Für mangelndes Tempo in Sachen Elektromobilität wird die deutsche Autoiondustrie oft gescholten. Bei Daimler spielen Elektromobilität und Digitalisierung im Zusammenspiel indes inzwischen eine große Rolle. Das gilt unter anderem für Transporter. Jochen Dimter, Leiter Mercedes-Benz Vans Vertrieb Deutschland, erklärt, wohin der Weg führt.

Mit seiner Zukunftsinitiative adVANce wandelt sich Mercedes-Benz Vans vom Hersteller weltweit erfolgreicher Transporter zum Anbieter ganzheitlicher Systemlösungen für den Transport von Waren und die Beförderung von Personen. Was verstehen Sie genau darunter?
Jochen Dimter: Durch adVANce öffnen wir uns für neue Themen und Arbeitsweisen, Partner und Technologien. Ziel ist es, Innovationen voranzutreiben, neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln und eigene Geschäftsmodelle zu erweitern.

adVANce bündelt Aktivitäten in unterschiedlichen Bereichen und besteht heute aus sechs Innovationsfeldern: digital@Vans und eDrive@Vans für die Vernetzung und die Elektrifizierung unserer Vans, solutions@Vans für effiziente Hardware-Lösungen, rental@Vans für innovative Mietmodelle und sharing@Vans für neue Konzepte bei der Personenbeförderung. Mit autonomous@Vans wurde adVANce um einen weiteren wichtigen und konsequenten Bereich erweitert.

Was hat man im Zusammenspiel dieser sechs Felder bereits auf den Weg gebracht?
Mit dem neuen Sprinter haben wir adVANce im vergangenen Jahr erstmals auf die Straße gebracht und an ihm zeigt sich das Zusammenspiel der einzelnen Bereiche sehr gut: Der neue Sprinter wird durch Internetanbindung, einer einzigartigen Skalierbarkeit, Elektroantrieb und individuellen Hardware-Lösungen für den Laderaum sowie durch die Kombination mit Sharing- und Mietangeboten zur ersten Gesamtsystemlösung von Mercedes-Benz Vans.

"Elektromobilität wird außerdem natürlich erst dann richtig interessant und emissionsfrei, wenn man auch den Einsatz von Energie aus regenerativen Quellen berücksichtigt."

In dem aktuell sehr präsenten Thema Elektromobilität (eDrive@Vans) sind wir ebenfalls schon sehr gut aufgestellt. Mit dem eVito und dem eSprinter haben wir erfolgreich die beiden wichtigsten gewerblichen Baureihen elektrifiziert. Kaufen können unsere Kunden den eVito Kastenwagen und eVito Tourer bereits seit Anfang des Jahres.

Der eSprinter wird noch in diesem Jahr folgen. Vor kurzem haben wir außerdem mit dem EQV auch das erste privat positionierte Fahrzeug aus unserem Portfolio – die Großraumlimousine V-Klasse-  in ihrer elektrischen Variante vorgestellt.

Im Bereich Konnektivität (digital@Vans) treiben wir das Thema Mercedes PRO connect weiter voran und es werden kontinuierlich weitere, digitale Services auf der Plattform ergänzt. Diese helfen unseren Kunden dabei, ihre Flotten besser zu verwalten und Effizienzen im täglichen Geschäft zu realisieren.  

 Die drei Gründer von Magazino: (v.l.n.r.) Nikolas Engelhard, Frederik Branter, Lukas Zanger
© Siemens AG
Start-ups

Magazino - Intelligente Roboter für die Logistik 4.0

Ein in die Zukunft weisendes Beispiel ist unsere Studie Vision URBANETIC, die auf eindrucksvolle Weise zeigt, wie autonomes Fahren in der Zukunft aussehen kann.

Wie sieht denn die Erwartungshaltung der Kunden hinsichtlich Elektromobilität und Konnektivität aus?
Der Bedarf wird größer. Aber den Kunden geht es dabei um sinnhafte Lösungen und Produkte, die den eigenen Bedürfnissen und Erwartungen entsprechen.

Zudem denken unsere Kunden auch über das reine Fahrzeug hinaus und erwarten von uns als Hersteller mehr als nur einen elektrischen Van. Wir bieten daher ganzheitliche Lösungen im Bereich der Elektromobilität an und helfen unseren Kunden dabei herauszufinden, welche Lösung für ihre konkreten Anforderungen die passenden sind.

Wer ein Elektrofahrzeug fahren will, muss es auch laden können. Wo sehen Sie Herausforderungen für die Lade-Infrastruktur? Was können Sie hier für Ihre Kunden tun?
Wir bieten unseren Kunden von Systemberatung bis hin zum direkten Aufbau der Ladeinfrastruktur in vielen Bereichen und Intensitäten unsere Unterstützung an. Dies kann – zusammen mit Partnern – von der Beratung bis hin zur Konzeption und zum Aufbau einer eigenen effizienten und individuellen Ladeinfrastruktur reichen, die speziell die Bedürfnisse unserer gewerblichen Kunden berücksichtigt.

Großen Wert legen wir dabei auf Skalierbarkeit und ein intelligentes Lastmanagement, um keine unnötigen Kosten durch vermeidbare Lastspitzen zu erzeugen. Auch zu unseren Konnektivitätsangeboten im Rahmen von Mercedes PRO connect oder zu Fördermöglichkeiten bieten wir diese Beratung an.

Leider ist das Angebot an Fördermitteln für die E-Mobilität innerhalb Deutschlands noch sehr uneinheitlich gestaltet und vielerorts aus Sicht unserer Kunden nicht transparent. Aus meiner Sicht wäre eine bundesweite Harmonisierung der Fördermaßnahmen wünschenswert. Elektromobilität wird außerdem natürlich erst dann richtig interessant und emissionsfrei, wenn man auch den Einsatz von Energie aus regenerativen Quellen berücksichtigt.

