Chronext hat vorgemacht, dass man Luxusuhren auch im Internet verkaufen kann. Nun verkauft der Onlinehändler edle Uhren auch stationär. Doch die Lounges haben mit klassischen Läden wenig gemeinsam.

 

Der Blick aus dem Fenster fliegt über die Frankfurter Skyline, den Main und endet irgendwann an den bewaldeten Höhenzügen der hessischen Bergstraße. Es dürfte in Deutschland kaum einen besseren Ort geben, um sich eine edle Uhr zu kaufen als diesen Raum im 18. Stock eines edlen Frankfurter Büroturmes.

Hier erinnert zwar nichts an einen Juwelier oder Uhrenfachgeschäft, der Raum atmet gediegene Sachlichkeit einer Anwaltskanzlei, hat die Größe einer Bude im Studentenwohnheim, und das gewaltige Fenster bietet einen grandiosen Panoramablick. Doch hier oben wird eingekauft, hier oben findet strenggenommen sogar Click & Collect statt, denn dieser Büroraum gehört zu Chronext, dem stürmisch wachsenden Onlinehändler für edle Uhren.

Die Vips werden in den Keller geführt

Wer bei diesem Portal einen Chronometer bestellt, kann ihn sich zuschicken lassen - oder persönlich in Empfang nehmen. Dafür betreibt Chronext in München, Frankfurt, Köln, Hamburg, Zug und London Abholstationen, die Lounges genannt werden. Diese haben mit klassischen Läden nichts zu tun, am ehesten kommt dem Begriff wohl das Geschäft in der Londoner Fleetstreet nahe, das Boutique heißt, sich über zwei Etagen erstreckt, Erdgeschoss und der Keller für die Vip-Kunden.
Chronext-Lounge in Frankfurt: Luxuseinkauf im 18. Stock
© Gerth
Chronext-Lounge in Frankfurt: Luxuseinkauf im 18. Stock
Die Frankfurter Lounge gibt es seit März dieses Jahres, sie ist das Reich von Sarah Rother, die zwar keine Uhrmachermeisterin ist, aber dank eines handwerklichen Schnellkurses das Armband einer Uhr fix zu kürzen, damit es dem Kunden passt. Alles Werkzeug ist dafür vorhanden, genauso wie das Kartenlesegerät fürs Bezahlen. Noch sind es nur im Schnitt sechs Kunden am Tag, die ihre Uhr im 18. Stock bei Sarah Rother, nur mit Termin, damit man auch am strengen Empfang des Büroturmes vorbeikommt. 

Jede Uhr muss zuerst nach Köln

Die Uhr wiederum wird immer aus Köln angeliefert, wo sich operative Zentrale und Uhrmacherwerkstatt befinden, der Hauptsitz ist in Zug in der Schweiz. In der Domstadt wird jedes Teil, ob neu oder gebraucht, von Uhrmachermeistern überprüft und bekommt danach ein Echtheitzertifikat.

Nach Köln wiederum kommt die Ware entweder vom Hersteller, einem Großhändler - oder einem der 2.000 Einzelhändler aus 40 Ländern, die mit Chronext kooperieren. Denn zuerst ist das Unternehmen ein Marktplatz, auf dem der stationäre Handel digitale Geschäfte machen kann - und an Chronext zwischen 15 und 20 Prozent Verkaufsgebühr zahlt. 

Kampf um Anerkennung in der Branche

"Wir sind Partner des Einzelhandels und nicht Amazon, das die Innenstädte leerfegt", versichert Philipp Man. Als er und sein Geschäftspartner Ludwig Wurlitzer vor vier Jahren Chronext gründeten, mussten sie als damals 23-Jährige kämpfen, um in der konservativen Luxusbranche ernst genommen zu werden.
Heute mag Man nicht mehr so gern von einem Start-up reden, obwohl es in Köln schon so zugeht wie in den hunderten anderen jungen Unternehmen. Auch in den Chronext-Büros laufen Hunden herum, es gibt den obligatorischen Tischkicker und einmal wöchentlich ein großes Gemeinschaftsmittagessen. We are family.

