Das Chaos bei der Paketzustellung erzwingt neue Lösungen. Im City Center Bergedorf wird in einem Paketshop seit fünf Monaten bewiesen, was möglich ist, wenn mehrere Logistiker über ihre Schatten springen. Das ist gut für die Kunden, für die Logistiker und für das Einkaufszentrum. 2019 sollen weitere dieser Shops folgen - vielleicht ist dann sogar Amazon dabei.

Von rechts weht der Essensgeruch eines Asia-Lokals herüber, links kann man bei Jack & Jones Mode kaufen. Dazwischen ist die Zustell-Revolution. Vielleicht ist das ein zu großes Wort, aber wenn vier große Paketversender sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen, dann darf man zumindest von einem bedeutsamen Ereignis sprechen.

Dieses Ereignis heißt "Ein-Treff-Punkt" und befindet sich im ersten Stock des City-Centers Bergedorf (CCB), östlich von Hamburg. Dieser Treff-Punkt ist eigentlich nichts Besonderes - es ist eine Paketabholstation, wie es in Deutschland Tausende gibt.

Vier verschiedene Logos an einer Abholtheke

Doch die Logos von DPD, GLS, Hermes und UPS gemeinsam an der Abholtheke in einem Einkaufszentrum gibt es bisher nirgends. In der Regel reklamieren die Logistiker ihre eigenen Shops, immer schön abgegrenzt von der Konkurrenz. Das schafft ein immer größeres logistisches Wirrwarr auf den Straßen mit stetig zunehmenden Lieferverkehr.

Die Treff-Punkt-Idee könnte die Lage entspannen. Seit 15. Oktober 2018 gibt es den Schalter mit der vierfach gebündelten Zustelllogistik, eine etwas kleinere Lösung war ein Jahr lang auf derselben Etage paar Schritte weiter erfolgreich mit den Dienstleistern DPD und GLS betrieben worden.

Umsatzbringer Paketshop

Centermanager Lutz Müller ließ damals Paketabholer befragen, wie sie dieses Duale Abholsystem finden. 750 Kunden machten mit, und 51 Prozent gaben an, im Center auch noch etwas gekauft zu haben. "Ohne den Shop wären diese Menschen niemals ins Center gekommen", sagt Müller. 
Ein Schalter, vier Logos: Jeder der beteiligten Logistiker wird gleichgroß beworben
© Excofirm
Ein Schalter, vier Logos: Jeder der beteiligten Logistiker wird gleichgroß beworben
Für den Centerbetreiber Deutsche Immobilien Gruppe (DI) ist der Paketshop eine strategische Entscheidung gewesen - denn man versteht ihn als heute notwendiges Serviceangebot, um gegen rückläufige Kundenfrequzenen zu kämpfen. "Die Menschen wollen personalisierten Service", betont Center-Manager Müller.

Verzicht auf Mieteinnahmen

Und das lässt das CCB sich etwas kosten. Denn die Fläche des Treff-Punktes "wurde aus der Vermietung genommen", wie es Müller formuliert. Das zuvor hier ansässige Nagelstudio bekam innerhalb des Centers einen neuen Laden, für die freigewordenen 60 Quadratmeter des Paketshops verzichtet DI seitdem auf Mieteinnahmen. 

Doch ein Verlustgeschäft ist der quasi gesponserte Abholdienst offenbar nicht, das belegen allein die Zahlen der früheren Kundenbefragung. Heute werden im Paketshop monatlich mindestens 2.500 Pakete bewegt (Anlieferungen und Retouren zusammengerechnet), man kann hier auch Briefmarken kaufen und ganz normale Sendungen aufgeben. Am Tag kommen allein deswegen bis zu 150 Kunden ins Center - und das sind 150 potenzielle zusätzliche Kunden für die insgesamt 80 Läden hier.

Streng aufs Wettbewerbsrecht achten

Klingt überzeugend, so dass man sich fragt, warum so ein Abholshop nicht von mehr Center-Betreibern angeboten wird, wie etwa dem Branchenführer ECE. Dort interessiert man sich allerdings für solche Projekte.  Bei der Suche nach neuen Serviceangeboten für die Kunden "können wir uns auch die Ansiedlung von Shops in unseren Centern vorstellen, die Paketdienstleistungen anbieten", sagt Sprecher Lukas Nemela. "Wir sind dazu bereits auch im Austausch mit Paketdienstleistern." Auch eine Lösung wie in Bergedorf, also ein Shop, der von einem Dienstleister betrieben wird, sei grundsätzlich denkbar. Eine Einschränkung gibt es aber: "Komplett auf eine Shop-Miete verzichten würden wir allerdings nicht", betont Nemela. 

