Kein Händlerverbund ist so komplex und so kompliziert zu steuern wie die Bielefelder EK-Servicegroup: 4000 Unternehmer in acht verschiedenen Branchen, vom Spezialisten bis zum Generalisten. Und nun soll auch noch die digitale Aufholjagd beginnen – eine echte Herausforderung.

Fast möchte man die gute alte Zeit beschwören, als sich Händler zusammentaten, um gemeinsam bei den Lieferanten Mengenrabatte zu erhalten. Mit den Jahren übernahmen diese Genossenschaften immer mehr zentrale Dienstleistungen für ihre Mitglieder. Deren Zahl stieg stetig, und vielen Händlern sicherten die Verbundgruppen über Jahrzehnte das Wachstum und Gedeihen. Zu den bekanntesten Händler-Genossenschaften zählen heute die Lebensmittel-Giganten Edeka und Rewe. Weniger bekannt ist dagegen die Bielefelder EK-Servicegroup, die dennoch zu den größten Handelskooperationen Europas gehört.
Dass der Name EK-Servicegroup den meisten Deutschen kein Begriff ist, hat einen einfachen Grund: Anders als Edeka, Rewe, Euronics, Expert oder Intersport ist der Bielefelder Verbund aus vielen Branchen immer als Dienstleister seiner Mitglieder im Hintergrund geblieben und hat sich gegenüber den Konsumenten nie als Marke aufgebaut. In Zeiten der Digitalisierung und globaler Marken betrachten das Branchenkenner mit Skepsis. Doch für die Mitglieder der Gruppe bedeutet dies auch ein Höchstmaß an Unabhängigkeit. Zumal es angesichts der Branchenvielfalt der Kooperation kaum sinnvoll wäre, eine gemeinsame Dachmarke aufzubauen. So leistet die Gruppe höchstens Unterstützung, wenn es um die Markeninszenierung der Händler geht.

Quantensprung im Ausland nach Übernahme in Holland

Ein Quantensprung gelang den Bielefeldern 2015 mit der Übernahme der niederländischen Unternehmerplattform Euretco. Nachdem der Umsatzanteil im Ausland zuvor bei 10 Prozent gelegen hatte, macht das Auslandsgeschäft heute die Hälfte der 2,4 Milliarden Euro Jahresumsatz aus. Die bessere internationale Vernetzung in 17 europäischen Ländern eröffnet den angeschlossenen 4000 Händlern ganz neue Möglichkeiten. Die dominanten Geschäftsbereiche der Gruppe sind „Living“ mit Haushalts- und Dekoartikeln, Fashion und „Family“, also Babyprodukte und Spielzeug.
Das Spektrum der angeschlossenen Handelsunternehmen und Produkte ist extrem breit. Handelskenner sprechen vom „größten Gemischtwarenladen“ unter den Verbundgruppen. So zählt die EK-Servicegroup allein 200 Kauf- und Warenhäuser zu ihren Mitgliedern, darunter Kaufring in München und das Kaufhaus Ganz in Bensheim. Während diese Generalisten quasi die gesamte Bandbreite von Fashion bis zum Porzellan-Service abdecken müssen, arbeiten andere EK-Mitglieder mit einem zugespitzten Profil und schmalerem Portfolio.

Dazu zählt zum Beispiel Siller&Laar in Augsburg. Das lokale Traditionsunternehmen hat sich auf Haushaltsprodukte rund um die Küche und den gedeckten Tisch spezialisiert. Happy Baby in Lauchringen bietet Produkte für Säuglinge und Kleinkinder, der Spielwarenhändler Bökenkamp in Bielefeld hat dagegen ältere Kinder im Fokus. Auch Buchläden wie das Geschäft am Freiheitsplatz in Hanau und Elektro-Fachgeschäfte wie Electroplus Dick in Bad Kreuznach sind Mitglieder der EK-Servicegroup. Prominente Beispiele im Ausland sind Ambience&Style in Frankreich oder Intersport im niederländischen Hengelo.