Mehr Investorengeld für noch mehr Wachstum

Chronext beschäftigt mittlerweile mehr als 100 Mitarbeiter, im Sortiment befinden sich rund 31.000 Uhren, das Transaktionsvolumen wuchs von 2015 bis 2016 um atemberaubende 380 Prozent auf rund 50 Millionen Euro, für 2018 ist ein dreistelliger Millionenbetrag als Transaktionsvolumen geplant: bei 100 Millionen Euro liegt die Messlatte.

Es geht mit einem strammen Tempo voran, und für das Wachstum sammelten Man und Wurlitzer Anfang des Jahres nochmals Investorengeld ein - um 28 Millionen Euro stockten die bisherigen Geldgeber Octopus Ventures, Partech Ventures und Capnamic stocken ihr Kapital auf. Neu dabei sind die Venture-Capital-Gesellschaft Endeit Capital sowie Tengelmann Ventures. 

Zwei große Fehler

Doch wer mit Man redet erfährt, dass das Wachstumstempo noch etwas schneller hätte sein können, wenn er und Wurlitzer nicht zwei große Fehler gemacht hätten.

Fehler Nummer eins: "Wir haben uns zu lange zu klein gefühlt und uns deswegen nicht getraut, auf die Industrie zuzugehen."

Fehler Nummer zwei: "Wir sind zwar sehr schnell gewachsen, haben aber nur zögerlich in unsere Infrastruktur investiert."

Doch nun werden sie von den großen Markenherstellern umgarnt

Groß fühlen sich die beiden Chronext-Gründer immer noch nicht, aber seit Mitte des vorigen Jahres auch nicht mehr klein, denn die beiden jungen Männer sind in der Relevanz-Liga einige Tabellenplätze nach oben geklettert. Plötzlich sind namhafte Uhren-Hersteller auf sie zugekommen zwecks gemeinsamer Geschäfte. Welche mag Man nicht sagen, "aber sie zählen zu den umsatzstärksten Marken".
Tickt sie richtig? Uhrenüberprüfung in der Kölner Werkstatt
© Chronext
Tickt sie richtig? Uhrenüberprüfung in der Kölner Werkstatt
Dieses neue Interesse kann für den großen Veränderungssprozess sprechen, in dem sich die Juwelier- und Uhrenbranche befindet. Ende April kamen einige Marktteilnehmer in München zusammen, um über die neuen Zeiten zu sprechen, also Digitalisierung, Verzahnung von offline und online.

Das Internet ist hier noch Neuland

Und bei der zweiten "Watches & Jewellery Luxury Conference" wurde deutlich, wie sehr diese Branche Themen wie Omnichannel hinterherhinkt. So hat beispielsweise Frank-Michael Müller, mit seinem Markforschungsunternehmen Responsio eine Instanz in diesem Segment, ermittelt, dass 30 Prozent der deutschen Juweliere noch nicht einmal eine eigene Website haben.
Doch die neuen Konsumenten wollen keine steifen Läden mehr, wo arrogante Verkäufer die Ware hüten, als müsste sich jeder Kunde erst dafür qualifizieren, sie zu kaufen zu dürfen. Es geht um die Millenials, Menschen Ende zwanzig, die Digital Natives, die mit Luxus aufgewachsen sind und diesen selbstverständlich wie alles andere auch im Internet kaufen wollen. Zu denen übrigens auch der 27 Jahre alte Philipp Man zählt.

Schweizer Hersteller entdecken den E-Commerce

Der Schweizer Luxusuhrenhersteller Audemars Piguet etwa hat diesen Wandlungsprozess offenbar als einer der Wenigen verstanden und testet den Einstieg in den E-Commerce - doch erst einmal in China, gemeinsam mit der Plattform jd.com.

Auch die Kollegen von Girard-Perregaux haben keine Berührungsängste mehr mit dem Internet. Luxuskunden wollten bequem einkaufen – manchmal eben online, sagte dessen Vorstandschef Antonio Calce dem Schweizer Wirtschaftsmagazin "Bilanz". Girard-Perregaux werde deshalb das Internetangebot ausbauen.

