Wie sieht der Handel in zehn Jahren aus? Was sind die Trends, die Handelslandschaft und -konzepte bis dahin beeinflussen werden? Antworten liefert der HandelsMonitor Mega-Trends 2030, der ab heute als wöchentliche Serie auf etailment.de erscheint. Im ersten Beitrag beleuchtet Professor Dirk Morschett von der Universität Fribourg/Schweiz das Thema Nachhaltigkeit. Für Händler stellt sich die Frage, wie sie mit diesem Megatrend umgehen und ob man damit überhaupt noch einen Wettbewerbsvorsprung erzielen kann, wenn letztlich alle Händler nachhaltig werden.

Während einige Vorreiter - darunter die Schweizer Lebensmittel-Großverteiler Coop und Migros oder auch die Otto-Gruppe und dm-Drogeriemarkt - das Thema Nachhaltigkeit schon seit Jahrzehnten konsequent verfolgen, ist es nun auch im Mainstream angekommen.

Zwei aktuelle Schlagzeilen zu den beiden größten Händlern der Welt innerhalb weniger Tage bestätigen die enorme Relevanz der Nachhaltigkeit für den Handel: "Walmart aims to end emissions from global operations by 2040" (Bloomberg, 21.09.2020) und "Amazon tries to make it easier to identify green products with new 'Climate Pledge Friendly' label" (Seattle Times, 23.09.2020).
Nachhaltigkeit ist ein Top-Thema für den Handel. Das zeigen die vielen Schlagzeilen über die großen Player.
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Nachhaltigkeit ist ein Top-Thema für den Handel. Das zeigen die vielen Schlagzeilen über die großen Player.

Ein Begriff mit vielen Facetten

Ein Problem bei der Umsetzung einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie ist die Komplexität des Themas, denn unter dem Begriff "Nachhaltigkeit" werden zahlreiche ökologische und soziale sowie ökonomische Aspekte zusammengefasst. Darunter fallen so unterschiedliche Aspekte wie
  • CO2-Emissionen/Klimaschutz
  • Ressourcenverbrauch
  • Menschenrechte
  • Fairer Handel
  • Verpackung/Plastik
  • artgerechte Tierhaltung
  • Vermeidung von Pestiziden
  • Vermeidung umweltschädlicher Inhaltsstoffe und
  • Lebensmittelverschwendung.

Den Dialog mit den Stakeholdern suchen

Welche Nachhaltigkeitsaspekte für eine konkrete Handelsbranche und das eigene Unternehmen wirklich relevant sind, muss dabei im Rahmen einer Materialitätsanalyse systematisch untersucht werden. Dabei geht es darum, die wichtigsten Nachhaltigkeitsaspekte zu analysieren, u. a. indem ein systematischer Dialog mit allen relevanten Stakeholdern im In- und Ausland geführt wird:

  • Welche Nachhaltigkeitsaspekte sind für den Händler relevant?
  • Welche Relevanz haben die verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekte für die externen Stakeholder des Unternehmens?

Auf der Basis der Materialitätsanalyse werden die wichtigsten Themen identifiziert und priorisiert. Für den Einzelhandel werden im Folgenden einige zentrale Handlungsfelder dargestellt.

Nachhaltige Sortimente

Je nach Branche sind die wichtigsten Nachhaltigkeitsaspekte im Sortiment unterschiedlich. Dies können die Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern sein, der Verbrauch natürlicher Ressourcen, gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe oder vieles mehr.

Die zahlreichen Aktivitäten, Initiativen und Labels der Textilindustrie belegen zwar die Relevanz und Dringlichkeit sozialer und ökologischer Beschaffung, aber sie tragen vermutlich eher zur Verwirrung des Konsumenten als zu einer wirklichen Transparenz bei, sodass hier eine Konsolidierung der Labellandschaft sinnvoll wäre.

Im Lebensmittelhandel ist ermutigend, dass die Bio- und Fairtrade-Umsätze in Deutschland sehr schnell wachsen. Dennoch liegt das Fairtrade-Volumen in Deutschland nach Angaben des Forums Fairer Handel noch unter 2 Milliarden Euro, was zeigt, dass weiterhin enormer Handlungsbedarf besteht.

Ziel ist die Öko-Effektivität

Bezüglich der Umweltwirkungen müssen die Handelsunternehmen langfristig nicht nur die Öko-Effizienz der Produkte verbessern, sondern sich, radikaler, um Öko-Effektivität bemühen, bei der von Anfang an in Produktkreisläufen gedacht wird.

Ziel dieses ganzheitlichen Kreislaufansatzes, der auch unter dem Stichwort "Cradle-to-Cradle" diskutiert wird, ist es, eine unbegrenzte Wiederverwendung der eingesetzten Rohstoffe zu erreichen. Interessante Beispiele finden sich bei der Bekleidung, wo zum Beispiel Allbirds Schuhe aus Eukalyptusfasern und aus bio-basiertem Kunststoff auf Zuckerrohrbasis anbietet.

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Trends

So wichtig ist dem Handel die Nachhaltigkeit

Unverpackt-Konzepte als Zwischenlösung

In jüngerer Zeit steht das Verpackungsthema ganz oben auf der Agenda. Verpackungen werden reduziert, Kunststoffanteile vermieden, auf rezykliertes Material und soziales Plastik gesetzt und neue, weniger umweltschädliche Verpackungsmaterialien entwickelt.

