Ob Jahresbilanz, oder aktuelles Weihnachtsgeschäft – die KEP-Transporteure fahren erneut auf Rekordkurs. Die umfangreiche etailment-Umfrage zeigt die Probleme und Lösungsansätze der Branche auf.

Es brummt weiterhin auf der letzten Meile: Die Kurier-, Express- und Paketbranche (KEP) verzeichnet nach einem Rekordjahr 2017 ein starkes erstes Halbjahr 2018. Demnach ist das Sendungsvolumen im deutschen KEP-Markt erneut um 5,9 Prozent gestiegen. Getragen wird das Wachstum vom Anstieg bei den Paketsendungen um 6,0 Prozent. Aber auch die Express- und Kuriersendungen legten im ersten Halbjahr um 5,4 Prozent zu. Rechnerisch werden in Deutschland täglich mehr als eine halbe Million Sendungen mehr als im ohnehin bereits starken vergangenen Jahr transportiert.

Das ist das Ergebnis einer Marktanalyse im Auftrag des Bundesverbandes Paket und Expresslogistik (BIEK). „Die positive Entwicklung zeigt auch in diesem Jahr die enorme Aufnahme- und Leistungsfähigkeit der Infrastrukturnetze und die Qualität der Dienstleistungen der KEP-Unternehmen“, so Verbandsgeschäftsführer Marten Bosselmann zufrieden.

18 Millionen KEP-Sendungen an einem Tag

Und das Beste kommt ja erst noch: Schließlich ist das  Weihnachtsgeschäft gerade in vollem Gange. Und auch hierbei rechnet der Branchenverband, in dem die Unternehmen DPD, GLS, Go, Hermes und UPS organisiert sind, erneut mit starken Zuwächsen von 8 bis 10 Prozent bei den B2C-Sendungen im Vergleich zu 2017. Die Zustellung an den Endkunden steigt dabei allein zum Jahreshöhepunkt, verglichen mit dem Vorjahr, um 30 Millionen Sendungen auf 330 Millionen B2C-Sendungen. Zu Spitzenzeiten werden mehr als 18 Millionen KEP-Sendungen an einem einzigen Tag befördert. Dafür sind aktuell rund 25.000 zusätzliche Zusteller bei den Unternehmen beschäftigt.

Früher kam am 6. Dezember der Nikolaus, heute kommt der Paketbote!

Vor dem Hintergrund der Entwicklungen im bisherigen Jahresverlauf rechnet der BIEK für das gesamte Jahr mit mehr als 3,5 Milliarden Sendungen und einem Umsatzanstieg auf erstmals über 20 Milliarden Euro. Die detaillierte Jahresbilanz wird allerdings erst im kommenden Mai vorliegen.
Die rosigen Aussichten für die Zusteller sind auch mit großen Herausforderungen verbunden und ziehen daher erhebliche Investitionen nach sich: So hat die Deutschland-Dependance von Hermes angekündigt, in den kommenden fünf Jahren mehr als 100 Millionen Euro in Lohn- und Personalkosten in der Paketzustellung investieren zu wollen. Für Hermes tätige Servicepartner würden dadurch in die Lage versetzt, ihren Zustellern perspektivisch einen Stundenlohn von mindestens 12 Euro zu zahlen.

Anhebung der Paketpreise ermöglicht höhere Löhne

Im Geschäftsjahr 2019 wird zunächst eine Erhöhung auf über 10 Euro umgesetzt, die in vielen Metropolregionen wie zum Beispiel München bereits heute deutlich höher liegt. Möglich wird dies vor allem durch die Anhebung der Paketpreise. Wie weitere Anbieter, erheben die Hamburger im laufenden Weihnachtstrubel erstmals einen Peak-Zuschlag.

„In Zeiten des boomenden Onlinehandels sind die Zusteller und unsere Servicepartner das Rückgrat in der Paketzustellung. Mit dem signifikanten Invest wollen wir diese Zusammenarbeit stärken und dafür sorgen, dass die Anerkennung für die Leistung des Zustellers steigt“, sagt Olaf Schabirosky, CEO von Hermes Germany und plant „für nächstes Jahr weitere Preisanpassungen – nicht nur, um die Löhne der Zusteller weiter anzuheben, sondern auch mit Blick auf Zukunft weisende Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Elektromobilität“.

