Die Coronakrise wirbelt den Einzelhandel durcheinander. Weil die Logistiker anfangs mit der Nachfragewucht zu kämpfen hatten, kamen auch Onlinehändler ins Schlingern. Doch mittlerweile laufen die Geschäfte im E-Commerce prächtig, wie eine Marktanalyse zeigt. Ebay überrascht die Analysten. Und Facebook profitiert vom veränderten Kommunikationsverhalten der Menschen weltweit.



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HANDEL & POLITIK

Die Logistik gerät ins Schlingern
Wegen der Coronakrise arbeiten auch die Logistikbereiche der Handelsunternehmen unter enormen Druck. Das hat bereits negative Auswirkungen, wie das EHI Retail Institute in einer Umfrage unter den Unternehmen ermittelt hat. Schwierig war die Zeit, als die Läden geschlossen waren. Hier gab es Problme bei der Warendistribution, heißt es. Die verzögerte Beschaffung war die höchste Hürde, es gab sogar komplette Lieferausfälle (siehe Grafik). Die rasante Verbreitung des Virus hat nach Angaben der Befragten in fast zwei Drittel aller Fälle einen erhöhten Krankenstand verursacht. Hier waren wohl laut EHI auch Fälle dabei, bei denen Mitarbeiter lediglich in häusliche Quarantäne geschickt werden, von wo aus sie gerade in der Logistik ihren Job häufig nur bedingt oder gar nicht ausüben können. 

Logistik und Corona: Jede Menge Lieferausfälle.
© EHI
Logistik und Corona: Jede Menge Lieferausfälle.


Rosige Aussichten für Apotheken
Eine Branche blickt auch in diesem Jahr positiv in die Zukunft: die Apotheken. Sie kann auf weiteres Wachstum setzen, rechnet der Bericht "Apotheken und Sanitätsfachhandel" des ifo-Instituts, der vom Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) herausgegeben wurde. Zwar haben Apotheken zeitweise mit Lieferengpässen von Medikamenten aus Asien zu kämpfen, doch das werde durch erhöhte Nachfrage beispielsweise nach Desinfektionsartikeln ausgeglichen. Im vergangenen Jahr stieg der Branchenumsatz um 5%.

© imago images / MiS
Business Guide

63 Seiten Roadmap für die „neue Normalität“

Die Welt spricht Facebook
Die Coronakrise sorgt für eine stark verändertes Kommunikationsverhalten der Menschen. Wer sich nicht mehr persönlich mit Freunden unterhalten kann, trifft sie eben virtuell. Und das spürt auch Facebook. Erstmals nutzen jeden Monat mehr als 3 Milliarden Menschen weltweit die zum Konzern gehörenden Dienste Facebook, Instagram, WhatsApp oder Messenger. Davon greifen allein 2,6 Milliarden Menschen auf Facebook zu, teilt das Unternehmen in seinem Bericht fürs erste Quartal dieses Jahres mit. An vielen der Regionen und Länder, die am stärksten von dem Virus betroffen sind, sei das Messaging-Volumen um mehr als 50% angestiegen, auch die Zahl der Sprach- und Videoanrufe habe sich bei Messenger und WhatsApp mehr als verdoppelt. Dieser Nutzeransturm hat auch positive Folgen für die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens. Die Gesamtanzeigeneinnahmen fürs erste Quartal beliefen sich auf 17,4 Milliarden US-Dollar (16 Milliarden Euro), was einem Anstieg von 17% im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Stark wuchs Werbung für Glücksspiele, stabil blieben der Technologie- und E-Commerce-Bereich. Facebook will in diesem Jahr mindestens 10.000 neue Mitarbeiter in Produkt- und Technikfunktionen einstellen, wie es heißt. In der Coronakrise arbeitet das Unternehmen mit unabhängigen Faktenprüfern zusammen, dank denen es gelungen sei, mehr als 4.000 Falschinformationen zu diesem Thema herauszufiltern. Der Aktienkurs von Facebook liegt heute deutlich im Plus.

Onlinehandel gewinnt kräftig
Als der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH) vor einigen Wochen seine Zahlen für die Umsätze des Onlinehandels im ersten Quartal verkündete, rieben sich nicht wenige Experten die Augen. So schlecht? Minus 18% im März sorgten für eine Dreimonatsbilanz von gerade einmal plus 1,5% im Vergleich zum Vorjahresquartal. Das könnte mit einem "Nachfrageschock" sowie Lieferproblemen zu tun haben. Mittlerweile weiß man aber auch, dass der BEVH in seiner Statistik die letzte Märzwoche nicht berücksichtigt hat - was nicht unerheblich sein dürfte. Nun gibt es Zahlen des Payment Service Providers Computop für die Kalenderwochen 1 bis 16, und hier sind kräftige Umsatzsprünge im Vergleich zum Vorjahr dokumentiert. Am 16. März, also mit Beginn der Kalenderwoche 12, mussten alle stationären Läden geschlossen werden, die nicht als systemrelevant gelten. Und ab dann schossen die Onlineumsätze in die Höhe, wie die Grafik zeigt. 
Krisengewinner Elektronikhandel
© Computop
Krisengewinner Elektronikhandel

