Unausgegorene Regierungsmaßnahmen und verunsicherte Kunden: Autohandel ist in Zeiten der Dauerdieselkrise ein schwieriges Geschäft – und dürfte es absehbar auch bleiben.

Diese Woche in einem Autohaus in einer von 14 von der Bundesregierung in nächtlicher Sitzung ausgemachten  "Problemregionen" der Republik, sagen wir in Stuttgart: „Ich möchte meinen Euro-5-Diesel umrüsten, damit ich kein Fahrverbot befürchten muss.“ „Da kann ich Ihnen nichts Genaues sagen. Wahrscheinlich ist das technisch gar nicht möglich – teuer wird es auch. Unser Hersteller zahlt das jedenfalls nicht und übernimmt auch keine Garantie. Aber nehmen Sie doch besser einen Neuwagen – da haben wir glänzende Angebote mit tollen Rabatten!“

"Kompromiss" ist an der Basis angekommen

Der pünktlich vor der Einheitsfeier am 3. Oktober und passend zu den bevorstehenden Landtagswahlen in Bayern und Hessen verkündete "Kompromiss" von Verkehrs- und Umweltministerium zum deutschen Dieseldesaster ist an der Basis angekommen – und da läuft es nach dem Motto: weiter so! Die Hersteller machen erst gar keinen Hehl daraus, dass sie die seit dem vergangenen Jahr nach dem zum „Dieselgipfel“ geadelten ersten Krisentreffen ausgelobten „Umweltprämien“ ganz einfach weiter laufen lassen.  Ein Konjunkturprogramm mit Staatssegen. Hauptsache die Absatzzahlen stimmen!
Bernd Nusser, Redakteur bei Der Handel und Etailment.
© Aki Röll
Bernd Nusser, Redakteur bei Der Handel und Etailment.
„Diesel-Deal wieder aufgelegt“, wirbt beispielsweise der japanische Hersteller Nissan mit „bis zu 5.400 Euro Eintauschprämie“. Wer das Kleingedruckte liest, stellt fest, dass die Asiaten die Maximalsumme lediglich für ihr teures Elektroauto Leaf springen lassen. Der staatliche „Umweltbonus“ in Höhe von 2.000 Euro ist sicherheitshalber gleich mit eingerechnet. 2.380 Euro hätte der Hersteller ohnehin als Rabatt abgezogen. Bleiben 1.020 Euro. Wahrlich kein tolles Geschäft für den leidgeprüften Kunden, der doch eigentlich entschädigt werden sollte…

Andernorts, wie beim Renault-Händler, schmilzt die plakativ ins Rampenlicht gerückte 10.000-Euro-Prämie beim Kauf eines Kleinwagens auf 3.000 Euro für einen Clio und gar 2.000 Euro für einen Twingo zusammen. Mit Verlaub: Einen solchen Rabatt auf den stets phantasievoll hochgehaltenen Listenpreis bekommt man alle Tage! Hyundai feiert sein ähnlich lautendes Incentivangebot gar marketinglyrisch als "Aktionsprogramm zur Verbesserung der Luftqualität".

