PS und Drehmoment haben als Währung ausgedient. Die Automobilindustrie arbeitet mit Hochdruck an neuen Fortbewegungskonzepten und will sich als Dienstleister etablieren.

Wie verlaufen die Personen- und Warenströme der Zukunft? Die Frage treibt die klassischen Pkw-, und Transporterhersteller um – verbunden mit der Sorge um das eigene Fortbestehen. Und so wandelt sich die Branche, weg vom reinen Anbieter rollender Blechkarossen hin zum Mobilitätsdienstleister mit ganzheitlichen Verkehrsinfrastrukturlösungen für die digitale und vernetzte Fortbewegung.

Laut einer Roland-Berger-Studie könnten allein in Europa, in den USA und in China im Jahr 2020 schon rund eine Million Spezialfahrzeuge für Mitfahrdienste verkauft werden, meist mit Elektroantrieb und zunächst noch mit Fahrerarbeitsplatz. Im Jahr 2025 soll die Nachfrage bereits bei 2,5 Millionen Einheiten liegen. Danach beginnt das Zeitalter des autonomen Fahrens.

Zwei Megagtrends: Mitfahrdienste und Elektromobilität

Die Zahl der E-Shuttles – viele davon dann „Robocabs“ – könnte sich, laut Studie, bis 2030 auf 5 Millionen Fahrzeuge verdoppeln. Damit werden zwei Megatrends verknüpft: die verstärkte Nutzung von Mitfahrdiensten und die Elektromobilität. Was kommt da auf Unternehmen und Firmenflotten zu? Hier zukunftsweisende Beispiele:

Unter dem Dach der Marke Moia bündelt Volkswagen seine Mobilitätsdienstleistungen.
© Violkswagen
Unter dem Dach der Marke Moia bündelt Volkswagen seine Mobilitätsdienstleistungen.
Angesichts des fortwährend schwelenden Dieselskandals entwickelt der Volkswagen-Konzern besonders große Aktivitäten, um aus der zuletzt eher schmierigen und damit schwierigen Vergangenheit möglichst schnell in die saubere Zukunft zu fahren. Bis Ende 2022 investiert das Wolfsburger Imperium mehr als 34 Milliarden Euro in die Zukunftstechnologien Elektromobilität, autonomes Fahren, digitale Vernetzung und neue Mobilitätsdienste.

Sammeltaxi per App buchbar

Eine maßgebliche Rolle spielt dabei die eigens gegründete Tochter Moia, die zunächst in Hannover und jetzt auch in Hamburg einen „App-basierten on-demand Ridesharing-Service“, so die neudeutsche Bezeichnung, auf die Straße gebracht hat. Im Klartext: Ab April rollen zunächst 100 elektrisch betriebene, jeweils sechssitzige Sammeltaxis durch die Hansestadt. Das Angebot wird per App gebucht, wobei Fahrgäste mit ähnlichen Zielen gemeinsam transportiert werden. Angeblich will der Hersteller zeitnah alleine in Hamburg bis zu 1000 solcher Fahrzeuge einsetzen – zum Verdruss der angestammten Taxiunternehmen.
Zusätzliche Vehicle-on-demand-Dienste sind im Laufe des Jahres geplant – zum Beispiel das rein elektrische Carsharing-Angebot „We Share“ des weiteren Tochterunternehmens Urban Mobility International (UMI). Auch speziell auf Ballungsräume zugeschnittene Fahrzeugkonzepte, wie einen Cityskater, der elektrisch, lautlos und lokal emissionsfrei auf der letzten Meile in die Stadt fährt, sollen noch im ersten Quartal 2019 starten.