Wunschtermine abgeschafft
Ab Mai will DHL den Paket-Service "Wunschzeit" einstellen, berichtet paketda. DHL bot in Metropolregionen die beiden Zeitfenster 18 bis 20 Uhr und 19 bis 21 Uhr an. Nicht etwas Corona ist Schuld an dieser Entscheidung, die Nachfrage sei hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

//// INTERNATIONAL

Ebay will 2020 wachsen
Ebay hat Zahlen zum ersten Quartal 2020 veröffentlicht und hat dabei Analysten positiv überrascht. Das Handelsvolumen des eBay-Marktplatzgeschäfts (der Wert der gehandelten Waren und Dienstleistungen) lag im 1. Quartal bei 21,3 Milliarden US-Dollar (19,6 Milliarden Euro), das entspricht einem Minus von 2% im Jahresvergleich. Mehr als die Hälfte, nämlich 12,9 Milliarden US-Dollar, wurden über mobile Geräte bestellt. Der Umsatz des eBay-Marktplatzgeschäfts betrug im 1. Quartal 2,1 Milliarden US-Dollar. Trotz Coronakrise erwartet Ebay für das zweite Quartal und das Gesamtjahr ein Wachstum. Für 2020 rechnet das Unternehmen mit einem Nettoumsatz zwischen 9,56 Milliarden US-Dollar und 9,76 Milliarden US-Dollar, was einem organischen währungsneutralen Wachstum von 1% bis 3% entspräche.

Wertvollste Handelsmarken: Amazon
Das Beratungsunternehmen Brand Finance untersucht jedes Jahr etwa 5.000 der weltweit größten Marken auf ihren Markenwert, berichtet Internetworld. Die Basis dafür ist der Gewinn, den ein Markeneigentümer durch die Lizenzierung der Marke auf dem freien Markt erzielen würde. Die Top 10 teilen sich US-amerikanische und asiatische Firmen nahezu ohne europäische Einmischung. Unangefochten hält Amazon den Spitzenplatz. Dahinter folgen: Walmart, Homedepot Taobao und TMall.com sowie Lowe's, CVS Caremark, Costco, Ikea und Alibaba.

Drive-in Konzept
Ikea Österreich wäre für den nächsten Lock-down vorbereitet. Sie haben ihr Click&Collect Konzept zu einem Drive-in-Konzept angepasst. Die Abholung ist ausschließlich mit dem Fahrzeug möglich. Jeder Kunde wählt vorab ein Zeitfenster aus, zu dem er eine ausgewiesene Abholzone anfährt. Dort stellen Ikea-Mitarbeiter die Ware mit dem notwendigen Sicherheitsabstand bereit. Die Übergabe kann somit kontaktlos erfolgen.

Amazon - wer sonst?
Die  Coronakrise beschert dem E-Commerce einen gigantischen Zulauf. Amazon bleibt mit Abstand die meist besuchte Plattform im März 2020. Wie gewaltig der Abstand ist, zeigt die Analyse von Learnbonds: Die zehn größten Plattformen wurden von 9,32 Milliarden Konsumenten besucht – allein 43,5 Prozent waren bei Amazon. Dabei sind die übrigen der Top Ten keine No-names unter den Marktplätzen: Ebay, Rakuten, Samsung, Walmart, Apple, Aliexpress, Etsy, Home Depot und Allegro – sie müssen sich 66,5 Prozent der Besucher teilen. Amazon führt die Liste mit 4,06 Milliarden Besuchern an, an Platz 2 folgt Ebay mit 1,23 Milliarden, danach folgen Rakuten.co.jp (804 Millionen), Samsung.com (648 Millionen), Walmart.com (614 Millionen), Apple.com (562 Millionen), Aliexpress.com (532 Millionen), Etsy.com (395 Millionen), Homedepot.com (292 Millionen) und Allegro.pl (272 Millionen).

Meist besuchte Plattformen im März 2020
© Learnbonds
Meist besuchte Plattformen im März 2020

Finanzielle Inklusion
Mastercard weitet sein Engagement aus und will bis 2025 eine Milliarde Menschen, 50 Millionen Kleinunternehmen und 25 Millionen Unternehmerinnen in die Digitalwirtschaft integrieren. Denn die aktuelle Coronakrise treffe vor allem die Benachteiligten in der Gesellschaft, ist bei Mastercard zu lesen. Dahinter steht ein nüchterner Gedanke: "Wenn wir einen langfristigen und nachhaltigen Aufschwung wollen, müssen wir dafür sorgen, dass alle daran teilhaben. Allen Menschen Zugang zur digitalen Wirtschaft zu ermöglichen, ist ein entscheidender Schritt", sagt Ajay Banga, President und Chief Executive Officer bei Mastercard.

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