Wie kann sich ein Händler gegen unerfreuliche Besuche des Finanzamts absichern? Am besten mit der richtigen Technik. Vom digitalen Kassenarchiv bis zum gemeinsamen Marktplatz mit Partnern wie Paypal und Salesforce – der Softwarespezialist Datev sucht die Nähe zum Handel.

Im Kern dreht sich alles um die Steuer, daran hat sich seit der Gründung der Genossenschaft Datev e.G. im Jahr 1966 nichts geändert. Und doch ist dieser Verbund der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer mit seinen heute mehr als 40000 Mitgliedern seit damals kaum mehr wiederzuerkennen.

Kundenkreis erweitern

Inzwischen zählt Datev in Nürnberg mit rund 7400 Mitarbeitern und einer knappen Milliarde Euro Jahresumsatz zu den größten IT-Dienstleistern und Softwarehäusern Deutschlands. Unter den Anbietern von Business-Software lag die Gruppe 2016 nach eigenen Angaben auf Platz 3.

Und bald schon sollen neue Angebote dazukommen. Dafür wurde sogar die Satzung geändert. Mit einer eigenen Plattform wollen die Nürnberger künftig nicht nur ihre Mitglieder und deren Geschäftskunden ansprechen, sondern auch steuerpflichtige Privatpersonen, wie Datev-Vorstandschef Robert Mayr kürzlich ankündigte. Die Plattform richte sich speziell an sogenannte Digital Natives, die laut Mayr schon 2020 die Mehrheit der Marktteilnehmer stellen werden.

Sie sind es gewohnt, auf Plattformen einzukaufen oder dort Reisen zu buchen. Das bedeutet jedoch anders herum, dass traditionelle Anbieter von Leistungen, vom Steuerberater bis zum Händler, auf Plattformen den direkten Kundenkontakt verlieren und dort auch austauschbar werden. Andererseits dürfen die Plattformen keine fachlichen Beratungen für die Steuererklärung anbieten, da dies dem Steuerberater vorbehalten bleibt.
Datev Vorstandschef Dr. Robert Mayr
© Datev
Datev Vorstandschef Dr. Robert Mayr
Datev zielt darauf ab, „möglichst viele bisher nicht steuerlich beratene Bürger zur Teilnahme an einer von der Genossenschaft betriebenen Plattform zu motivieren.“ Zumal dadurch die Möglichkeit bestehe, etwa bei kniffligen Fragen den direkten Kontakt zu einem Steuerberater herzustellen.

Kooperation mit Technik-Anbieter Casio

So sollen unter dem Dach von Datev-Tax gleich drei neue Lösungen entstehen, zum einen die Plattform für Steuerpflichtige mit Web- und App-Lösungen, zum anderen die Vermittlung eines passenden Datev-Steuerberaters und schließlich für Mandanten von Datev-Mitgliedern die Plattform zur Selbst- und Belegverwaltung. Die ersten App-Lösungen für Nicht-Mitglieder dürften ab dem kommenden Jahr zur Verfügung stehen.

Vorbereitet auf eine unangekündigte Kassen-Nachschau

Neben betriebswirtschaftlicher Beratung wie etwa zum Thema Digitalisierung oder Cloud-Lösungen mit eigenen geschützten Servern taucht Datev zunehmend im Alltag des Handels auf. Ganz besonders an der Kasse: Seit die gesetzlichen Regelungen zur Aufbewahrung und Dokumentation der Kassendaten verschärft wurden und die Finanzbehörden mit dem Jahresbeginn 2018 verstärkt zur unangekündigten Kassen-Nachschau auftauchen, besteht vor allem bei Bargeld-intensiven Branchen erheblicher Nachholbedarf, wie der Datev-Vorstandschef unterstreicht.

Daher wurde im Juli das neue Portal „Kassenarchiv online“ freigeschaltet. Vor diesem Hintergrund haben die Nürnberger eine Kooperation mit dem Technik-Anbieter Casio begonnen.
So geht's: Kassenaufzeichnungen revisionssicher archiviert
© Datev
So geht's: Kassenaufzeichnungen revisionssicher archiviert
Das neue Archiv macht die Daten im Fall der unangekündigten Kassen-Nachschau oder Betriebsprüfung jederzeit verfügbar – entweder durch manuelles Hochladen oder direkt und automatisiert über das Kassensystem. Die Geräte müssen über entsprechende Schnittstellen verfügen. Ziel sei es, künftig die Kassendaten strukturiert an das Datev-Rechenzentrum zu liefern.

Dort könnten sie dann automatisiert verarbeitet werden. Dies ist laut Mayr ein „schönes Beispiel dafür, wie sich mit intelligenten und einfach gestalteten Lösungen für Unternehmen und Steuerberater administrative Prozesse effizient und rechtssicher gestalten lassen.“ Dies sei ein „echter Mehrwert für kleine und mittlere Unternehmen“, denn diese erhielten Funktionen und Rechtssicherheit auf einem Niveau, das sich sonst eher Konzerne leisten können.

Investition in digitale Schnittstellen

Und last but not least brennt dem Datev-Chef noch ein anderes Thema unter den Nägeln: Immer noch lieferten 60 Prozent der gewerblichen Mandanten ihre Daten überwiegend in Papierform an die Kanzleien. Mayr: „Wir müssen dafür sorgen, dass kaufmännische Prozesse durchgängig, ohne Medienbruch, funktionieren.“ Sprich, die Finanzbuchhaltung muss automatisiert werden.

Deswegen hätten die Nürnberger in den vergangenen Monaten intensiv daran gearbeitet, digitale Schnittstellen zu den Vorsystemen zu schaffen. Ein Beispiel dafür sei Paypal: Bisher mussten Webshops beziehungsweise deren Steuerberater die Zahlungsdaten aus Paypal mit hohem manuellem Aufwand in die Buchführungssysteme übertragen.

Nun konnte Datev gemeinsam mit Paypal eine direkte Schnittstelle integrieren, über die diese Daten automatisch übermittelt und weiterverarbeitet werden können.
Ähnliche Partnerschaften wurden mit anderen Dienstleistern geschlossen, darunter Salesforce, die führende Plattform für Vertrieb, Service, Marketing, Handel und Datenanalysen. Die Zahl solcher auf dem Datev-Marktplatz angebotenen Partnerlösungen hat sich allein binnen Jahresfrist auf heute rund 150 verdoppelt.

All dies sind nur die ersten Schritte, die nächste Stufe sei bereits geplant: Mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz sollen bald schon „Echtdaten“ im Echtbetrieb verarbeitet werden, in einem selbstständig weiter lernenden System. Ein Pilotprojekt startet noch in diesem Jahr. Doch bis zum serienmäßigen Markteintritt dürfte noch etwas Zeit ins Land gehen.

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