch das könnte ein Irrtum sein.

Irgendwann hatte der Händler die Nase gestrichen voll. Er hatte Mails geschickt, telefoniert - jedoch nichts und niemanden erreicht, der ihm sagen konnte, warum Amazon sein Händlerkonto gesperrt hat. Also ging der Mann aufs Ganze. Auf nach München, in die Zentrale von Amazon, um dort so lange auf den Putz zu hauen, bis ihm jemand Zuständiges weiterhelfen konnte. 

Des Händlers direkter Weg zum Tor hatte Erfolg, seine Angelegenheit konnte geklärt werden.

So amüsant diese Geschichte klingt, die man vom Händlerbund erzählt bekommt, so vielsagend ist sie. Denn die Vereinigung von Onlinehändlern kennt zig ähnliche Fälle von kleinen Unternehmern, die über Amazon Marketplace Geschäfte machen wollen und dabei immer wieder unter Druck geraten. Mal werden die Konten gesperrt, mal bleiben die Zahlungen aus, mal verschieben sich Rankings - und keiner weiß, warum. 

Wehe, wenn du ein Problem hast

Und will man die Gründe herausbekommen, ist langer Atem gefragt. Eine Händlerbund-Sprecherin beklagt die mangelhafte Erreichbarkeit von Amazon, Mails liefen oft ins Leere, telefonische Kontaktaufnahmen seien sehr beschwerlich. "Deswegen hoffen wir, dass Amazon jetzt transparent werden muss", sagt die Sprecherin. Das wäre ein Erfolg, und mehr erwartet man gar nicht.
Eigenlob: Amazon Marketplace ist eine Verkaufsmaschine für kleine Händler. Wirbt Amazon.
© etailment / Screenshot
Eigenlob: Amazon Marketplace ist eine Verkaufsmaschine für kleine Händler. Wirbt Amazon.
Seit diesem Donnerstag beschäftigt sich das Bundeskartellamt mit Amazon, "um die Geschäftsbedingungen und Verhaltensweisen von Amazon gegenüber den Händlern auf dem deutschen Marktplatz amazon.de zu überprüfen", wie die Behörde schreibt.

Ärger für die Onlinekrake?

In der Pressemitteilung  wird Amtspräsident Andreas Mundt so zitiert: Die Doppelrolle als größter Händler und größter Markplatz birgt das Potential für Behinderungen von anderen Händlern auf der Plattform. Aufgrund der vielen uns vorliegenden Beschwerden werden wir prüfen, ob Amazon seine Marktposition zu Lasten der auf dem Marktplatz tätigen Händler ausnutzt. Die Geschäftsbedingungen und Verhaltensweisen von Amazon gegenüber den Händlern werden damit umfassend auf den Prüfstand gestellt.

Klingt nach großem Ärger für die Onlinekrake, und nicht nur in der Handelswelt sind diese Ermittlungen das Thema des Tages. Die Aufregung ist groß, das Amt steht als zupackende Behörde da - und viele Marktplatz-Händler dürften deswegen Hoffnungen auf Veränderungen ihrer Geschäftsbedingungen haben. Denn hier heißt es ja bisher: Friss oder stirb. Verhandlungen mit Amazon? Netter Versuch. Entweder, man akzeptiert - oder lässt es. Aber letzteres ist oft keine Option, weil man dann online nicht mehr stattfände.
 
Doch zupackend gab sich das Bundeskartellamt auch beim Zusammenschluss von Karstadt und Kaufhof, "besonders gründlich" wollte man die Fusion der beiden angeschlagenen Warenhausunternehmen prüfen.

Donnerwetter.

Doch nur wenige Wochen später teilte Mundt mit: "Weder aus der Perspektive der Verbraucher, noch aus Sicht der Hersteller und Lieferanten gab es durchschlagende wettbewerbliche Bedenken." Fusion genehmigt.