Der Shop im CCB ist nicht nur wegen des Themas Miete besonders. Denn faktisch arbeiten die Systeme der vier Logistiker getrennt nebeneinander, alles andere würde das Kartellamt nicht gestatten. Vertreter des Quartetts dürfen aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht einmal miteinander reden. 
Was die Mitarbeiter beherrschen müssen: Handgerät für die Abwicklung der Sendungen
© Excofirm
Was die Mitarbeiter beherrschen müssen: Handgerät für die Abwicklung der Sendungen
Damit trotzdem alles funktioniert gibt es den Berliner Digital-Dienstleister Excofirm, der mit seinem Produkt Paketpartner.de das System für den Shop entwickelt hat, ihn betreibt - und dafür von CCB bezahlt wird. Das Unternehmen vermittelt zwischen allen Beteiligten und hält ihn mit insgesamt acht Mitarbeitern montags bis samstags, von 8 bis 20 Uhr am Laufen. Excofirm muss bei allem wiederum eine streng wettbewerbsneutrale Position einnehmen, wie es Geschäftsführer Christoph Caesar formuliert.

Vier Logistiker, vier verschiedene Systeme

Das ist kein einfacher Job, der nicht leichter wird, wenn man sich den Ablauf ansieht: Denn jeder Logistiker hat sein eigenes System, und alles muss von Caesars Mitarbeitern beherrscht und gesteuert werden. Also muss jeder mit vier verschiedenen Barcode-Sannern und Handgeräten mit vier verschiedenen Apps umgehen können. "Alle Apps auf einem Gerät würde uns viel Aufwand sparen", sagt Caesar.
Paketshop-Revolutionär Caesar: Das Interesse von Amazon geweckt.
© Excofirm
Paketshop-Revolutionär Caesar: Das Interesse von Amazon geweckt.
Trotz dieser Umwege: Bisher scheint es zu laufen. Ein Kunde, der im CCB sein Paket abholen will, soll nicht länger als eine Minute warten müssen, bis ihm ein Excofirm-Mitarbeiter aus dem 40 Quadratmeter großen Lager die Sendung geholt hat. Vorher wurde der Kunde per SMS darüber informiert, dass das Paket im Shop angekommen ist - die Kurznachricht ist im Design des CCB gestaltet.

Eine Kassenlösung in der Cloud

Weil der Kunde hier auch bezahlen kann, etwa für Briefmarken, für deren Verkauf Excofirm von der Post autorisiert wurde, oder für Nachnahmesendungen, erfordert dieses auch eine spezielle Lösung. "Theoretisch müssten wir fünf getrennte Kassen betreiben", sagt Excofirm-Chef Caesar. Eben für die vier Logistiker und eines für Excofirm. 
Platz da: In das Lager wurden gerade 15 neue Regalböden eingezogen, um mehr Stauraum zu haben.
© Excofirm
Platz da: In das Lager wurden gerade 15 neue Regalböden eingezogen, um mehr Stauraum zu haben.
 Aber das wäre organisatorischer Unfug. Also hat Caesars Mannschaft ein cloudbasierte Kassenlösung entwickelt, über die alle Systeme zusammenlaufen, beziehungsweise, die jeden Zahlvorgang jedem Logistiker zuordnet. 

DHL will etwas Besonderes bleiben

Und noch ein Problem gibt es bisher, und das heißt: DHL. Denn die Posttochter und Marktführer der Paketdienste ist beim Ein-Treff-Punkt nicht dabei. Mehrfache Anfragen von Excofirm wurden abschlägig beantwortet - es gab immerhin von DHL den aber nur schwer umsetzbaren Vorschlag, einen eigenen Shop fünf Meter weiter einzurichten. Man will sich halt nicht gemein machen mit der Konkurrenz. Es gilt halt aber auch, den Gebietsschutz für DHL-Shops in der Umgebung einzuhalten.

DPD ist "sehr zufrieden", Amazon zeigt Interesse

Andernorts geht man mit dem Vierfachshop offensiver um. Der Europachef von UPS etwa lasse sich alle zwei Wochen berichten, wie die Geschäfte im Bergedorfer Center laufen würden.

DPD ist "sehr zufrieden" mit dem Paketshop im Center, wie es Sprecher Peter Rey formuliert. "Alles funktioniert reibungslos. Und im Vergleich zu herkömmlichen Shops sogar noch besser, weil die Mitarbeiter im Ein-Treff-Punkt sich ausschließlich um die Pakete kümmern." Denn die anderen DPD-Abholstationen im Land sind ja in Kiosken oder sonstigen Läden integriert, wo dann das Personal eben noch andere Aufgaben hat.
Christoph Caesar ist jedenfalls überzeugt, dass sein System nachhaltig ist und tauglich für viele andere Einsatzgebiete. Und er ordnet den Shop im Center gleich noch richtig ein: "Alle Welt schaut nach Bergedorf." Aber nicht mehr lange, denn Caesar sagt, dass er in diesem Jahr noch in anderen Centern vergleichbare Shops eröffnen werde, aber noch nicht wo. Mittlerweile hat er auch auch schon das Interesse von Amazon Logistics geweckt, und selbst DHL soll nicht mehr ganz so abgeneigt sein, sich an einem Verbund zu beteiligen. 

Die Zustell-Revolution bekommt Kinder.

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