Innerhalb Europas gibt es beim Onlineshopping mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Für einen deutschen Händler kann sich ein Blick über die Grenze lohnen, wenn er die landesspezifischen Eigenheiten beachtet.

Die Europäer sind begeisterte Onlineshopper. Jeder vierte Internetnutzer in Europa kauft mindestens einmal pro Woche Produkte oder Services online, zeigt der 2017er „Masterindex zu europäischem E-Commerce und neuen Bezahlarten“ des Kreditkartenanbieters Mastercard. Ein Großteil der Verbraucher ist bereit, bei Anbietern im europäischen Ausland zu kaufen. 

90 Prozent der Europäer kaufen demnach mindestens einmal im Jahr online ein. Knapp zwei Drittel (63 Prozent) erwerben einmal im Monat im Internet Produkte. 9 Prozent der Befragten gaben sogar an, das Internet täglich für Einkäufe zu nutzen. Dabei sind die Internetnutzer aus Großbritannien besonders begeisterte E-Commerce-Shopper: Rund vier von zehn Briten kaufen demnach mindestens einmal pro Woche online ein, dicht gefolgt von den Iren mit 32 Prozent und den Deutschen (30 Prozent). 
Paketzustellung Frankreich
© La Poste
Paketzustellung Frankreich
Europaweit betrachtet, sind Kleider und Schuhe mit 48 Prozent die beliebteste Kategorie, dann folgen Tickets (34 Prozent), elektronische Geräte (33 Prozent) und Bücher (31 Prozent). 

Hinsichtlich der beliebtesten Zahlungsmethoden zeigen sich europaweit Unterschiede. In Tschechien, Deutschland, den Niederlanden und Polen ist die Bestellung auf Rechnung doppelt so beliebt wie Kartenzahlung. In Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Spanien, Irland und Italien sind hingegen Karten mit Abstand das beliebteste Zahlungsmittel. 
So viel verkauften Onlinehändler ins eigene und in andere europäische Länder.
© Eurostat
So viel verkauften Onlinehändler ins eigene und in andere europäische Länder.
 Die meisten Verbraucher sind demzufolge bereit, bei Anbietern im europäischen Ausland zu kaufen. 41 Prozent der Befragten bestellen mindestens einmal im Jahr Produkte außerhalb ihres Heimatlandes. Ihre Motive: 40 Prozent lassen sich von Angeboten überzeugen, 33 Prozent bevorzugen ausländische Shops aufgrund der Konditionen und für 32 Prozent der Internetnutzer steht die bessere Verfügbarkeit der Produkte im europäischen Ausland im Vordergrund. Der Handel stellt ausgewählte Länder vor, mit denen deutsche Händler gute Geschäfte machen könnten. 

Frankreich: Der sprechende Briefträger

Mit einem Umsatz von rund 38 Milliarden Euro ist Frankreich laut Statista der drittgrößte E-Commerce-Markt Europas nach Großbritannien und Deutschland. Experten schätzen, dass im Jahr 2022 bereits ein Marktvolumen von rund 53 Milliarden Euro erreicht wird. Dies entspricht laut Statista einem jährlichen Umsatzwachstum von 8,8 Prozent. 

Attraktiv ist Frankreich durch die knapp 67 Millionen Einwohner, einer hohen Kaufkraft und einer langen Tradition im Versandhandel. Online-affin sind die deutschen Nachbarn obendrein: Das 2012 abgeschaltete „Minitel“, die französische Version des deutschen Bildschirmtextes (BTX), war 30 Jahre lang der Vorläufer des Internets für die Franzosen. Im Jahr 2000 nutzten rund 25 Millionen Franzosen die Terminals, knapp die Hälfte der Bevölkerung.
 Und so zählen die Franzosen heute zu den aktivsten Internetnutzern Europas. Hinzu kommt, dass die Franzosen mit dem Katalog aufgewachsen sind. „Bis heute ist der Katalog deshalb für viele Franzosen unverzichtbar“, erläutert Oliver Schleiss, stellvertretender Geschäftsführer des Versanddienstleisters Asendia Germany. „Beim Onlineshopping ist der Preis für die meisten Franzosen eines der wichtigsten Kriterien und für ihre Lieblingsprodukte erwarten sie personalisierte Rabatte.“ 

Wer in Frankreich Erfolg haben will, müsse wie ein echter Franzose auftreten, rät er: „Die Ansprache im korrekten Französisch ist ein Muss. Das betrifft nicht nur die Website, sondern auch Werbebriefe.“ Da mache es sogar Sinn eine ‚Briefmarke‘ mit lokaler Anmutung zu verwenden und wie ein einheimisches Unternehmen aufzutreten. 
Die sprechende Briefträgerin - in Frankreich ganz normal
© La Poste
Die sprechende Briefträgerin - in Frankreich ganz normal
 Werbetreibende können ihre Zielgruppe per Direktmarketing zudem tatsächlich auch direkt ansprechen: „Möglich wird das durch den ‚Sprechenden Briefträger‘, der das Interesse der Mailingempfänger weckt“, wirbt Schleiss. „Rund 80.000 Postboten qualifizieren vor Ort Adressen für zielgruppenspezifische Marketingaktionen und informieren Verbraucher persönlich über die neuesten Angebote.“ 

