Die Innenstadt der Zukunft muss wie unsere Gesellschaft sein: analog und digital. Wie könnte es auch angesichts des individuellen Nutzerverhaltens anders sein? In vielen Kommunen wurde längst erkannt, dass digitale Aufbauhilfe im Gewerbe auch den Städten selbst zugute kommt. Viele Händler aber waren in Sachen Omnichannel bislang nicht auf der Höhe der Zeit und haben es versäumt, Angebote zu nutzen. Bis Corona kam. Jetzt gilt es, Hilfe anzunehmen.

Das Thema der digitalen Sichtbarkeit, der Online-Präsenz ist ja keineswegs neu, aber bei vielen Händlern erst mit dem Lockdown richtig ins Bewusstsein gerutscht. Einige haben da erstmals wieder auf ihre Website geschaut, andere begannen über einen Webshop nachzudenken.

Doch kaum wurden die Beschränkungen gelockert, hat das Thema E-Commerce auch wieder an Dringlichkeit verloren. Stellvertretend für viele Wirtschaftsförderer fasst Ludger Dieckhues, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungs- und Stadtmarketing Gesellschaft Bocholt das Thema so zusammen: „Wir haben 2014 im Bocholter Handel die erste Inforeihe zum Thema Digitalisierung angeboten, mit Experten unter anderem vom Handelsverband Deutschland – das ist sechs Jahre her! In der ersten Corona-Zeit haben das viele Händler aktiver verfolgt, wir haben online einen ‚Made in Bocholt-Shop‘ eingerichtet, viele haben die digitale Kommunikation intensiviert. Doch im Sommer sind etliche Geschäfte wieder in die alten Strukturen zurück gefallen.“

"Im Sommer sind etliche Geschäfte wieder in die alten Strukturen zurück gefallen.“

Ludger Dieckhues, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungs- und Stadtmarketing Gesellschaft Bocholt


Das Thema werde im Handel nicht aktiv weitergelebt, etliche jammerten, „das ist uns zu kompliziert“, darin sieht Dieckhues eine Gefahr. Er weiß aber auch, dass der Handel Unterstützung braucht, nicht nur in der Orientierung und Beratung, sondern auch finanziell. Insofern begrüßt er die Initiative von Wirtschaftsminister Peter Altmaier: „Social Media, Webshops, die Website – es kostet Geld, vielleicht auch Agenturgeld, wenn Digitalisierung im Handel vernünftig gelebt und richtig gestaltet werden soll! Und das geht scheinbar nicht ohne signifikante Förderung. Wenn man hier nach vorne kommen will, muss das über Förderung gehen. Nur: Diese muss unbürokratisch, so einfach wie möglich sein.“

Von der Antragsflut überrollt

„Digitalen und stationären Einzelhandel zusammendenken“ heißt das Sonderprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen, das sich an Händler wendete, die bislang digital noch nicht aktiv waren. Zwischen Juni und September konnten Anträge für eine Projektförderung mit maximal 12.000 Euro gestellt werden. Gerechnet hatte man mit mehreren hundert Anträgen. Die Erwartungen an den Digitalisierungsgrad des Handels waren offenbar deutlich zu hoch: 2.200 Anträge seien eingegangen, berichtet Dr. Bernd Steingrobe, Leiter des Geschäftsfeldes Forschung und Gesellschaft NRW am Forschungszentrum Jülich. Steingrobe war überrascht: „Das ist unser 4. Anlauf, bislang war das immer übersichtlich“, wundert er sich über das plötzliche Interesse.

„Das ist unser 4. Anlauf, bislang war das immer übersichtlich.“

Dr. Bernd Steingrobe, Leiter des Geschäftsfeldes Forschung und Gesellschaft NRW am Forschungszentrum Jülich


In Jülich war man auf ein derartiges Massengeschäft nicht eingestellt und musste personell aufstocken. Auch das Budget der Fördergelder musste angepasst werden. Bis Ende Dezember sollen 1000 Projektanträge bearbeitet sein, der Rest werde dann im Q1/2021 folgen. Steingrobe kündigte an, verstärkt einen vorzeitigen Maßnahmenbeginn zu ermöglichen, der jedoch keine Vorwegnahme der Antragsbewilligung darstellen werde.

