Die Tellerwäscher-zum-Millionär-Vita war gestern. Heutigen Gründern schwebt eher die Metamorphose zum Einhorn, also einem Start-up mit Milliarden-Dollar-Bewertung, vor. Sie wollen etwas erreichen. Welche Branchen begehrt sind und wie sich Gründer finanzieren zeigt der aktuelle KfW Gründungsmonitor.

Start-ups gelten als eine Art Belebungsspritze für die Wirtschaft. Hier wird investiert, gefördert, kooperiert. Die oftmals superlativen Nachrichten täuschen darüber hinweg, dass das Gründungsgeschehen insgesamt in Deutschland rückläufig ist und dies seit Jahren. Die Wirtschaft lebt nicht allein von digitalen Start-ups mit unikaten Gründungsideen. Sie sind die Ausnahme.

So wenig Gründungen wie noch nie

 All jene, die vergleichsweise traditionell ein Geschäft als Existenzgrundlage eröffnen, werden weniger – sowohl im Voll- wie im Nebenerwerb. Lag die Gründerquote, also der jährliche Anteil an Existenzgründern an der Bevölkerung im Alter von 18 bis 64 Jahren, im Jahr 2002 noch bei mehr als 2,5 Prozent, sind es aktuell gerade noch 1,08 Prozent. Nur 557 000 Personen und damit 17 Prozent weniger als im Vorjahr haben eine neue selbstständige Tätigkeit begonnen – so wenige wie noch nie. Darin eingerechnet sind auch jene, die sich für eine Nachfolge in einem Unternehmen entschieden haben.

Qualität statt Quantität

Ein wesentlicher Grund für die Talfahrt ist die gute wirtschaftliche Lage und damit verbunden eine Fülle attraktiver Arbeitsangebote. Geradezu folgerichtig lässt sich im KfW-Gründungsmonitor 2018 nachlesen, dass die Zahl derer, die sich aus Mangel an Jobalternativen selbstständig gemacht haben, sogenannte Notgründer, deutlich um 37 Prozent gefallen ist – und das ist die gute Nachricht. Anders betrachtet: Die Qualität der Gründungstätigkeit hat sich verbessert. Wer sich aktuell selbstständig macht hat eine Vision: Das kann eine besondere Geschäftsidee sein, eine Innovation, ein digitales Geschäftskonzept oder ein gezieltes Wachstumskonzept.
Gründertypen im Vergleich 2017/2016
© KfW Gründungsmonitor
Gründertypen im Vergleich 2017/2016
Alle vier Gründertypen haben zugelegt. Dabei dominieren „Chancengründer“ das Gründungsgeschehen. Dazu zählten 2017 rund 60 Prozent aller Neu-Unternehmer. „Innovative Gründer“ haben ihren Anteil von 9 Prozent im Jahr 2016 auf 14 Prozent  2017 vergrößert. „Digitale Gründer“ sind jetzt mit 26 Prozent dabei (statt 21 Prozent in 2016). Die Zahl der „Wachstumsgründer“ ist von 17 Prozent auf 23 Prozent angewachsen.

Vermehrt Lustgründer statt Frustgründer

Start-ups finden sich vor allem unter den Digitalen und Wachstumsgründern, so Georg Metzger, Autor des KfW-Gründungsmonitors. „Es gibt mehr Lustgründer als Frustgründer“, bringt es Mathias Mundt, Mitgeschäftsführer der Unternehmensberatung Succeed GmbH, Darmstadt, auf den Punkt. Eine wichtige Basis, um als Gründer am Markt eine Chance zu haben.  

Gut drei Viertel der Gründer starten ein neues Unternehmen. Nur 10 Prozent übernehmen eine bestehende Firma, 12 Prozent beteiligen sich – und das ändert sich wenig. Dieser geringe Anteil sei weniger eine Frage von Anreizen als eines Informationsdefizits, mutmaßt Metzger. „Eine Ausnahme macht der Handel, Übernahmegründungen liegen hier mit 13 Prozent etwas höher, und das seit mehreren Jahren stabil“, erläutert er.
Attraktivität des Handels wächst unter Gründern.
© KfW Gründungsmonitor
Attraktivität des Handels wächst unter Gründern.