Und damit kein falscher Zungenschlag aufkommt: Im Fokus stehen gar nicht die Fahrzeugimporteure, die geschäftstüchtig die „Regierungssteilvorlage“ aufgenommen haben, sondern die einheimischen Hersteller, die das ganze Dieseldilemma
angerichtet haben. Und weil denen juristisch nicht beizukommen ist, da sie einst die „Gesetze“ und Vorgaben für Abgasmessungen auf dem Prüfstand praktisch selbst geschrieben haben und damit auf der Straße schmutzige Autos legal zulassen konnten, ging die Regierung vor den mächtigen Autobossen einmal mehr in die Knie. Die propagierte "Doppellösung" gleicht einem Freifahrtschein für die Konzerne:
  • BMW und Opel lehnen den ministerial angekündigten nachträglichen Einbau von Abgasreinigungsanlagen in Euro-5-Diesel rundweg ab. Daimler will sich zwar "finanziell beteiligen", zunächst aber "die genaue Spezifikation des Programms klären". Volkswagen wäre "unter Umständen" bei ausgewählten Modellen dazu bereit, verweist aber auf die Zubehörlieferanten und weist gleich schon mal darauf hin, dass "mit einer Nachrüstung Mehrverbrauch und Komforteinbußen verbunden sind". Selbst in Sachen Prämien bleibt VW im Ungefähren und will diese "so zeitnah wie möglich" ausloben.
  • Die sogenannten „Tauschprämien“ können auch für gebrauchte Fahrzeuge in Anspruch genommen werden. Das spielt vor allem dem VW-Imperium in die Karten. Die Wolfsburger haben mitsamt ihrem Markenkonglomerat den Einführungstermin für den neuen Prüfzyklus WLTP zum 1. September 2018 verfehlt und noch im August Unmengen von Fahrzeugen zugelassen, die jetzt auf dem unfertigen Berliner Flughafen auf Halde und in der Folge als „Schnäppchen“ bei den Händlern stehen – nach Euro 6-Norm und nicht nach den zukunftsweisenden Vorgaben von Euro 6 d Temp.
  • Diese nach Euro 6 zugelassenen Modelle sind eigentlich der größte Skandal in der ganzen Affäre, denn sie werden als "modern und sauber" gepriesen, verfügen in der Regel aber über Abschalteinrichtungen für die Abgasreinigungsanlage. Unter dem Deckmantel „Motorschutz“ wird davon reichlich Gebrauch gemacht – was im Alltagsbetrieb dramatisch hohe Abgaswerte zur Folge hat. Nur: Diese Fahrzeuge lässt die Bundesregierung derzeit völlig außer Acht.
  • Man braucht aber keine prophetischen Gaben, um zu ahnen, dass Euro-6-Fahrzeuge auch ganz schnell ins Fadenkreuz der Richter kommen, wenn es um Fahrverbote in Innenstädten geht. Im Berliner Senat sieht man das bereits ebenso. Also, gut gemeinter Rat: Nicht auf solche Tauschangebote reinfallen und Diesel nur mit Euro 6 d Temp in Betracht ziehen!
  • Noch suggeriert vor allem Verkehrsminister Andreas Scheuer, dass die ab dem kommenden Jahr gerichtlich zugelassenen Fahrverbote gar nicht kommen werden, weil die eingetauschten Autos nun plötzlich alle „sauber“ seien. Die Luftqualität wird aber nicht in der Zulassungsstatistik, sondern an den Messstationen ermittelt. Und schon jetzt ist klar, dass Fahrverbote im Kampf gegen die Stickoxide ein stumpfes Schwert bleiben werden. Es fehlt nämlich eine praxistaugliche Kontrollmöglichkeit, bespielsweise in Form einer blauen Plakette. Die sei "nicht erforderlich", meint der Bayer im Berliner Ministerium.
  • Schließlich: Umrüstungen für Transportfahrzeuge und den kommunalen Verkehr werden aus öffentlichen Mitteln beglichen. Des Steuerzahlers Leid ist immerhin der Zusteller Freud: „Wir freuen uns, dass die Bundesregierung die wirtschaftliche Situation der KEP-Dienste berücksichtigt. Damit wird den Unternehmen die Sicherheit gegeben, dass sie ihre Dienstleistungen auch weiterhin in gewohnt hoher Qualität flächendeckend erbringen können“, kommentiert Marten Bosselmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes Paket- und Expresslogistik (BIEK), die Hilfestellung aus der Hauptstadt zufrieden.

Dem Automobilhandel kann die Entwicklung nicht geheuer sein. Er steht seit Bekanntwerden des Dieselbetrugs vor mehr als drei Jahren gegenüber den Kunden ohnehin stets in der Defensive, muss erklären, vermitteln und verlorenes Vertrauen zurückerobern. Jetzt sollen die Händler den verunsicherten Käufern auch noch einen völlig unausgegorenen Flickenteppich an lokal unterschiedlichen Maßnahmen schmackhaft machen.

Beispielsweise in Berlin: In der vergangenen Woche gehörte die Hauptstadt nicht einmal zu den 14 für die Regierung kritischen Regionen. In dieser Woche ordnete das Verwaltungsgericht auf gleich elf Streckenabschnitten Fahrverbote für ältere Diesel an.

Oder die Pendlerhochburg Frankfurt: Die richterliche Entscheidung für Dieselfahrverbote ist bereits ergangen, doch die Mainmetropole zählt ebenfalls nicht zum auserwählten "14er-Kreis". Wer soll da noch durchblicken und eine zukunftsfähige Kaufentscheidung treffen?

Abgasproblem wird nach Osteuropa verlagert

Dazu stehen die Hinterhöfe der Händler längst mit hierzulande schwer verkäuflichen Euro-5-Fahrzeugen voll, die noch nicht auf den Transporter Richtung Osteuropa gepasst haben. Auch hier droht Ungemach, denn die EU hat längst erkannt, dass Deutschland sein Abgasproblem einfach nach Polen oder Bulgarien verlagert.

Und die permanente „Rabattitis“ fällt den Händlern spätestens 2019 auf die Füße, wenn sich die Vorzieheffekte des laufenden Jahres in den gesunkenen Verkaufsstatistiken widerspiegeln. Gut möglich, dass die Hersteller ihren Partnern dann die Margen kürzen, weil sie ja ihre Jahresziele verfehlen... Autohandel war also in dieser Woche ein besonders schwieriges Geschäft – und dürfte es absehbar auch bleiben!
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