Für die Herstellung und den Verkauf von Produkten wird die Kreislaufwirtschaft immer wichtiger. Unternehmens- und Markenverantwortliche sollten sich jetzt darauf vorbereiten, indem sie ihre Businessmodelle überprüfen und anpassen, sagt Etailment-Gastautor Michael Fleck von der Berliner Strategieberatung Diffferent.

Schon heute ist absehbar, dass die Warenproduktion und -zirkulation über kurz oder lang auf europäischer Ebene geregelt wird – hin zu mehr Nachhaltigkeit. Der Grundstein ist mit Beschluss des neuen Kreislaufwirtschaftsgesetzes und der darin verankerten Produktverantwortung bereits gelegt.

Produzierende Unternehmen, die an der Kreislaufwirtschaft teilnehmen möchten, müssen künftig untersuchen, ob sich die Inhaltsstoffe der eigenen Produkte und deren Zusammensetzung für eine zirkuläre Wirtschaft eignen. Vor allem in Industrien, in denen es kaum Auflagen gibt, wie etwa in der Modebranche, ist dies ein wichtiger Schritt, um die für eine Kreislaufnutzung notwendige Qualität zu sichern. Je reiner die Zusammensetzung, desto besser ist das Produkt für biologische Kreisläufe geeignet. 
Mieten statt Kaufen, Sortimentserweiterung um Gebrauchtwaren oder Reparaturservice: Für Händler gibt es zahlreiche Möglichkeiten, das Konzept der Kreislaufwirtschaft auszugestalten und neue Geschäftsmodelle zu etablieren.
© IMAGO / Science Photo Library
Mieten statt Kaufen, Sortimentserweiterung um Gebrauchtwaren oder Reparaturservice: Für Händler gibt es zahlreiche Möglichkeiten, das Konzept der Kreislaufwirtschaft auszugestalten und neue Geschäftsmodelle zu etablieren.

Unternehmen sollten ihre Ressourcen und Verbrauch kennen

In diesem Kontext sollten Unternehmen auch ihre eigenen Ressourcen und den genauen Verbrauch kennen. Vor allem bei Kunststoff-Verpackungen werden in den nächsten Jahren EU-weite gesetzliche Regelungen für den Einzelhandel erwartet, um die Wiederverwendung von Produkten zu fördern.


Auch der Energieverbrauch und Strombezug auf Laden- und Lagerflächen, die Emissionen für Logistik sowie die Produktion und das Recycling von Abfällen, speziell die Entsorgung von Metallen oder anderen wiederverwertbaren Ressourcen, spielen eine Rolle.

Wer sich frühzeitig Gedanken macht, wird später nicht von etwaigen Gesetzen überrascht. Und ermittelt gleichzeitig zukunftsfähige Handlungsfelder, in denen Ressourcen gespart und toxische Abfälle aus Liebe zum Menschen und zur Umwelt vermieden werden können.

Geschäftsmodelle überdenken

Indem Entscheider Produkte und Ressourcen auf den Prüfstand stellen, sind sie auf einem guten Weg hin zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Richtig spannend und relevant wird die Reise aber erst, wenn Unternehmen anfangen, ausgehend von den Circular-Economy-Prinzipien generell ihr Geschäftsmodell zu überdenken und diese Schritt für Schritt umzustellen oder zu erweitern. 
Wie wäre es zum Beispiel, Wasch- oder Geschirrspülmaschinen zur Miete anstatt zum Kauf anzubieten, so wie es das Unternehmen Grover schon für kleinere Elektrogräte macht? Händler mit überschüssiger Fläche könnten außerdem einzelne Flächen im Laden untervermieten oder sozial-ökologischen Initiativen zur Verfügung stellen und so einen neuen Anreiz für Neukunden und weitere Zielgruppen schaffen.

So geschieht es zum Beispiel gerade in der Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof am Hermannplatz in Berlin-Neukölln: Die Berliner Stadt Reinigung (BSR) hat dort einen "Re:Use Store" eingerichtet, in dem Waren verkauft werden, die auf der Straße gelandet sind und von der BSR gerettet wurden. Der Laden ist ein real gewordenes Ebay-Kleinanzeigen-Land und ein gutes Beispiel dafür, dass Waren mehr als nur einmal verkauft werden können.

Einmalige Chance

Der Handel und insbesondere der stationäre Handel haben die einmalige Chance, das Konzept der Kreislaufwirtschaft auszugestalten und vielfältig in die Zukunft zu führen. Sie stellt eine Disruption von Werten dar und ermöglicht es, Bestehendes neu zu denken. Vermeintliche Ambiguitäten zwischen Profit und Planet sollten dabei ausgehalten und sogar zusammengedacht werden.

Unternehmen und Händler, die gebrauchte Waren zusätzlich zu neuen Produkten verkaufen oder Reparaturen anbieten, gefährden nicht die eigene Produktion, sondern ergänzen diese sinnvoll. Schließlich sind gebrauchte Waren günstiger und somit auch für andere Zielgruppen spannend.

Beispiel NFTs

Ebenfalls aufheben sollte man Kategorien-Denkweisen und Branchen-Silos. Was können Unternehmenslenker und Markenverantwortliche im Handel von anderen Branchen adaptieren, wie können sie sich inspirieren lassen? Ein Beispiel ist das Geschäftsmodell der NFTs: Bei NFTs wird im Moment daran gearbeitet, dass Urheber beim Wiederverkauf mitverdienen

Gebrauchte und wiederaufbereitete Produkte werden für umwelt- und preisbewusste Konsumenten zunehmend interessant.
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Wenn es gelingt, diese Logik auf den Wiederverkauf von Gebrauchsgegenständen zu übertragen, wäre der Anreiz für einen kreislaufgetriebenen Markt höher. Und versieht man nicht nur die herstellenden Unternehmen beim Wiederverkauf mit einer Marge, sondern auch die Vorbesitzer, steigt deren Bereitschaft, Produkte für einen Wiederverkauf zurückzugeben, anstatt sie wegzuwerfen.


Dazu sind möglichst flächendeckend digitale Produktpässe einzuführen. Erste Anwendungen für diese Pässe gibt es bereits: Bisher speichern QR-Codes Daten zur Herstellung und Recyclingfähigkeit von Gegenständen und schaffen so Transparenz im Hinblick auf Nachhaltigkeit. Für den Bezug von Margen beim Wiederverkauf müssten über den QR-Code aber auch – unter Einhaltung der Datenschutzverordnungen – Käufer und Hersteller nachverfolgbar sein.

Allianzen bilden

Die Kreislaufwirtschaft ist umso erfolgreicher, je mehr Unternehmen mitmachen. Daher ist es ratsam, Allianzen zu bilden: Kann man gewisse Infrastrukturen zusammenlegen, sodass sich der organisatorische und finanzielle Aufwand für Unternehmen senken lässt? Können Kooperationen eingegangen werden, um des einen Müll für den anderen als wertvolle Ressource nutzbar zu machen?


Wer glaubt, dass diese neuen Ansprüche oder Parameter einschränken, liegt falsch: Die Kreislaufwirtschaft ist eine Einladung, den kompletten Handel mit Waren inklusive der angebotenen Services neu zu denken.

Und genau darin liegt ein wirksamer Hebel für industrieübergreifende Kreativität, Innovationen, qualitatives Wachstum und neue Ökosysteme. Unternehmenslenker, die jetzt handeln und sich für Konzepte und Businessmodelle im Sinne der Circular Economy entscheiden, werden in Zukunft neues Wachstum generieren.

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