Heinemann erwartet noch Schlimmeres

Deswegen desillusioniert Gerrit Heinemann  jetzt alle, die darauf hoffen, dass das Kartellamt nennenswerte Veränderungen bei Amazon durchsetzen wird. Dass diese notwendig seien, bestreitet der Mönchengladbacher E-Commerce-Professor keineswegs, "aber es wird nichts passieren."

Aber warum?

"Weil bisher auch nichts passiert ist", sagt der Mythen-Zerstörer des deutschen Einzelhandels.

Konkreter: Weil das Amt vor allem die Nachteile für den Kunden aufspüren und ahnden will. Ob es die gibt - unklar. Heinemann bietet sogar eine noch düsterere Prognose an: "Ich glaube sogar, dass es noch schlimmer wird."
Picker im Amazon-Warenlager: Größter Onlinehändler, größter Marktplatzbetreiber
© Amazon
Picker im Amazon-Warenlager: Größter Onlinehändler, größter Marktplatzbetreiber
 Noch schlimmere Geschäftsbedingungen für Marktplatzhändler - das klingt nicht lustig. Aber Amazon weiß eben um seine Position. Man ist mittlerweile die Produktsuchmaschine Nummer 1, und man ist der Marktplatz Nummer 1. Wer hier nicht seinen virtuellen Stand aufbaut, kann einpacken. Als ob etwa das von Karstadt voriges Jahr gekaufte Marktplätzchen Hood eine ernst zu nehmende Alternative wäre.

Der Marktplatzerfolg hat seinen Preis

Wer auf Marketplace mitspielt, kann gute Geschäfte machen, von solchen Erfolgsgeschichten berichtet Amazon regelmäßig. Welchen Preis das hat, erzählte der bayerische Textilhändler Peter Schödlbauer unlängst im Etailment-Interview: "Will ein Verkäufer Ware über den Prime-Dienst verschicken, ist er gezwungen, dafür DPD zu nutzen, doch die meisten Kunden wünschen sich DHL als Logistiker."

Auch die Immobilienmanagerin Katharina von Schacky (Commerz Real) fragte, "ob man so hart mit den Händlern umgehen muss, die auf dem Markplatz verkaufen."
 
Lässt man erst einmal Heinemanns Defätismus beiseite und will wissen, was Amazon seites der Kartellbehörde blühen kann, muss man mit der Rechtsanwaltin Stephanie Birmanns reden, Kartellrechtsexpertin bei der Kanzlei SZA Schilling, Zutt & Anschütz in Brüssel. Die größte Keule wäre ein Bußgeld, "das bis zu 10 Prozent des Unternehmensumsatzes betragen kann." Aber das hält Birmanns in dem Fall für unwahrscheinlich, "weil primär in Kartellfällen angewandt, wie etwa bei vertikalen Preisabsprachen." 

Von großen und kleinen Keulen für Amazon

Die kleinere Keule: Das Amt würde eine Abstellungsverfügung erlassen. Diese würde feststellen, dass Amazon gegen Kartellrecht verstoßen hat. Hier würden Amazon Schadenersatzforderung von Händlern und Kunden drohen. "Aber das halte ich auch für eher unwahrscheinlich", sagt die Juristin Birmanns.  
Die noch kleinere Keule:
Amazon würde sich verbindlich verpflichten, die bestimmte Geschäftsbedingungen nicht mehr anzuwenden." Aber auch das ist für die Kartellrechtsexpertin nur schwer vorzustellen.

Eher erwartet Stephanie Birmanns die kleinste aller Keulen: Einstellung des Verfahrens. "Das passiert voraussichtlich nur, wenn Amazon die gerügten Tätigkeiten einstellt." Eine solche Verfahrenseinstellung ermöglicht beiden Seiten eine gesichtswahrende Beendigung und ähnelt einem gerichtlichen Vergleich, "und ist der wahrscheinlichste Verfahrensausgang".

Wäre ja nicht schlecht für Händler - aber wehe, Gerrit Heinemann behält wieder einmal Recht.

Epilog: Die Amazon-Aktie beendet den heutigen Tag mit einem Plus von 2,3 Prozent.

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