Die Anträge beziehen sich überwiegend auf die Präsentation im Netz, die digitale Erfassung des Warenbestands, die digitale Optimierung interner Geschäftsprozesse wie beispielsweise der Verknüpfung von Buchhaltung und Warenmanagement, sowie das Aufsetzen von Social Media Accounts. Zu den Antragstellern gehören aber auch arrivierte Unternehmen, die beispielsweise die Gelegenheit nutzen, ihre Webshops durch Personalisierung aufzuwerten.

Digital jetzt – ist auch Glücksache

Auf Bundesebene gibt es das Programm "Digital Jetzt", das nicht rückzahlbare finanzielle Zuschüsse von bis zu 100.000 Euro für die Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen anbietet. Die Anträge wurden bislang in der Reihe ihres Eingangs bearbeitet und beschieden, wobei die Online-Fenster zur Antragstellung immer nur sehr kurz geöffnet waren, zuletzt am 2. November.
Bis Ende 2023 stellt das Bundeswirtschaftsministerium 200 Mio. Euro an Flördermitteln bereit. Um Unterstützung zu bekommen, ist auch etwas Glück erforderlich.
© BUNDESMINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT UND ENERGIE
Bis Ende 2023 stellt das Bundeswirtschaftsministerium 200 Mio. Euro an Flördermitteln bereit. Um Unterstützung zu bekommen, ist auch etwas Glück erforderlich.


Mit dieser dritten Antragsrunde sind die Fördermittel für das Jahr 2020 vollständig ausgeschöpft, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Insgesamt seien etwa 1000 Anträge im digitalen Förderportal zu "Digital Jetzt" eingereicht worden, von denen etwa 13 Prozent aus der Handelsbranche gekommen seien.

Die ersten Anträge im Förderprogramm "Digital Jetzt" werden im November beschieden. Die Bearbeitungszeit variiert, sie beträgt in der Regel einige Wochen. Da Unternehmen erst mit dem Vorhaben beginnen können, nachdem Sie den Förderbescheid erhalten haben, bedeutet das für alle: warten.

Wer bislang keinen Antrag stellen konnte, braucht dafür in Zukunft noch etwas mehr Glück: Am 1. Dezember 2020 wird die Registrierung wieder geöffnet und ist dann fortwährend offen. Bereits bestehende Registrierungen behalten ihre Gültigkeit. Die monatlich verfügbaren Kontingente werden ab Januar 2021 auf Basis eines Zufallsverfahrens verlost. Die ausgelosten Registrierungen können einen Antrag vorbereiten und einreichen.

Das Förderprogramm, wird durch dieses Losverfahren zu einem "Digital irgendwann". Auf der anderen Seite stehen immerhin 203 Millionen Euro zur Verfügung und da es bis Ende 2023 laufen soll, kann man ja auch auf ein nötiges Update der eigenen Software in drei Jahren spekulieren.
Der Webshop ist in die Jahre gekommen, er muss neu "mobilisiert" werden...
© Piekfeine Brände / Screenshot
Der Webshop ist in die Jahre gekommen, er muss neu "mobilisiert" werden...

In Bremen helfen Digitallotsen

Birgitta Schulze van Loon hatte Glück, sie konnte am 2. November einen Antrag auf Förderung stellen. Die Inhaberin von Piekfeine Brände, der einzigen Brennerei im Bundesland Bremen, will ihre bestehende Website und den Webshop den geänderten Erfordernissen (Stichwort: Mobile First) anpassen. Für die Antragstellung und Projektbeschreibung hat sie Unterstützung von der Wirtschaftsförderung der Stadt Bremen erhalten – in Form von Digitallotsen. Diese unterstützten sie bei der  Antragstellung: "Sie haben sehr gezielt nachgefragt, wollten meine Abläufe verstehen und meinen Bedarf beurteilen. Dann haben sie Hinweise und Tipps gegeben. Sie haben auch auf die Kalkulation geschaut. Das war sehr hilfreich.“

Obwohl Birgitta Schulze van Loon digital schon sehr weit ist, hatte sie vor Corona der technologischen Anpassung keine so große Bedeutung beigemessen. Damit ist sie nicht allein, wie die Wirtschaftsförderung Bremen weiß: Vielen Händlern habe erst Corona und der pandemiebedingte Lockdown bewusst gemacht, wie gravierend ihre digitalen Defizite sind.

