135 Quadratmeter treiben aktuell Händlern wie manchem Verbraucher Sorgenfalten auf die Stirn. Die einen, weil sie weit von dieser technisch höchst anspruchsvollen Art der Dienstleistung dieses kleinen Amazon Go Geschäftes entfernt sind und Bedenken aufkeimen, ob "grad ganz schwer was an einem vorbeiläuft", die anderen, weil hier jegliche Hemmung gefallen ist, personenbezogene Daten zu sammeln und auszuwerten. In Deutschland ist schon die Bezahlung per Smartphone Hürde Nummer eins auf dem Weg zum kassenlosen Handel.

Bewegungsdaten, Kundendaten aus der Amazon-App sowie die Einkaufsdaten werden lässig zusammengeführt.
Auch biometrische Daten wie Körperumriss, Größe, körperliche Einschränkungen können bei Amazon Go via Video erfasst und gekoppelt werden. Damit lassen sich bereits Rückschlüsse ziehen, beispielsweise auf Gesundheit, Schwangerschaft oder Konfektionsgröße.

Noch setzt Amazon nach eigenen Angaben Gesichtserkennung nicht ein, dann würde auch ein Lächeln oder ein kritischer Blick für die nächste Werbung ausgeschlachtet – eine Frage der Zeit? In China halten Kunden bereits willig ihr Gesicht vor Kassenautomaten bei Hema, dem Supermarktkonzept von Alibaba, lassen es einscannen, um mit ihrem „Lächeln“ via Alipay zu bezahlen. Bei Amazon Go tut’s das Smartphone im klassischen Modus.

Datenstriptease oder Dateneldorado?

Klar ist, ob Amazon Go oder Alibaba – ein anonymer Einkauf wie im herkömmlichen Einzelhandel ist so ausgeschlossen. Für Verbraucher mag das nicht unbedingt in ihrem Sinne sein, vor allem, weil das Ausmaß der Konsequenzen noch nicht überschaubar ist. Die Nachricht von Bloomberg, dass Google Paymentdaten von Mastercard kauft und offenbar ausgesuchten Werbekunden zugänglich machte, nähren das ungute Gefühl, dass die Datenhoheit englitten ist.
Iki Kühn, Redakteurin von Der Handel und etailment.de
© Aki Röll
Iki Kühn, Redakteurin von Der Handel und etailment.de
Was für Verbraucher ein Datenstriptease ist, erscheint dem Handel als Dateneldorado, das Werbemaßnahmen effizienter macht, Prozesse beschleunigen und wie bei Amazon Go Personal an der Kasse überflüssig zu machen soll. Doch bevor mancher mit verträumten Blick die Optionen vor sich sieht, hierzulande müssen Handel, Banken und Zahlungsdienstleister erst die Basics umsetzen.

Nach der Errungenschaft des kontaktlosen Bezahlens, sind quantitativ relevante Banken wie die Sparkassen und Volksbanken in die mobile Variante via Smartphone eingestiegen, auch Apple Pay will sich auf den deutschen Markt wagen – offenkundig ein besonders sperriger Markt. Denn links und rechts rauschen Länder wie Schweden oder Italien in Sachen digitale Bezahloptionen locker vorbei.
Warum sollte man von Mobile Payment oder gar Bezahlen via Gesichtserkennung träumen, wenn schon ein stabiles Wlan flächendeckend in Deutschland nicht selbstverständlich ist, man in manchen Geschäften vor die Tür müsste, um überhaupt Netzverbindung zu haben und Kartenzahlungsoptionen im mittelständischen Handel und vor allem kleineren Handel noch unterrepräsentiert sind?

Dass digitales Bezahlen – weltweit - rasant zunimmt, ist keine Frage. Das zeigt auch die fulminante Entwicklung des (deutschen!) Zahlungsdienstleisters Wirecard, der seit September 2013 um 700 Prozent zugelegt hat und sich nun anschickt, statt der Commerzbank in die erlesene Runde des deutschen Leitindex Dax aufzusteigen.  "Alles, was wir bis jetzt erreicht haben, ist meines Erachtens nur ein müder Abklatsch dessen, was wir in den nächsten zehn Jahren erreichen können", zitiert der Spiegel den Wirecard-Vorstandschef Markus Braun anlässlich der Bilanzpressekonferenz im April. 

Kurz, elektronisches Bezahlen ist nicht aufzuhalten und der traditionelle Markt – ob Banken oder Handel bewegt sich in Deutschland zu langsam. Dabei ist es löblich, dass in Europa striktere Datensicherheitsstandards gelten als beispielsweise in China – und das wird immer wichtiger.

Statista erwartet für mobiles Bezahlen weltweit ein Wachstum von 52 Prozent innerhalb von fünf Jahren. 2016 lag das Transaktionsvolumen bei 95 507 Millionen Euro, 2021 soll es bei 779 760 Millionen Euro liegen. Treiber dieser Entwicklung sind USA und China mit 646 beziehungsweise 312 Euro durchschnittlichem Pro-Kopf-Transaktionsvolumen pro Jahr. Der europäische Durchschnitt liegt bei wackeren 266 Euro pro Kopf – in Deutschland sind es gerade mal 42 Euro.

Digitales ABC

Keine Frage, es gibt die agilen Handelsunternehmen in Deutschland, die Kassen vorbildlich mit NFC-Technologie ausgestattet haben und die on- wie offline-Gesetze beherrschen. Während ein Großteil im Handel jedoch noch  mit dem digitalen ABC kämpft, schicken experimentierfreudige Händler die ersten digitalen Mitarbeiter an die Front, Roboter wie Pepper oder Tory.

Mancher testet schon die Kür

Im Edeka-Center Roman Stengel in Fürth scheint der mangaäugige Pepper, der hier seit einem Jahr zu den Mitarbeitern zählt, nicht viel mehr als ein als Publikumsmagnet zu sein, dem man Unzuverlässigkeit nach wie vor verzeiht. Adler Modemärkte nutzen den Pepper-Verwandten Tory als geduldigen Inventurmitarbeiter, der wiederum tiptop Ergebnisse liefert.

Ja, die neuen Technologien wie Learning Systems, Augmented Reality, Virtual  Reality und Roboter sind hochspannend – doch Hand auf’s Herz – wer im Handel ist bereits auf diesem Niveau angekommen? Und – welcher konkrete Kundennutzen lässt sich daraus aktuell ziehen?
Das Tempo der technischen Entwicklungen ist rasant, Player wie Alibaba, Amazon, Walmart oder JD legen vor und gehören zu den first movern. Angesichts dieser Entwicklungen mag die Strategie, Testphasen und deren Kinderkrankheiten erstmal auszusitzen, nicht ganz verkehrt zu sein. 

Manche Entwicklungsländer haben beispielsweise die Ära des Festnetzes übersprungen – sie wären gar nicht in der Lage gewesen, die Infrastruktur zu implementieren. Dafür haben sie die nächste Innovation rasch adaptiert – nämlich das Handy –, in kürzester Zeit eine hohe Deckung erreicht und waren technisch damit wieder vorne mit dabei.
Dieses „Leapfrogging“ mag bei Technik wie Robotic sinnvoll sein, bei mobile Payment allerdings, sollte man in Bewegung kommen – sonst „läuft doch schwer was an einem vorbei“.

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