Wie sieht der Handel in zehn Jahren aus? Antworten darauf liefert der HandelsMonitor Mega-Trends 2030+. Etailment präsentiert Ausschnitte daraus in einer wöchentlichen Serie. Diesmal beleuchtet Gastautor Dr. Dirk Morschett die extremen Veränderungen, denen die Handelslogistik unterworfen ist.

Kunden sind immer weniger bereit zu warten oder ihren Tagesablauf nach einer Lieferung auszurichten. Die Folge: In den kommenden Jahren werden völlig neue Infrastrukturen mit neuen Lägern in den Städten bis hin zu Microhubs in Wohnvierteln für eine effizientere Feinverteilung entstehen.

Es werden neue, kleinere Lieferfahrzeuge entwickelt - teilweise autonom, um den Verkehr in den Städten zu entlasten, schneller beim Kunden zu sein und Emissionen zu vermeiden.

Es werden sich weitere, neue Liefervarianten durchsetzen, und Händler werden eine Vielzahl dieser Optionen anbieten. Und nicht zuletzt wird die Logistik nachhaltig.
Cargobike von Hermes in Berlin
© Hermes
Cargobike von Hermes in Berlin

Höchste Flexibilität bei der Lieferzeit

Die Grundtendenz der Logistik wird sein, dass die Lieferzeiten immer kürzer werden und vor allem, dass der Kunde selbst flexibel bestimmen kann, wann er seine Ware erhält. Bereits heute bieten viele Händler Same-Day-Delivery an. Derzeit geht der Wettbewerb darum, den Bestellschluss für solche Lieferungen möglichst weit nach hinten zu schieben.

Noch schneller sind so genannte Instant-Deliveries. Seit Jahren bieten Unternehmen wie Tiramizoo Kurierleistungen an, bei denen Waren in weniger als einer Stunde zugestellt werden. Annanow in der Schweiz oder 7-Eleven in den USA schaffen bereits Lieferungen in einer halben Stunde.

Dezentrale Lagerbestände

Solche Expresslieferungen setzen dezentrale Lagerbestände voraus. Sie werden deshalb wohl nur für Multichannel-Händler mit eigenem Filialnetz oder für sehr große Onlinehändler, die mehrere Läger in einem Land führen können, möglich sein.

Lieferung auf Kundenwunsch wird in Zukunft bedeuten, dass Händler Same-Day-Delivery und sogar Instant-Delivery als Optionen anbieten, aber wohl gegen recht hohe Gebühren. Zum Normalfall wird dagegen die Lieferung am nächsten Tag, aber in fest zugesagten Zeitfenstern und mit flexiblen Verschiebungsmöglichkeiten.

In den Flow des Kunden liefern

Bei der Lieferung an den Kunden steht die Logistik vor zwei wesentlichen, miteinander verbundenen Problemen: Erstens ist es teuer, Ware nach Hause zu liefern und der Kunde ist nur begrenzt bereit, die dafür nötigen Liefergebühren zu zahlen. Zweitens wird der Kunde erwarten, die Lieferung dann und dort zu erhalten, wo es ihm in der jeweiligen Situation am besten passt, also eine Lieferung in seinen eigenen Tagesablauf, seinen "Flow".

Deshalb werden viele Optionen für alternative Lieferorte getestet. Paketstationen (von Logistikdienstleistern wie DHL oder auch proprietäre Systeme wie die Amazon Lockers) werden auf jeden Fall Teil künftiger Logistikkonzepte sein.
Der japanische Hersteller ZMP präsentierte im August einen Lieferroboter, der autonom Essen an öffentliche Plätze ausliefern kann.
© imago images / AFLO
Der japanische Hersteller ZMP präsentierte im August einen Lieferroboter, der autonom Essen an öffentliche Plätze ausliefern kann.

Click&Collect bleibt zentral

Eine zentrale Komponente, wie sich gerade in der Covid-19-Krise zeigt, wird Click&Collect bleiben, vor allem bei Multichannel-Händlern, die ein Filialnetz als Abholstation anbieten können. Aber auch Onlinehändler werden - zum Beispiel über Kooperationen mit dem stationären Handel - solche Konzepte anbieten.

Weniger spektakulär, aber langfristig wohl ein wichtiger Teil einer Lösung, sind verbesserte Briefkästen, die Pakete aufnehmen und in einem größeren Mehrfamilienhaus gemeinsam genutzt werden können.

Die Lieferung an Nachbarn zielt in eine ähnliche Richtung, scheint aber weniger erfolgversprechend, da sie keine wirklich effizienten, verlässlichen und kontrollierbaren Prozesse ermöglicht.
Click&Collect bei dm: Der Abholservice für online bestellte Waren bleibt ein wichtiger Baustein der Logistik für Händler mit einem Filialnetz.
© dm Drogeriemarkt
Click&Collect bei dm: Der Abholservice für online bestellte Waren bleibt ein wichtiger Baustein der Logistik für Händler mit einem Filialnetz.

Skepsis bei Kofferraum- und "In-Home"-Lieferung

Zahlreiche Unternehmen experimentieren mit der Zulieferung in den Kofferraum. Allerdings sind diese Versuche bislang fast immer gescheitert oder mangels Nachfrage eingestellt worden.