"Wir haben einen relevanten Vorsprung"

Philipp Man ist deswegen nicht beunruhigt. "Der Markt ist träge." Allen sei es bisher gut gegangen, die Margen von Handel und Industrie lägen bei 10 bis 20 Prozent. Gut, jüngste Vergangenheit war nicht so toll für die Uhrenbranche - aber das war eine Krise auf sehr hohem Niveau.

Deswegen hatten sie die modernen Zeiten ignoriert - und deswegen sind die neuen Internet-Pure-Player wie Chronext im Vorteil. "Wir machen den ganzen Tag nichts anderes als an online zu denken, weswegen wir einen relevanten Vorsprung haben", sagt Philipp Man. Bei knapp 4,8 Milliarden Euro liegt das Marktvolumen für Uhren und Schmuck in Deutschland, haben die Marktforscher von Statista herausgefunden, es gibt andere Erhebungen, die von 6 Milliarden Euro sprechen.

Gebrauchte Uhren sind heute gleichberechtigt mit den neuen

Einen Wandel hat dabei das Geschäft mit gebrauchten Luxusuhren hinter sich. Einst war bei Handel und Kundschaft die Ware aus zweiter Hand verpönt, heute macht Chronext damit gute Geschäfte. Insgesamt will das Unternehmen in diesem Jahr 20.000 Uhren verkaufen, sagt Man, ohne zu verraten, wie viele davon gebraucht sind. Aber er prognostiziert, dass es in 24 Monaten die Hälfte sein werden. Wer etwa in der Frankfurter Lounge sich eine Rolex aus zweiter Hand anschaut, der sieht keine Unterschiede zur Neuware, keine Gebrauchsspuren, nichts. Zumal Chronext nicht mehr wie zu Anfangszeiten auch stark gebrauchte Ware einkauft. Und dass mit dem Gerät alles in Ordnung ist, wird dem Kunden ja mit dem Zertifikat bestätigt. Falls er doch nicht zufrieden ist, kann er es innerhalb von 14 Tagen kostenlos zurückschicken, was aber in der Luxusbranche aber nicht weit verbreitet ist: Die Retourenqutoe bei Chronext liegt bei 3 bis 4 Prozent, sagt Philipp Man.

Ein anderes Zustellsystem als im herkömmlichen Onlinehandel

Was Onlinehandel mit Luxuswaren heißt, haben sich Man und Wurlitzer hart erarbeiten müssen. Dazu gehört nicht nur, dass man mit den Kunden auf allen Kanälen kommunizieren muss, also per E-Mail, Chat, Social Media und Telefon, aber nicht mit einem anonymen Call-Center, sondern mit eigenen Mitarbeitern.
Chronext: Zeit ist Luxus
© Chronext
Chronext: Zeit ist Luxus
Und man kann hier nicht einfach so die Ware abschicken in der Hoffnung, dass sie auch ein Nachbar annimmt, wenn der Empfänger nicht daheim ist. Also wird mit dem Kunden ein Zustelltermin vereinbart, alternativ kann auch ein Ersatzempfänger benannt werden - aber nur mit Vollmacht. Schließlich geht es hier um Uhren, die schnell 13.000 und mehr Euro kosten.

Der Superkunde aus Kasachstan

Oder sogar 540.000 Euro, soviel kostete die teuerste Uhr, die Chronext bisher verkauft hat. Empfänger war ein vermutlich nicht ganz mittelloser Mann aus Kasachstan, der das Paket in London abholen ließ. Wie teuer die notwendigen Versicherungspolicen für sein Geschäft sind, mag Philipp Man lieber nicht sagen.

Bestimmt ist die Lounge im Frankfurter Büroturm auch nicht billig. Aber die Miete hier dürfte immer noch günstiger sein als das, was ein deutscher Schmuckhersteller für ein 33 Quadratmeter kleines Lädchen am Züricher Rennweg zahlen muss: 9.000 Schweizer Franken im Monat. Und das ohne Panoramablick.

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