Selbst die Mobilitätsbedürfnisse des Nachwuchses hat der weltgrößte Autokonzern im Blick: In Berlin und Dresden ist die Mitfahr-App des Start-ups Zouzoucar, das im VW-Gründerprogramm gefördert wird, bereits aktiv. Das Prinzip: Eltern laden über die App andere Eltern, Großeltern und weitere vertrauenswürdige Personen ein und schaffen sich so ihr eigenes Netzwerk. Mit nur einem Klick suchen oder bieten sie dann Mitfahrgelegenheiten an.

"Hallo Taxi!" Volkswagen will sich mit eigens konstruierten Shuttlefahrzeugen als Dienstleister etablieren.
© Volkswagen
"Hallo Taxi!" Volkswagen will sich mit eigens konstruierten Shuttlefahrzeugen als Dienstleister etablieren.
Der Vorteil: Nur Personen im eigenen Netzwerk werden benachrichtigt. So wissen die Eltern ihre Kinder immer in vertrauenswürdigen Händen. Ziel ist es, alltägliche Fahrten, etwa zur Schule, zum Sportverein oder Kindergeburtstag zu bündeln. Das System lässt sich leicht auf andere Personengruppen, etwa Berufspendler oder Firmenmitarbeiter, übertragen.

Anzeige von Ladestationen, Leihrädern und Unfallschwerpunkten

Auch die VW-Konzernmarken bringen sich in Stellung: Beispielsweise hat Seat in seinem Entwicklungslabor in Barcelona eine App entwickelt, die neben anderen Funktionen die Standorte der Ladestationen für Elektroautomobile, die Stationen eines Fahrradverleihsystems oder die Unfallschwerpunkte in der katalanischen Stadt anzeigt.

Bei den großen Trendthemen will natürlich auch der Erfinder des Automobils Akzente setzen: Aktueller Stand aus der Daimler-Denkfabrik: Die „Vision Urbanetic“, ein Gefährt, das autonom und mit unterschiedlichen Aufbauten zur Verkehrsreduktion in den Ballungszentren beitragen soll.

Süddeutsche Allianz hat Großes vor

Eine erhebliche Angebotserweiterung verspricht Mercedes-Benz zudem durch die Fusion des eigenen Carsharing-Angebotes Car2go mit dem BMW-Konzept DriveNow. Durch den Zusammenschluss soll nicht weniger als „die attraktivste und umfassendste Mobilitätslösung für ein besseres Leben in einer vernetzten Welt“ entstehen, so die marketinglyrische Prophezeiung der süddeutschen Partner. Unter dem schwäbisch-bayerischen Dach stehen nicht nur die etablierten Carsharing-Unternehmen mit rund 20.000 Fahrzeugen in 30 internationalen Metropolen, sondern auch Angebote wie Moovel, mytaxi, Chauffeur Privé, Clever Taxi sowie Park- und Ladeservices.

Um die „letzte Meile“ hat sich auch Renault gezielt Gedanken gemacht und die Studie „EZ-Pro“ ersonnen. Die voll automatisierten und rein batterieelektrischen Lieferroboter sollen ein umfassendes Logistikkonzept abbilden und sind Bestandteil des Smart-City-Konzepts, das, nach Überzeugung des französischen Konzerns, in den kommenden Jahren von Regierungen, Stadtverwaltungen und Privatunternehmen gefördert und entwickelt wird.

Kollege Computer hilft auf Rädern bei der Paketzustellung. Das Renault-Konzept für die letzte Meile.
© Renault
Kollege Computer hilft auf Rädern bei der Paketzustellung. Das Renault-Konzept für die letzte Meile.
Gleichzeitig seien die Fahrzeuge, die auch als vernetzter Konvoi (Platooning) unterwegs sein können, ein Beispiel für die Shared-Mobility-Strategie im Transportbereich. Anders als beim fahrerlosen Daimler-Konzept, setzt Renault auf einen sogenannten Operator, der im ersten Wagen eines Platooning-Zuges seinen Arbeitsplatz hat und die Paketverteilung managen kann.

