Wie wahnsinnig überrascht alle getan haben nach dem letzten Quartalsbericht von Amazon. Da hält ein Unternehmen fast weltweit die Grundversorgung am Laufen, kommt fast an die eigenen Grenzen des Schaffbaren und erwirtschaftet unsägliche Umsätze ... Wo waren die verwunderten Menschen im ersten Halbjahr 2020 - in kompletter Isolation von jeglicher Nachrichtenlage? Statt die Ergebnisse verdutzt zu bejubeln und hinterher zu fragen, wo all die Umsätze herkommen, sollte man lieber aufpassen und lernen, was da in Echtzeit passiert.

Wer bitte interessiert sich für die Geschäftsentwicklung bei Amazon? Einzig Anleger, die nicht selbst auf dem Marktplatz handeln und auch ansonsten keinerlei Ahnung haben? Alle anderen im Markt Aktiven haben doch mitbekommen, wie das Geschäft rotiert! Jetzt schreien wieder alle auf - bald die 4.000$ pro Aktie - wo soll das enden!?

Jetzt zum spannenden Teil: Wir dürfen live den Weg dahin miterleben. Und man sollte lieber aufpassen und lernen, was da in Echtzeit passiert, statt hinterher verdutzt die Ergebnisse zu bejubeln und zu fragen, wo all die Umsätze herkommen.

Amazon hat aus Fehlern gelernt

Amazon hat es geschafft, große Fehler zu beheben. Endlich kann man im Advertising Produkte in automatischen Kampagnen ausschließen. Bei Amazon DSP (Demand Side Platform - die Werbeform mit Tausenderkontaktpreis auf und außerhalb von Amazon) kann man endlich seine Marke direkt managen und Produktbereiche gezielt aus- oder abwählen für korrektere Werbeumsatzdaten.

Weiterhin sind die Werbebanner mittlerweile schnell angelegt. Die Zeitaufwände wurden um bis zu 90 % reduziert. Interessiert keinen? Sollte es aber - damit wird das Wachstum im Bereich Werbung nochmals deutlich anziehen.
Steigen die Werbeetats im Besonderen im Bereich DSP, werden noch mehr Kunden direkt zu Amazon gezogen, und zwar aus dem einfachsten Grund - warum sie auch im Targeting der Werbung landen: Sie wollten exakt das Produkt oder exakt diese Marke kaufen. Wer kann das noch? Google? Facebook? Nein - können sie nicht!

Logistisches Feingefühl ist aktuell die Königsdisziplin von Amazon. Je nachdem wie gut die eigenen Durchverkaufsraten und die Accountperformance ist, kann man mehr oder weniger Ware einlagern und somit verkaufen.

Logistisches Feingefühl statt Einlieferstopps

Die mögliche Überlastung wird clever und feinfühlig gelöst anstatt früherer Einlieferstopps. Im Hinblick auf den Prime Day 2020 irgendwann im Oktober oder Anfang November ein guter Zug, um die Lager zum Start des Weihnachtsgeschäfts und des möglichen Black Friday und Cyber Monday nicht zu überlasten.

An die Lage angepasste Internationalisierung, die keiner mitbekommen hat, war der dritte große Fingerzeig der letzten Wochen. Schweden oder Polen waren dem geneigten Amazon-Nerd schon lange bekannt. Die meisten größeren Player wurden zeitig genug in Kenntnis gesetzt. Doch nun wird es wohl zuerst das Projekt "Dancing Queen", also Schweden.

Den Laden verlassen, ohne an der Kasse anstehen zu müssen - das Ladenformat Amazon Go soll auch nach Deutschland kommen.
© imago images / ZUMA Wire
Den Laden verlassen, ohne an der Kasse anstehen zu müssen - das Ladenformat Amazon Go soll auch nach Deutschland kommen.