Wie die umfangreiche Umfrage von etailment in den vergangenen Wochen ergab, hat sich die Branche jedenfalls akribisch auf das Weihnachtsgeschäft vorbereitet: Personal, Fahrzeugbestand, Transport- und Sortierkapazitäten wurden allenthalben erhöht und neue Depots geschaffen.
„Mit unseren Investitionen in Infrastruktur und Digitalisierung sind wir bestens vorbereitet, das erwartete Rekordvolumen in gewohnt guter Qualität abzuwickeln“, erklärt stellvertretend Martin Seidenberg, Vorsitzender der Geschäftsführung der GLS Germany. „Zudem nehmen wir in dieser Zeit keine Neukunden auf, um uns auf unsere Bestandskunden zu konzentrieren.“

Branche erwartet "stark steigende Preise"

Die Kernaussage nach der Befragung aller relevanten Zusteller und deren Interessensvertretungen prägte Thomas Ohnhaus, Chief Operating Officer (COO) DPD Deutschland: „Die E-Commerce-Branche wird sich auf stark steigende Preise einstellen müssen!" und ist überzeugt: „Die Rolle der Haustür als klassischem Zustellort wird so nicht zu halten sein“. Martin Hermesch, Director Sales Development GLS Germany, pflichtet fast im Wortlaut bei: „Die Haustürzustellung ist eine Premiumdienstleistung, die höhere Preise erfordert“.
Autonome Helfer: Zustellroboter werden aktuell getestet und könnten die Logistikbranche dereinst unterstützen.
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Massiver Konkurrenzkampf, verschärfte Umweltauflagen, überlastete Infrastruktur, steigenden Kundenerwartungen und nicht zuletzt der zunehmende Personalmangel – all das zwingt die KEP-Dienstleister zu besagt hohen Investitionen. Doch was wird schnell Realität und was bleibt Vision?

Die führenden Köpfe der Branche nahmen auf etailment ausführlich Stellung und stellten die folgenden Aspekte in den Fokus ihrer künftigen Strategien:
  • E-Transporter und Cargobikes in Kombination mit Mikrodepots in Innenstadtbereichen kommen auf breiter Front, oder sind schon im Einsatz. Bislang werden die Anforderungen der Branche von den Herstellern zwar vielfach noch nicht erfüllt, da geringe Reichweiten und meist niedrige Ladekapazitäten die Einsatzmöglichkeiten noch beschränken. Aber: Marktführer DHL will bis 2025 die eigene Zustellung zu 70 Prozent mit sauberen und emissionsfreien Zustell- und Abholkonzepten durchführen und hat bereits 7.000 Streetscooter sowie 25.000 Fahrräder im Einsatz. Hermes hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 in den Innenstädten aller deutschen Großstädte elektrisch und emissionsfrei zuzustellen. Liefery will bereits 2020 komplett emissionsfrei liefern.
  • Im Test sind auch Diesel-Hybrid-Modelle (etwa bei UPS), die auf der Strecke mit Verbrenner und im Stadtgebiet elektrisch fahren.
  • Drohne bleibt vielerorts Zukunftsmusik – höchstens in abgelegenen Standorten und in eiligen Einzelfällen ist die Belieferung auf dem Luftweg sinnvoll.
  • Die autonome Zustellung durch Roboter steht noch vor technischen und rechtlichen Hürden, aber „der Einsatz autonomer Fahrzeuge ist  keine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann”, ist Nils Fischer, Geschäftsführer und Co-Gründer der Lieferfactory GmbH, überzeugt. Die Notwendigkeit ergibt sich vor dem Hintergrund des dramatischen Fahrermangels. Das wahrscheinlichste Szenario sind zunächst sogenannte „Mothership"-Konzepte mit ausschwärmenden Zustellrobotern.
  • Um erfolglose Zustellversuche zu vermeiden, setzt die Branche verstärkt auf Packstationen, Paketshops, Lieferung direkt in den Kofferraum oder an den Arbeitsplatz mit Paketboxen auf den Firmenparkplätzen.
  • Der Empfänger kann während des Transportprozesses aktiv eingreifen und die für ihn gerade geeignete Zustelloption wählen.
  • Direkte Kooperationen unter den marktführenden KEP-Transporteuren sind nicht gewünscht. Eine konsolidierte Zustellung mache keinen Sinn, erklären die Führungskräfte unisono, da alle Fahrzeuge schon jetzt an der Kapazitätsgrenze seien. „Den Einheitsdienstleister kann sich niemand ernsthaft zurückwünschen“, erklärt Thomas Ohnhaus von DPD stellvertretend für die befragten Top-Manager. Eine Ausweitung der Zusammenarbeit bei der Infrastruktur ist aber denkbar. „Bisher baut jedes Lieferunternehmen seine eigenen Mikrodepots, Packstationen, Paketkästen oder Belieferung in den Kofferraum auf. Zukünftig werden Lieferkonzepte entstehen, die Sendungsmengen über verschiedene Carrier bündeln“, kündigt Andreas Schumann, Vorsitzender des Bundesverbandes der Kurier-Express-Post-Dienste (BdKEP), an.
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