Wer auf digitale Transformation setzt, der holt gerne einen Chief Digital Officer ins Management. Doch auf Dauer macht sich ein guter CDO selbst überflüssig, meint Gastautor Harald Fortmann. Der ehemalige BVDW-Vizepräsident und Personalberater (five14) sagt aber auch, wo und wie der CDO bis dahin noch wirken kann.

Die deutsche Wirtschaft fußt auf dem Mittelstand und den sogenannten Hidden Champions. Unterhalb des Radars der großen Öffentlichkeit stehen sie für gründliche Arbeit, technische Präzision und sind Ausbilder der Nation. In einer sich so schnell wie heute entwickelnden Welt sind sie ein sicherer Arbeitgeber für über 17 Millionen Menschen und das Zentrum unseres Wirtschaftsstandortes.
Mit der Digitalisierung stehen auch mittelständische Unternehmen vor einer gigantischen Herausforderung. Auch wenn sich Geschäftsmodelle über Jahre und Jahrzehnte bewährt haben und die Auftragsbücher im Moment noch voll sind, wird es notwendig sein, sich den neuen Rahmenbedingungen anzupassen.

Weichenstellung an vorderster Stelle

Die digitale Transformation ist eine Aufgabe, die alle Bereiche eines Unternehmens berührt. Gerade deshalb ist sie eine Aufgabe für die Unternehmensführung.

Sie muss Antworten finden auf Fragen wie:

  • Welche Strategie ist sinnvoll?
  • Wie schnell entwickelt sich das Unternehmen weiter?
  • Welche Maßnahmen sind im eigenen Kontext überhaupt sinnvoll?

Entscheidungen pro und contra Digitalisierungsmaßnahmen sind richtungsweisend und erfolgskritisch. Und die Tatsache, dass zunehmend Vorstände mit Digitalkompetenz – sogenannte Chief Digital Officers (CDO) – besetzt werden, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass die Bedeutung der digitalen Transformation in den Führungsetagen angekommen und verstanden worden ist.


Trotzdem wird es den CDO bald nicht mehr geben. Warum, das erkläre ich im Folgenden:

Ein Chief Digital Officer ist für die übergreifende Planung und Steuerung der digitalen Transformation innerhalb des Unternehmens zuständig. Es ist eine Position, die sich durch eine ganz besondere Schnittstellenkompetenz auszeichnet: Neben einem tiefen Verständnis für die Tendenzen und Prozesse der Digitalisierung ist es ebenso notwendig, dass der CDO das Kerngeschäft des Unternehmens, mitunter also auch die technischen Details, gut kennt. Nur wenn der CDO beide Bereiche abdeckt, kann er Entwicklungen und Maßnahmen adäquat einschätzen beziehungsweise implementieren.

Ein Auf und Ab

Nun könnte man annehmen, das längst in jedem größeren Unternehmen ein CDO wirken müsste. Die Realität aber sieht anders aus: Bisher haben nur wenige Unternehmen eine entsprechende Position im Vorstand geschaffen und besetzt, beispielsweise nur 13 Prozent der Dax-Unternehmen.

Das ist angesichts der uns bevorstehenden Herausforderungen deutlich zu wenig! Ich gehe aber davon aus, dass die Zahl der CDO aufgrund des Bedarfs an Digitalkompetenz in naher Zukunft drastisch nach oben gehen wird.

"Viele Maßnahmen in mittelständischen Unternehmen sind eine Ansammlung von Versuchen, die aktuell sichtbaren Löcher zu stopfen."

Harald Fortmann
Denn: Aktuell sind viele Maßnahmen in mittelständischen Unternehmen eine Ansammlung von Versuchen, die aktuell sichtbaren Löcher zu stopfen. Sie lösen die Probleme des Heute. Zumeist sind sie aber nicht miteinander verknüpft, verfolgen kein definiertes Ziel und haben das Morgen nicht im Blick.

Das genau ist der Moment, in dem ein CDO eingreifen kann, indem er Strategien entwickelt, die mit Blick in die Zukunft dafür sorgen, dass nicht weiter große Löcher entstehen und dass die Strukturen und Prozesse innerhalb des Unternehmens frühzeitig dort unterstützt werden, wo es notwendig ist.
Und es ist der Moment, in dem ein CDO dafür sorgen kann, dass die Bedeutung der digitalen Transformation auf der Agenda der Unternehmensführung einen adäquaten Niederschlag findet.

Wenn ein Unternehmen es ernst meint, so empfiehlt es sich sogar aus dem CDO einen Chief Information & Digital Officer (CIDO) zu machen, so wie es Klaus-Peter Fett als Ex-Google-Manager nun bei dem Kunstoff-Spezialisten Röchling geworden ist.
Denn in den meisten Unternehmen ist die oft noch im Wasserfall-Modus tickende IT die größte Herausforderung für den CDO und dieser findet im CTO beziehungsweise CIO oftmals einen Gegner vor. Das Ergebnis: Es wird eine Schatten-IT für die Digitalisierung aufgebaut, die zusätzliche Kosten verursacht und zudem die eigentliche IT nicht transformiert. Gibt man dem CDO jedoch die erweiterten Kompetenzen als CIDO, so trägt diese Person auch die Verantwortung für die Transformation der IT und kann diese Zug um Zug für die digitalen Projekte entsprechend einsetzen.

Doch was dann?

Was, wenn die CDO ihre Aufgabe erledigt haben? Ich behaupte: CDO müssen sich selbst mittel- bis langfristig überflüssig machen.

Warum wird der CDO aussterben?

Jedes Unternehmen muss auf lange Sicht die Kompetenzen des CDO in die eigene Unternehmens-DNA übergehen lassen. Denn die Digitalisierung ist keine temporäre Laune der Wirtschaft, die es zu überstehen gilt und die irgendwann wieder vorbeigehen wird.

Schritt in die richtige Richtung

Entgegen der (heimlichen) Hoffnung vieler Entscheidungsträger ist sie auch kein Projekt, welches es möglichst bald abzuschließen gilt. Die Digitalisierung ist eine der größten und grundlegendsten Veränderungen unserer Zeit, gesellschaftlich wie wirtschaftlich.

Die Besetzung einer entsprechenden Position ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn ein CDO kann die Versatzstücke der Transformation, die in einem Unternehmen vielleicht schon existieren, zu einer umfassenden Strategie vereinen.

"Ein CDO ist ein heißer Kandidat für den CEO-Job."

Harald Fortmann
Und gleichzeitig den Weg für die Zukunft ebnen, passgenau für das Unternehmen. Ist das einmal geschehen, dann ist die Hauptaufgabe des CDO getan – die Position hat sich auf lange Frist selbst überflüssig gemacht.

Doch Angst, sich selbst den Arbeitsplatz zu entziehen, sollte niemand haben. Die Kompetenzen eines CDO werden auch dann noch gebraucht werden, wenn die Position in ihrer expliziten Form nicht mehr notwendig ist.
Im Sinne einer atmenden Organisation finden sie nur an einer anderen Stelle ihren Platz. Zum Beispiel als Nachfolger des CEO, denn für diese Position ist der ehemalige CDO der heißeste Kandidat.

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