Der Lieferwagen plant seine Route selbst

Der Lieferwagen der Zukunft plant seine Route, abhängig von Verkehrsaufkommen, Ampelschaltungen und Haltemöglichkeiten, aber selbst. Sämtliche für das automatisierte Fahren erforderlichen Kameras, Radar-, Lidar- und Ultraschallsensoren sind in den Radverkleidungen untergebracht. Das Aufladen des Stromspeichers erfolgt kabellos per Induktion. Zusätzlich verfügen die Kabinen auf dem Dach über Solarmodule.

Stefan Reindl, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA)  in Geislingen ist angesichts all der Ambitionen und Verheißungen allerdings skeptisch: „Dass Autohausunternehmen mit ihren Herstellern und Importeuren eigenständige und zukunftsfähige Mobilitätsplattformen betreiben werden, halte ich tendenziell für ausgeschlossen“, erklärt der Experte und schränkt ein: „Um die Kundenschnittstelle in einzelnen Geschäftsmodellen zu erobern und stabil aufrecht zu erhalten, sind spezifisches Know-how und eine ausreichende Leistungsfähigkeit nötig. Man denke nur an multimodale Mobilitätssysteme, die auf verschiedene Verkehrsträger mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln zugreifen müssen.“

Stefan Reindl, Leieter des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen, ist skeptisch, ob Hersteller und Händler tatsächlich zu Mobilitätsdienstleistern mutieren können.
© IfA
Stefan Reindl, Leieter des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen, ist skeptisch, ob Hersteller und Händler tatsächlich zu Mobilitätsdienstleistern mutieren können.
Der Automobilprofessor geht deshalb davon aus, dass „Autohäuser zusammen mit anderen Marktakteuren künftig Mitwirkende in den relevanten Ökosystemen sein werden – also in Systemen für die übliche Vermarktung und den Service für Fahrzeuge im Personal-Ownership-Bereich sowie für die Bereitstellung und die Wartung beziehungsweise Reparatur von Fahrzeugen im Corporate-Mobility-System sowie in Shared-Mobilty-Konzepten.“

Und noch ein Hindernis steht auf dem Weg in die digitale Verkehrswelt: Um Angebote und Services auf Basis vernetzter Informationen nutzen zu können, müssen oft persönliche Daten übermittelt werden. Dazu wiederum ist, laut der aktuellen Continental-Mobilitätsstudie, weniger als die Hälfte der deutschen Autofahrer bereit.

Autotür öffnet durch Fingerabdruck...

Nicht nur das Dienstleistungsangebot, auch die Fahrzeugtechnik entwickelt sich inn Richtung Digitalisierung und Convenience: So bringt Hyundai die weltweit erste intelligente Fingerabdrucktechnologie, mit der Fahrer nicht nur Türen entriegeln, sondern auch das Fahrzeug aktivieren können. Die Innovation startet zunächst in einer Version des Geländewagens Santa Fe, die noch im ersten Quartal 2019 in ausgewählten Ländern auf den Markt kommt. Schrittweise will der koreanische Hersteller dieses System auch in anderen Fahrzeugen der Marke und weiteren Märkten anbieten. Für Europa ist die Einführung jedoch zunächst nicht vorgesehen.

Der Schlüssel dürfte bald der Vergangenheit angehören: Per Fingerabdruck kann das Fahrzeug geöffnet und gestartet werden. Die Hyundai-Technik ist zunächst allerdings noch nicht für Europa vorgesehen.
© Hyundai
Der Schlüssel dürfte bald der Vergangenheit angehören: Per Fingerabdruck kann das Fahrzeug geöffnet und gestartet werden. Die Hyundai-Technik ist zunächst allerdings noch nicht für Europa vorgesehen.
Um das Fahrzeug zu entriegeln, muss der Fahrer nur noch einen Finger auf einen Sensor am Türgriff legen. Die verschlüsselten Fingerabdruckinformationen werden identifiziert und der Steuerung übermittelt. Genauso einfach wird gestartet. Sitz- und Lenkradpositionen sowie die Außenspiegel werden automatisch auf die gespeicherten Werte eingestellt. Der Finderabdruckscanner registriert die Unterschiede in der Stromstärke in verschiedenen Teilen der Fingerspitze und identifiziert so gefälschte Fingerabdrücke.