Neue Märkte werden clever erschlossen

Der Starttermin ist unklar, und ich habe stark Polen im Zeitverlauf vorne gesehen. Doch betrachtet man es etwas detaillierter, war es sehr clever. Der Brexit naht und Nordeuropa bestellt vorzugsweise über amazon.co.uk. Polen hat mit Allegro starke Konkurrenz. Zudem sind die Läger mit der Versorgung Deutschlands und Europas ausgelastet. 

Warum also Schweden? Kleinerer Markt und akutes Problem mit dem Brexit. Warum nicht Polen? Läger für den Rest in Europa ausgelastet und starker Wettbewerb mit viel Nachfrage. Einwohner Polen ca. 38 Millionen gegen Schweden 10 Millionen.

Auch Amazon hat Lehrgeld gezahlt

Hinzu kommt ähnlich wie beim Prime Day - was soll man aktuell überhaupt anbieten? Leere Fabrikhallen oder bis zum Anschlag ausgelastete Bänder. Wie sollen zusätzliche Märkte bedient werden? Woher sollen Tausende Waren für Angebote kommen und wer hat wirklich aktuell Geld zum Kauf von Waren, die dem Wohlstand dienen und weniger dem direkten Nutzen während einer Krise?

Amazon wird nicht ohne die Aussicht auf eine absolute Erfolgsgeschichte einen Markt eröffnen. Die Niederlage in den Niederlanden zeigt, dass es scheinbar genau nicht mehr reicht, nur amazon.nl aufzubohren und es läuft von allein! Ob es wohl an bol.com gelegen hat, die man unterschätzt hat?

Einige größere Marken haben Polen vorbereitet, aber am Ende geht nun vielleicht doch nicht alles wie angekündigt im Q4 live - ist dann halt so!

Absolute Agilität

Absolut agile Entscheidungen mit der Vorbereitung auf allen Ebenen ermöglichen es Amazon immer stärker zu werden. Selbst langjährige massive Nutzungseinschränkungen im Advertising haben das Wachstum nicht eingeschränkt. Neue Vorgaben für die Einlieferung von Waren haben bisher keine Einschränkungen gezeigt.

Was also erwarten Analysten, wenn es regnet und sie ohne Schirm rausgehen? Lassen wir mal das Blabla beiseite und schauen lieber genau hin, was da in Zukunft passiert.

Die Erschließung Schwedens wird recht zügig mit Sicherheit die 5 Millionen Finnen und 5 Millionen Norweger erreichen. Allein die perfekte geografische Lage als Umschlagsort für die gesamte Ware in Nordeuropa ist grandios.

Der Tatort bald bei Amazon?

Amazon Go soll mit zehn Läden in UK an den Start gehen. Da sind wir noch ganz am Anfang, und ich glaube, keiner kann sich ausmalen, wie es wird, wenn wir plötzlich in jeder mittelgroßen Stadt einen Amazon Go haben.

In der Krise zeigte sich Amazon Prime als fleißiger Überträger der Bundesliga und kaufte zuletzt mit DAZN die Rechte an der Champions League für vier ganze Saisons. Heißt, irgendwann gehört der Samstagabend nicht mehr der Sportschau, sondern Amazon. Irgendwann wird vielleicht auch der Tatort am Sonntag bei Amazon Prime landen.

Bank, Krankenkasse, Kino - nichts ist undenkbar

Ich habe das Gefühl, die Möglichkeiten werden von Jahr zu Jahr mehr ignoriert und man feiert jeden Quartalsbericht, obwohl man eigentlich gehofft hat, es geht doch mal bergab - aber heimlich selbst investiert hat!

Amazon und die Apotheken werden zwar erst langsam miteinander warm. Aber Amazon hat schon in Klingeln und Thermostate investiert. Ob Bank oder Krankenkasse oder Kinokette - so viele weitere Bereich sind noch unerschlossen, aber geistern immer wieder durch die Foren. Glauben Sie nicht? Einfach mal Amazon Care googlen und das Video anschauen!

Amazon ist Haushaltsnormalität mit Mehrwerten in Art und Umfang, die keinen mehr überraschen dürfen.

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