Das Internet sicherte die Existenz seines Betriebes, der Wurstbrief machte ihn berühmt: Metzgermeister Claus Böbel ist der Inbegriff eines kleinen, mutigen Händlers, der die Möglichkeiten der digitalen Welt nutzt. Doch über Amazon sollte man mit ihm besser nicht sprechen.

Wer mit Claus Böbel redet, sitzt einem Kommunikationskraftwerk gegenüber. Der Mann hat Energie, Witz und Ideenreichtum, von denen hunderte kleine Händler in Deutschland lernen können. Böbel ist Metzgermeister im fränkischen Dorf Rittersbach im Landkreis Roth. 350 Einwohner. Wo sollen da die Kunden für ein Geschäft herkommen? Als Böbel 1997 den Betrieb seines Vaters übernahm, stand er vor der Grundsatzentscheidung: Den Laden dicht zu machen, oder "digital voll anzugreifen", wie er es sagt. 

Und dann ging es los: Ein Jahr bevor Amazon in Deutschland ans Netz ging, hatte Böbelseinen ersten Webauftritt, wenn man eine Visitenkarte im Internet überhaupt so nennen kann. Aber was für ein Fortschritt für diese Zeit. 

Der Wurstbrief war der Durchbruch

Sieben Jahre später wurde er zu einer nationalen Berühmtheit, als er im Februar 2004 in seinem ersten Webshop den berühmten Wurstbrief  anbot, Grußkarten, bei denen ein Herz oder Blumen aus Salami geformt werden. Böbel hatte damals einfach eine Pressemeldung verfasst und diese für ein paar Hundert Euro über OTS verschickt, einen speziellen PR-Dienst der Nachrichtenagentur dpa, den alle möglichen Medienhäuser als Informationsquelle nutzen. 

Heute ist Böbel längst Multichannel-Händler. Sein Webshop umdiewurst.de bietet Wurst und Fleisch für jedermann auf der Welt, aber auch Informationen rund um die Herstellung. Er beliefert Tattoo-Studios mit Schweineschwarten, damit die Anfänger daran üben, wie man die Nadel führt. Gut die Hälfte seines Umsatzes erzielt Böbel übers Internet, er reist durchs Land und hält vor Mittelständlern Vorträge über die Digitalisierung und wie er mit seinen Kunden über Facebook kommuniziert. "Was nicht kommuniziert, ist nicht existent", lautet sein Mantra. 

Ohne das Internet gäbe es die Metzgerei Böbel mit sieben Mitarbeitern nicht mehr. Der Chef hatte damals einfach losgelegt, ausprobiert, Lehrgeld bezahlt, aber weitergemacht. Böbel legt ein klares Bekenntnis zu den Online-Möglichkeiten - aber zu Amazon hat er eine spezielle Meinung.

Herr Böbel, wie war Ihre erste Begegnung mit Amazon?

Claus Böbel: Oh je, schwierig zu sagen. Aber jetzt fällt es mir ein: Ich war halt vor langer Zeit auch mal Kunde, habe Reiseführer gekauft und diese nach der Reise gebraucht wieder verkauft.
Wie hat Amazon Sie persönlich und Ihr Unternehmen verändert?
Ich lehne heute Amazon zu 1000 Prozent ab. Bevor ich dort etwas kaufe, kaufe ich es lieber gar nicht. Ich nutze Amazon nur noch als Produktsuchmaschine, weil die einfach gut ist. Der Handel kann nicht nur meckern über Amazon und sich bedroht fühlen - wenn er nichts dagegenhält. Denn wir haben eine Macht, wir müssen einfach den Einkauf dort boykottieren, wir können Familien und Freunde beeinflussen, das ebenfalls zu tun. Ich versuche das in meinem Umfeld schon so zu steuern, auch bei meinen Mitarbeitern. Amazon mit seiner Marktmacht ist nicht mehr gut für den Einzelhandel und die Gesellschaft, und jeder noch so kleine Kauf verstärkt diese Macht. Als Unternehmer muss ich versuchen, deren für mich unerreichbare Professionalität mit meiner Persönlichkeit als Inhaber zu schlagen. Denn hier hat Amazon keine Chance gegen mich.

Wo steht Amazon in zehn Jahren?
Die werden in einigen Bereichen Quasi-Monopolist sein, weil die Politik und die Bevökerung nicht in der Lage oder willens ist, dieses Unternehmen einzudämmen. 
 Metzger Böbel: "Konsum ist nicht alles."
© Norbert Wilhelmi
Metzger Böbel: "Konsum ist nicht alles."
 Wo steht Ihr Unternehmen in zehn Jahren?
Wir werden ein hochspezialisierter Nischenanbieter seit mit einem Sortiment, das Amazon aufgrund der geringen Menge nicht anbieten kann. Ich will aber auch meine Waren erlebbar machen in einem Flagshipstore und einem Erlebnishotel. Mein Ziel ist, sich wegzubewegen vom klassischen Handel, also, Ware einkaufen, Ware verkaufen. Ich habe als Unternehmer mehr Überlebenschancen, wenn ich den Kunden Erlebnis anbieten kann. Am Ende steht dann logischerweise auch der Verkauf, aber der Weg dorthin ist ein anderer.

Was machen Sie besser als Amazon?
Ich habe Persönlichkeit. Es gibt keinen Herrn Amazon, aber den Claus Böbel. Oder ein anderer Lieblingssatz von mir: Small Talk statt Big Data. Ich darf erst gar nicht versuchen, es beim Thema Big Data mit Amazon aufzunehmen, aber Small Talk auf allen Kanälen kann ich als kleiner Händler viel besser.
 Wenn Sie einen Tag lang Chef von Amazon sein dürften - was würden Sie dann ändern?
Ich würde nicht wirtschaftlich denken, sondern sozial- oder gesellschaftspolitisch. Amazon hat enormen Einfluss, und diesen würde ich nutzen, um soziale und friedensstiftende Ziele umzusetzen. Konsum ist nicht alles, es gibt wichtigere Themen, wie Fairer Handel, damit Menschen in Erzeugerländern von ihrer Arbeit gut leben können.

Was bestellen Sie privat bei Amazon?
Wie schon vorher angedeutet: Nichts.

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