... oder per Erkennungssoftware ganz automatisch

Noch einfacher geht der Einstieg bei Jaguar Land Rover. In ersten Prototypen des britischen Anbieters öffnen die Türen für den autorisierten Fahrer mittels Bewegungssensoren selbstständig. Eine spezielle Software innerhalb des Infotainmentsystems informiert über den Schließstatus aller Türen und ermöglicht die Betätigung der Fahrer- und Beifahrertür vom Cockpit aus.

Unter dem Namen "InMotion Ventures" unterstützt der Traditionshersteller zudem aktuell sechs Start-ups, die von selbstfahrenden Taxis über 3D-Kartentechnologie bis zur Buchung von Reisepaketen eine breite Palette anbieten. Darüber hinaus gibt es zunächst in Großbritannien Carpe, ein Abonnementservice, zugeschnitten auf Vielfahrer, die für eine Monatsgebühr Zugang zu neuen Modellen der Marke erhalten.

Und wenn durch autonome Autos schon immer mehr Personen gefahren werden, statt selbst Hand ans Steuer zu legen, dann sollen sie sich in der Kabine wenigstens wohl fühlen. Hierzu setzt Kia auf künstliche Intelligenz zur Erkennung von Biosignalen. Dadurch kann das System die Gefühlslage der Passagiere in Echtzeit analysieren und den Innenraum entsprechend gestalten – um zum Beispiel eine aufmunternde Umgebung zu schaffen, die zu einem freudigeren Fahrerlebnis beiträgt.

Darüber hinaus ist der koreanische Konzern eine Kooperation mit Vodafone eingegangen. Über das Netzwerk des Mobilfunkanbieters sollen künftige Kia- und Hyundai-Fahrzeuge ein voll vernetztes Infotainment sowie weitere Konnektivitätsdienste erhalten. Vorgesehen sind unter anderem Echtzeitinformationen zu Verkehrslage und Parkplatzsuche, Ortungsdienste sowie Fahrzeugdiagnosefunktionen und Sprachsteuerung.

Hilfe bei der Parkplatzsuche

Derweil kümmert sich Zulieferer Continental um den ruhenden Verkehr und weitet seine Parkdatendienste auf weitere 14 Länder aus. Das Angebot beinhaltet die europäischen Kernmärkte Deutschland, Österreich, die Schweiz, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Spanien, Italien und Großbritannien.

Der Dienst bietet Echtzeit-Belegungsdaten, beispielsweise von Parkhäusern und Tiefgaragen, sowie relevante Informationen zu Tarifen, Öffnungszeiten, oder Elektro-Ladestationen. Die Erhebung der Daten zur Lage der Infrastruktur erfolgt über verschiedene Datenquellen. Das Technologieunternehmen verspricht „eine fast hundertprozentige Abdeckung in Städten über 25.000 Einwohnern mit mehr als 70.000 Parkmöglichkeiten.“

Die weltweite Ausweitung soll im Laufe des Jahres umgesetzt sein. Die Daten werden in Lizenzpaketen an Kartenanbieter und Automobilhersteller verkauft, was ermöglicht, Autofahrer direkt über ihre „On-Board“- und Navigationssysteme zu erreichen. Zudem können sie über die kostenlose Continental-App „Parkpocket“ genutzt werden. Zusätzlich zu den Parkinformationen bietet Parkpocket auch ein mobiles Bezahlsystem. Ab der zweiten Jahreshälfte wird das Portfolio mit Echtzeitinformationen zum Parken am Straßenrand ergänzt.

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