Der Postbote ist gleich nach dem Bäcker die beliebteste Person in Frankreich. 92 Prozent der Franzosen vertrauen ihrem Briefträger. „Hinzu kommt, dass viele Franzosen eine besonders emotionale Bindung zu ihm haben“, sagt Schleiss. „Auf dem Land ist der Postbote für ältere Menschen oft der einzige Sozialkontakt am Tag.“ 

Was das Bezahlen angeht, sind Kreditkarten in Frankreich weit verbreitet. So bezahlen gut die Hälfte (54 Prozent) der Onlinekunden laut Statista ihre Einkäufe per Lastschrift oder Kreditkarte. 36 Prozent nutzen Bezahldienste wie PayPal. „Heute ist es sogar üblich, selbst kleine Beträge, beispielsweise für die Frühstücksbrötchen beim Bäcker, mit der Kreditkarte zu bezahlen“, beobachtet Schleiss. Demzufolge sei die Zahlungssicherheit im Versandhandel besonders hoch. Auch beim Warenangebot sollte man die Kultur in unserem Nachbarland beachten: „So sind Schlafanzüge in Frankreich unbekannt und die Maße der Bettwäsche unterscheiden sich deutlich von denen in Deutschland“, so der Frankreich-Kenner.

Die durchschnittliche Retourenquote beträgt in Frankreich zwischen 10 und 20 Prozent, je nach Produkt. Bei Mode und Bekleidung sowie Schuhen kann sie aber durchaus auf Werte von 25 Prozent und mehr steigen. Die französische Postgesellschaft La Poste, eine der Muttergesellschaften von Asendia, bietet jetzt auch Briefkastenretouren an. Rücksendungen, die bis acht Uhr morgens in den Briefkasten hinterlegt werden, nimmt der Postbote am gleichen Tag mit. Möglich wird dieser Service, da viele Franzosen einen verhältnismäßig großen Briefkasten haben, den die Paketboten öffnen können. 

Briten lieben Onlineshopping 

Der Brexit trübt die Konsumlaune auf der Insel ein bisschen, aber die Voraussetzungen im britischen E-Commercemarkt sind nach wie vor sehr gut. Das Marktforschungsunternehmen eMarketer geht davon aus, dass der Markt weiter wachsen und bis 2021 rund ein Viertel des gesamten Handelsumsatzes Großbritanniens ausmachen wird. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz laut E-Commerce Foundation umgerechnet 197 Milliarden Euro – so viel wie in keinem anderen europäischen Land. 
 Eine Studie des Logistikunternehmens Postnord zeigt, dass die Mehrheit (60 Prozent) der britischen Onlinekunden am liebsten Kleidung und Schuhe online bestellen. Elektronik steht für 45 Prozent der Briten an erster Stelle. Mit 39 Prozent liegen Bücher auf Platz drei, gefolgt von Kosmetika und Lebensmitteln mit jeweils 32 Prozent. 

Das Forschungsunternehmen comScore listete im März die meistbesuchten Handelsseiten in Großbritannien auf. Wenig überraschend stehen bei den Briten an der Spitze die beiden Onlinemarktplätze Amazon auf Platz eins und eBay auf Platz zwei. Beide Plattformen könnten also ein guter Einstieg für deutsche Händler sein, um an britische Verbraucher zu verkaufen. 

Schweiz mit komplexen Zollvorschriften 

Zwar ist die Schweiz kein Mitglied der Europäischen Union, aber für deutsche Händler sind die Eidgenossen dank der hohen Kaufkraft eine interessante Zielgruppe. Knapp 20 Prozent der E-Commerceausgaben gehen an Anbieter, die nicht in der Schweiz ansässig sind, melden die Marktforscher des E-Commerce Report Schweiz 2017. 

Insgesamt bestellten die Schweizer demnach 2017 Waren im Wert von mehr als 8 Milliarden Schweizer Franken online. Mit pro-Kopf-Ausgaben von jährlich 2400 Schweizer Franken liegt die Schweiz bei den Onlineausgaben nach Großbritannien an zweiter Stelle in Europa. Versender aus dem Ausland profitieren von einem dichten Abholstationennetz. Die Schweizerische Post hat beispielsweise mehr als 2500 „Pick-up-Points“ in Poststellen, Supermärkten oder Tankstellen. Onlinekunden können den Pick-up-Point als Lieferadresse nutzen und dort Sendungen aufgeben oder zurückschicken.
In der Schweiz Pakete an der Tankstelle abholen
© Swiss Post
In der Schweiz Pakete an der Tankstelle abholen
 Unternehmen aus Deutschland und Österreich steht für die Rücksendung bei Bedarf auch eine Retourenadresse in der Schweiz zur Verfügung, wirbt die Post. Acht von zehn Schweizer Onlinekunden wollen allerdings eine kostenlose Rücksendemöglichkeit für bestellte Waren, hat die Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ) kürzlich herausgefunden. Einen Gratisversand erwarten 82 Prozent der Onlineshopper. 

Bezahlen mögen die Schweizer klassisch per Rechnung oder per Kreditkarte. 89 Prozent der Befragten ist eine „zweckmäßige Bezahlabwicklung“ wichtig. Wer Waren in die Schweiz senden will, sollte sich einen Dienstleister suchen, der sich mit den komplexen Zoll- und Steuervorschriften auskennt. 

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