Mit den Digitallotsen versucht Bremen, die Händler durchs digitale Universum zu steuern. Ziel sei, Händlern die digitalen Möglichkeiten aufzuzeigen, damit diese ihr stationäres Geschäft nachhaltig stärken können. In Veranstaltungen und Einzelberatungen gehe es darum, analog und digital zu vereinen, neue Geschäftschancen aufzubauen und Geschäftsprozesse nachhaltig zu optimieren.

„Häufig waren die Unternehmen in der Vergangenheit bereits in Teilbereichen aktiv und haben dadurch erste digitale Strukturen und Prozesse etabliert. Hier setzt der Digitallotse an, verschafft sich durch persönliche Gespräche ein Bild und unterstützt die Unternehmen als neutraler Ansprechpartner bei der Priorisierung und Evaluierung von angestrebten Digitalisierungsmaßnahmen“, erläutert Andrea Bischoff, Referentin Unternehmenskommunikation & Social Media bei der Wirtschaftsförderung. Die Erfahrung zeige, dass Inhaber häufig so sehr im Arbeitsalltag involviert und eingebunden seien, dass eine reflektierende und strukturierende Betrachtung der eigenen Firma nur selten im vollen Umfang gelingt. Hier gibt die Wirtschaftsförderung gemeinsam mit dem Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen kostenfreie Hilfestellung in Form eines „Sparringpartners“.
Digitallotsen: Hilfe zur Selbsthilfe, Made in Bremen
© Wirtschaftsförderung Bremen
Digitallotsen: Hilfe zur Selbsthilfe, Made in Bremen

HDE hat sich der Hilfe von Google und Amazon versichert

In diese Richtung dachte wohl auch der Handelsverband Deutschland HDE, als er mit dem frisch gebackenen HDE-Mitglied Amazon eine Kooperation einging. Die Plattform, die sich ja bislang ebensowenig als Händler verstand, wie Facebook als Publikation gesehen werden will, bietet gemeinsam mit dem Verband und weiteren Partnern Starthilfe für die Digitalisierung an. Zusammen mit dem HDE baut der Online-Händler ein kostenfreies Wissensportal zum Thema E-Commerce auf.

"Wir helfen kleinen und mittleren Händlern schnell und einfach zum passenden digitalen Standbein. Wo beginnen? Und welche Art von E-Commerce passt für welchen Händler? In unseren Onlinekursen vermitteln wir Ihnen Antworten auf Ihre Fragen", heißt es dazu auf der Website von Quickstart Online.

Es geht um die Existenz von bis zu 50.000 Geschäften, es geht um die Innenstädte, betont der HDE. Und nimmt dabei, richtiger Weise, jede Hilfe an, die er bekommen kann. Google bietet im Rahmen des Programms Zukunft Handel ebenfalls Support wie beispielsweise einen digitalen Baukasten aus Instrumenten und Trainings für eine einfache, Schritt-für-Schritt Digitalisierung kleiner und mittelgroßer Handelsbetriebe an. Mit diesem sollen Unternehmen unter anderem in die Lage versetzt werden, in Zusammenarbeit mit Ionos 1&1 und Jimdo eine professionelle Unternehmenswebseite nebst Online-Shop zu erstellen. Das Programm wendet sich deutschlandweit an rund 250.000 Unternehmen.

Von lokaler Unterstützung bis zur Hilfe aus den Weiten des digitalen Universums gibt es für Händler viele Möglichkeiten, digital aufzurüsten. Jetzt müssen sie nur noch im Alltagsgeschäft die richtigen Prioritäten setzen.

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