Zudem boomen Unverpackt-Konzepte, die aber vermutlich nur eine Zwischenlösung sein werden. So haben diese derzeit zwar eine große Aufmerksamkeitswirkung, aber auch erhebliche Nachteile. Langfristig ist es vermutlich sinnvoller und ökologischer, wirklich nachhaltige Verpackungsmaterialien zu entwickeln.

Nachhaltige Logistik

Das Ziel einer nachhaltigeren Logistik ist weltweit schon seit Jahrzehnten zu beobachten, die Klimadiskussion hat dem Thema aber einen weiteren Schub gegeben.

Die beiden wichtigsten Ansatzpunkte, die Logistik nachhaltiger zu gestalten, sind

  • nachhaltiges Transportmanagement, also Reduktion von Transporten und Fahrten sowie Einsatz umweltfreundlicher Transportmittel wie Elektro-Transporter oder Fahrräder, die sich in den nächsten Jahren für die Feinverteilung auf der letzten Meile durchsetzen werden, und
  • nachhaltiges Lagerhausmanagement, zum Beispiel Reduktion des Landschaftsverbrauchs und des Energieverbrauchs im Lager (für Räume und für Fördermittel).
Zur Reduktion von Transporten bieten die Digitalisierung der Supply-Chain und bessere Nachfrageprognosen durch KI ein erhebliches Optimierungspotenzial.

Bertrand Piccard gibt das Startzeichen für die Wasserstoff-Elektromobilität in der Schweiz



Eine sehr visionäre Initiative für nachhaltige Logistik in der Schweiz ist der Förderverein H2 Mobilität, in dem u. a. die wichtigsten Händler des Landes mitwirken. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 insgesamt 1.600 Wasserstoff-Elektro-Nutzfahrzeuge auf die Straßen zu bringen und bis 2023 ein flächendeckendes Wasserstoff-Tankstellennetz aufzubauen. Schon bis Ende 2020 wird die Achse Bodensee-Genfersee abgedeckt sein.

Nachhaltige Läden

Ein für den Kunden sichtbares Element der Handelsleistung sind die Läden, die durch Beleuchtung, Klimatisierung, Lüftung und Kältetechnik, aber auch durch den Landverbrauch und die Baumaterialien einen deutlichen Einfluss auf die Nachhaltigkeit des Handels haben.

Nach Berechnungen des HDE hat der Handel in diesem Bereich seinen CO2-Ausstoß seit 1990 bereits um mehr als 50 % gesenkt; Aldi Süd sei dabei zum Beispiel einer der größten privaten Betreiber von Solaranlagen auf Gebäudedächern.

Teil der Unternehmenskommunikation

In den nächsten Jahren kann der Handel noch große Anstrengungen unternehmen, um seinen Footprint durch nachhaltigere Gebäude weiter zu reduzieren, durch den Einsatz ökologischer Baustoffe, weniger versiegelte Flächen, Solaranlagen, Tageslichtarchitektur und LED-Beleuchtung, effiziente Kältetechnik und vieles mehr.

Die Relevanz der Nachhaltigkeit zeigt sich auch darin, dass derartige Maßnahmen immer stärker in die Unternehmenskommunikation eingebunden werden. So zeigt zum Beispiel Lidl Schweiz in seinen Prospekten unter dem Stichwort "Lidl Verantwortung", dass man auf energiesparende Filialkonzepte setzt, und erklärt die vielfältigen Maßnahmen zum Umweltschutz.

Den Vorsprung aufrechterhalten

Langfristig stellt sich die Frage, ob Nachhaltigkeit für einen Händler einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil darstellen kann, wenn Nachhaltigkeit zur "Norm" wird.

In Deutschland arbeiten alle großen Händler an Nachhaltigkeitsinitiativen. Zudem verschärfen sich die gesetzlichen Vorschriften bezüglich sozialer und ökologischer Nachhaltigkeitsaspekte stetig, sodass ein verantwortungsloses Handeln auch gesetzlich immer stärker ausgeschlossen wird.

Die Schwelle zum USP wird höher

Dennoch hat Nachhaltigkeit weiterhin das Potenzial, als wichtiger USP eines Händlers zu dienen, auch wenn die Schwelle, um als besonders nachhaltig wahrgenommen zu werden, immer höher liegt. Zwei Beispiele belegen dies:
  • Die Coop Schweiz demonstriert stetig, dass man mit der Erfahrung aus fast 30 Jahren den Anspruch höchster Nachhaltigkeit so umfassend realisieren kann, dass man schwer einzuholen ist, und dies in einem Land, in dem fast alle Händler auf Nachhaltigkeit setzen. Heute ist Coop auf dem besten Weg, das 2008 formulierte Ziel, bis 2023 CO2-neutral zu sein, zu erreichen. Der Nachhaltigkeitsumsatz hat bereits mehr als 20 % des Gesamtumsatzes erreicht.
  • Viele der "Digitally Native Vertical Brands" haben Nachhaltigkeit zu ihrem Markenkern gemacht und damit in wenigen Jahren etablierte Händler überholt. Unternehmen wie Allbirds, Everlane und The Honest Company profitieren dabei nicht nur davon, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema für ihre Zielgruppen auf Social Media ist, sondern auch davon, dass Stars das Thema für sich entdeckt haben. So hat Leonardo DiCaprio in Allbirds investiert, The Honest Company wurde von Jessica Alba gegründet.

Dies zeigt, dass man mit einem umfassenden, einzigartigen, kreativen und strategisch fundierten Nachhaltigkeitsmanagement auch langfristig aus der Masse der Händler herausragen kann.

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