  Ein großer Teil der deutschen EK-Mitgliedsbetriebe ist in Mittelstädten angesiedelt, also dort, wo die Händler wegen rückläufiger Kundenfrequenzen unter Druck stehen. „Die Frequenzprobleme nehmen mit sinkender Bedeutung der Städte zu“, sagt Franz-Josef Hasebrink, Vorstandschef der Kooperation. So stehen viele Mitglieder der Gruppe im stationären Geschäft vor erheblich größeren Herausforderungen als große Filialisten.

 „Tatsächlich ist es eine der Fragen, wie es heute ein mittelständischer Händler schaffen kann, im Konzert der Großen noch vorzukommen“, räumt Hasebrink ein. Wichtig seien ein „gut ausgewähltes und zielgruppenbezogenes Sortiment, die Kompetenz des Unternehmers vor Ort, die Tatsache, dass man Ware anfassen kann, und schließlich die Atmosphäre, das Einkaufserlebnis“. Der Unternehmer müsse sich stark mit seiner Persönlichkeit in der Region einbringen und auf allen Kanälen kommunizieren. Insofern bedeute das Thema Omnichannel für die EK-Händler zunächst „professionelle Kommunikation im regionalen Umfeld“.

Wer sich heute durch das Netz klickt, stößt allerdings bei etlichen EK-Mitgliedern eher auf veraltete Homepages. Von professioneller Kommunikation und digitalem Handel ist dort bisher wenig zu sehen. Das soll sich jedoch bald ändern. Mit dem Gruppen-internen System „Eres“ (E-Commerce-Retail-System) soll der Sprung in die neue Zeit geschafft werden. Diese eigens entwickelte Omnichannel-Plattform bietet den Händlern zugleich ein Warenwirtschaftssystem, eine Kassenlösung, einen integrierten Onlineshop und die Anbindung an Online-Marktplätze. Erklärtes Ziel ist es, Kunden übers Netz in die stationären Geschäfte zu bringen. Dabei spielt die Positionierung der Läden eine wichtige Rolle.

Mit neuem E-Commerce-System in die neue Zeit

Nachdem der Start von Eres zunächst mit dem Kooperationspartner Vedes erfolgt war, begann der Rollout für die anderen Bereiche der EK-Servicegroup im Mai. Dafür haben die Bielefelder eine eigene Omnichannel- und eine Business-Intelligence-Einheit aufgebaut, wo alles von der IT bis zum Datenmanagement entwickelt wird. Auch in den einzelnen Geschäftsbereichen arbeiten Spezialisten, um dort alles miteinander zu verbinden. Voraussetzung dafür ist, dass es gelingt, die Händler mit ins Boot zu holen. Schließlich gehe es heute beim Thema Technologie und Prozesse nicht mehr nur um die Effizienz des eigenen Geschäftes, sondern vielmehr um den Marktzugang und Markterfolg, sagt Hasebrink.
Die EK-Servicegroup ist mit ihrem Branchenvielfalt ein komplexes Gebilde, und damit schwer zu steuern
© EK-Servicegroup
Die EK-Servicegroup ist mit ihrem Branchenvielfalt ein komplexes Gebilde, und damit schwer zu steuern
Tatsächlich ist für die Mitglieder des Bielefelder Verbundes höchste Eile geboten. Denn für die Vorreiter im Handel seien Omnichannel- und Cross-Channel-Handel längst kein Thema mehr, sagt der Handelsexperte Jörg Funder. Der Professor ist Chef des Instituts für Internationales Handels- und Distributionsmanagement an der Hochschule Worms. Wer dies bisher noch nicht umgesetzt habe, komme nicht mehr in die nötigen Datenstrukturen. Die meisten Kunden seien längst in „Wertschöpfungsnetzwerken“. Damit geben sie auch nicht mehr jedem Händler ihre Daten. Anders gesagt: Wer seine Daten inklusive Bezahlung schon bei Amazon, Ebay, Zalando oder Zooplus hinterlegt hat, wird sich seltener noch woanders neu anmelden. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
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