Dennoch testen Händler wie Zalando, Outfittery und andere in mehreren Ländern weiter solche Konzepte. Dass die Kofferraum-Lieferung ein Teil künftiger Lösungen ist, ist durchaus möglich, vermutlich wird sie aber eine Nische bleiben.

Noch weitreichender ist der Versuch bei "In-Home-Delivery", Ware in Abwesenheit des Kunden in seine Wohnung zuzustellen. Amazon Key ist hier das Vorreiterkonzept, daneben testen auch Walmart und Waitrose diesen Ansatz.

Ob viele Kunden das Vertrauen haben, Fremde in ihre Wohnung und sogar in ihre Küche zu lassen, die dort am Kühlschrank die Ware auffüllen, darf man durchaus skeptisch einschätzen.
Lieferkonzept Amazon Key: Ob Kunden genug Vertrauen haben, um Lieferboten Zugang zu ihrer Wohnung zu gewähren, bleibt fraglich.
© Amazon
Lieferkonzept Amazon Key: Ob Kunden genug Vertrauen haben, um Lieferboten Zugang zu ihrer Wohnung zu gewähren, bleibt fraglich.

Bestellungen an den Strand sind in den USA schon Realität

Sehr weit geht ein Projekt von 7-Eleven in den USA. Über die App 7-ElevenNOW wird Ware an einen fast frei wählbaren Ort innerhalb einer Stadt geliefert - zum Beispiel in einen Park, an einen Strand oder einen Sportplatz, und dies innerhalb von 30 Minuten.

Da keine Adressen vorliegen, hat 7-Eleven in den Städten zahlreiche "Pins" definiert, also vordefinierte Lieferorte an öffentlichen Plätzen.

Das passende Fahrzeug für jede Situation

Um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, werden derzeit neue Lieferfahrzeuge entwickelt, die mehr oder weniger disruptiv sind: Zum einen werden Lieferfahrzeuge elektrifiziert, was den Zugang zu Innenstädten sicherstellt und die Umweltbelastung der Logistik deutlich reduziert.

Für Kurierdienste in Innenstädten werden kleinere und fahrradbasierte Lieferfahrzeuge entwickelt, die jeweils Platz für einige wenige Lieferungen bieten.

Auch autonome Lieferfahrzeuge in Form von fahrenden Minirobotern sind in den letzten Jahren immer mal wieder in kleinen Versuchen getestet worden. Es ist aber nicht wirklich vorstellbar, dass diese Konzepte angesichts des notwendigen Transportvolumens in den nächsten Jahren wirklich eine nachhaltige Lösung darstellen.

Drohnen im Einsatz - Lieferung von Medikamenten in Afrika

Drohnen bleiben Nischenlösung

Daneben erzielen Pilotprojekte mit Drohnen die größte Aufmerksamkeit, seit Amazon 2013 den ersten Prototyp vorgestellt hat. Realistisch gesehen, werden Drohnenlieferungen aber - zumindest bis 2030 - eine kleine Nische bleiben, unter anderem weil sie das Paketvolumen nicht bewältigen können.

Gemäß dem Bundesverband Paket und Expresslogistik wurden 2019 in Deutschland rund 3,7 Milliarden KEP-Sendungen verschickt, das sind mehr als 10 Millionen pro Tag. Kaum denkbar, dass dies bei einem Drohnentransport verkraftbar wäre oder gesellschaftlich akzeptiert würde, wenn man sich zum Beispiel die derzeitige Diskussion über Windräder vergegenwärtigt.

Ein weiteres noch ungelöstes Problem von Drohnen und Lieferrobotern ist übrigens auch, dass hier der Kunde die Ware auf der Straße (oder dem Dach) entgegennehmen müsste, was gegenüber der Lieferung durch den Paketboten deutlich unbequemer ist.

Sinnvolle Use-Cases für Drohnen sind eigentlich nur sehr zeitkritische Lieferungen oder einzelne Lieferungen in sehr abgelegene Gebiete sowie die Intralogistik.

JD.com: Mit fahrenden Paketstationen vom City-Hub zum Kunden

Visionäre Logistikkonzepte kommen aus Asien

Betrachtet man die langfristige Entwicklung, entstehen ganz neue Mobilitäts- und Transportkonzepte. Große Händler wie JD.com, aber auch Automobilhersteller wie Toyota entwickeln derzeit visionäre Konzepte, wie die Zukunft der Transporte vor dem Hintergrund extrem steigender Volumina und der Verkehrsherausforderungen gelöst werden könnten.

Bei Toyotas Konzept "e-Palette" geht es vor allem darum, Fahrzeuge im Tagesablauf zu unterschiedlichen Zwecken einzusetzen, also zum Beispiel als Bus für den Personentransport zu den Stoßzeiten am Morgen und Abend und dazwischen für Auslieferungen von Ware aus dem Onlinehandel.

Rollende Paketstationen

Eine Idee ist, dass solche autonom fahrenden Transporteinheiten selbst Pakete oder wiederum Miniroboter aufnehmen und diese dann in die Nähe des Kunden transportieren, wo die Feinverteilung von den Minirobotern übernommen wird.

Spannend ist auch ein umfassender Konzeptentwurf von JD.com, bei dem aus (automatisierten) City-Hubs autonom fahrende Lieferfahrzeuge bestückt werden, die dann - quasi als rollende Paketstationen - zu den Kunden fahren. Elemente daraus sind langfristig sicherlich als Teil einer Logistiklösung denkbar.

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