Preisliche Vorstellung der Unternehmer häufig überhöht

Apropos Handel: Betrachtet man die Branchen in denen gegründet wird, so dominieren grundsätzlich Dienstleister. Der Handel jedoch legte am deutlichsten zu und zwar von 16 Prozent im Jahr 2016 auf 22 Prozent 2017. Einen ebenfalls höheren Anteil mit 32 Prozent 2017 statt 29 Prozent im Vorjahr nehmen Dienstleister mit Fokus auf Privatkunden ein.

Nachfolge wenig begehrt

Auffallend ist die Diskrepanz zwischen nachfolgesuchenden Unternehmen und potenziellen neuen Inhabern. Grundsätzlich sei es im Einzelhandel schwierig, Nachfolger zu finden, so Mundt, „doch Interessenten gibt es.“ Die preislichen Vorstellungen allerdings lägen häufig deutlich auseinander. Die Eigentümer hätten oftmals unrealistische Preisideen. Deshalb ist er überzeugt, dass eine neutrale Beratung beiden Parteien hilft, zueinander zu finden.

Ob Unternehmensübernahme oder Neugründung – in jedem Fall wird Geld benötigt. Vier von zehn Gründern greifen ausschließlich auf eigene Mittel zurück. Zwanzig Prozent setzen zusätzlich oder ausschließlich Mittel externer Kapitalgeber ein. Wer sich selbstständig machen will, für den gibt es eine ganze Reihe von Gründungskrediten oder -zuschüssen, die teilweise regional begrenzt sind. Das passende Angebot aus dem großen Angebot herauszufiltern, gelingt Gründern selten alleine.

Auch Existenzberatung wird gefördert

Es gibt Unmengen an Anlaufstellen inklusive Low-budget-Angeboten im Internet. Seriöse Unterstützung bietet beispielsweise die KfW, die nicht nur Gründerkredite vergibt, sondern auch Beratungsförderung – sowie ein Netzwerk an Beratern. Ein möglicher Weg führt über die Industrie- und Handelskammern, die eine erste Gründerberatung machen und branchenspezifische, regionale Berater empfehlen können. Die klären mit den Gründungswilligen Basics wie die eigene Risikoeinschätzung, Verantwortungsbereitschaft oder ausreichend Startkapital. Ist die Geschäftsidee auf Herz und Nieren geprüft, wird ein Businessplan erstellt. „Stimmt die Basis, bekommen wir die Finanzierung auch gut geregelt“, betont Mundt.
Der Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) verweist ebenfalls auf die wichtige Rolle der Berater. Der könne individuell begleiten. „Jede Existenzgründung braucht ihr eigenes Drehbuch, um die Geschäftsidee erfolgreich umzusetzen“, erläutert der stellvertretende Pressesprecher Steffen Steudel. „Oft weisen Gründer, die durch erfahrene Berater unterstützt wurden, realistischere Einschätzungen über ihren Kapitalbedarf auf."

Nach wie vor sind Frauen mit 37 Prozent unter den Gründern unterrepräsentiert. Das betrifft vor allem die Vollerwerbsgründungen. Hier ist der Anteil um 4 Prozentpunkte auf 29 Prozent gesunken, ein Ergebnis der gestiegenen Männerquote. Fakt ist, Frauen konnten nicht vermehrt motiviert werden, sich selbstständig zu machen.

Erwartungen der Gründer an Rahmenbedingungen steigen

Ein Grund mögen die Rahmenbedingungen sein, die Gründer schlechter einstufen als noch 2015, wie der KfW-Gründungsmonitor ermittelte. Das Höchste der Gefühle ist entsprechend der Schulnotenskalierung eine 2,5 für das Gründerimage und den freien Marktzugang. Beratungsangebote und Infrastruktur werden mit einer 2,7 etwas schlechter als noch 2015 bewertet.
Am unteren Ende der Skala rangiert die Politik. Deren Engagement wird lediglich ein Ausreichend attestiert, dem Bildungssystem (und damit der Vermittlung unternehmerisch relevanter Kenntnisse) gar nur eine Vier minus. Interessanterweise wird der Zugang zu Krediten mit 3,6 leicht besser eingestuft als noch 2015 (3,7). „Ein Grund für die kritischere Bewertung der Rahmenbedingungen mag in der Veränderung der Qualität der Gründer liegen“, so Metzger zur Veränderung. „Denn Chancen- und Innovationsgründer haben andere Erwartungen als Notgründer.“

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