Neben der Elektromobilität ist die Digitalisierung bzw. Vernetzung ein weiteres großes Thema. Wo verbinden sich diese beiden Bereiche?
Wir bieten in unseren Mercedes PRO connect Diensten ein erweitertes Konnektivitätspaket speziell für elektrische Nutzfahrzeuge. Das Mehrwertpaket „Digitalisiertes eVan Management“ umfasst zwei Dienste, die alternativ voneinander angewendet werden können.

Mit dem Dienst „Ferngesteuertes Lademanagement“ ist es möglich, bereits vor Fahrtbeginn Fahrzeuge zu temperieren. Dadurch kann die für eine Klimatisierung benötigte Batterieladung reduziert und für eine größere Reichweite eingesetzt werden.

Als zweiten, spezifischen Dienst für den eVito bietet Mercedes PRO connect den Service „Intelligentes Lademanagement“ an, bei dem Flottenmanager eine Elektrofahrzeugflotte gestaffelt laden und die notwendige elektrische Anschlussleistung minimieren können.

Zusammengefasst kann man von einem „Rundum-Paket“ sprechen?
Unser Angebot geht tatsächlich weit über das Fahrzeug hinaus. Wir bieten eine maßgeschneiderte Gesamtsystemlösung für unsere Kunden an. Das beginnt – wie beschrieben – im Vorfeld bei der Beratung. Mit unserer eVan Ready App können sich Interessierte schon darüber klarwerden ob sich ihre täglichen Fahrstrecken mit elektrischen Fahrzeugen abbilden lassen.

Durch einen kundenorientierten Co-Creation-Prozess binden wir unsere Kunden früh in den Entwicklungsprozess ein. Wir verfolgen damit das Ziel, durch die Kombination unserer sechs Innovationsfelder neue Geschäftsmodelle und maßgeschneiderte Lösungen angepasst an die jeweiligen Branchen unserer Kunden zu entwickeln. Schließlich schauen wir beispielsweise auch auf die Integration der elektrischen Transporter in bestehende Betriebsabläufe bis hin zur Schulung der Mitarbeiter.

Was gibt es in den anderen Bereichen an neuen Geschäftsmodellen?
Schauen wir uns die Bereiche rental@VANS und sharing@Vans an, gibt es bereits eine Reihe an Mobilitätsdienstleistungen im Portfolio. Wir haben mit Gründung der Mercedes-Benz Vans Mobility GmbH eine eigene Tochterfirma für van-spezifische Mobilitätslösungen gegründet. Das Angebot Mercedes-Benz Van Rental vermietet seit 2017 Fahrzeuge, welche die gesamte Bandbreite unserer Van Produktrange abdecken.
Es gibt sowohl Standard- als auch Branchenfahrzeuge, darunter zahlreiche Spezialausbauten für Personentransport oder den Warentransport. Auch den eVito können Kunden bereits bei Van Rental anmieten. Zudem bieten wir über unser Joint Venture ViaVan einen so genannten On-Demand Public Transit Service an, der durch das Bündeln von Fahrten Verkehr reduzieren kann.

In Berlin zum Beispiel ist ViaVan gemeinsam mit der BVG unter dem Namen „BerlKönig“ bereits sehr erfolgreich positioniert. Mehr als 120.000 registrierte Nutzer nutzen den Service, der nach und nach weiter ausgebaut und auch in anderen Städten verfügbar gemacht werden soll.   

Wir arbeiten zudem an weiteren innovativen Services wie beispielsweise In-Van Delivery & Return, einer digitalen Lösung speziell für Servicetechniker-Flotten sowie beispielsweise VAN2SHARE einer innovativen VAN Sharing- und Dispositionsplattform, welche Fahrer, Fahrzeuge und Auftragsanforderungen verknüpft. 

shipcloud-Gründer Claus Fahlbusch und Stefan Hollmann
© Shipcloud
Start-ups

Shipcloud - die Schwebebahn über dem Abgrund der Versand-Logistik

Wie geht es weiter mit der künftigen Mobilität?
Wir sind überzeugt von der Elektromobilität. Gerade im innerstädtischen Verkehr ist die Zukunft elektrisch. Vor allem unseren gewerblichen Kunden in den Innenstädten werden wir durch die vollständige Elektrifizierung unseres Produktportfolios einen großen Vorteil bieten können.

Elektromobilität und Digitalisierung spielen im Zusammenspiel eine große Rolle in der künftigen Mobilität und wir haben diesen Weg bei Mercedes-Benz Vans bereits beschritten und gehen hier weiter voran.

Die Weiterentwicklung der Verkehrs-Infrastruktur sehe ich jedoch als ganzheitliche Aufgabe. Maßnahmen wie neue Verkehrskonzepte, eine ausreichend dimensionierte öffentliche Ladeinfrastruktur, Parkraummanagement, etc. müssen gemeinsam gestaltet werden. Das können wir als Hersteller nicht alleine leisten und erst durch das Zusammenspiel verschiedener Player werden wir das Thema E-Mobilität nachhaltig umsetzen können.

MEHR ZUM THEMA:

Lautlos und lokal emissionsarm: Das amerikanische Logistikunternehmen UPS fährt hierzulande häufig bereits elektrisch vor.
© UPS
Logistik

„Wir planen einen Testlauf mit selbstfahrenden Zustellrobotern"


What3words hat die Welt in Quadrate von 3 m x 3 m aufgeteilt und jedem dieser Quadrate eine einmalige 3-Wörter-Adresse zugeordnet.
© What3words
Logistik

What3words - 3 Wörter navigieren durch die Welt


Klare Worte: UPS-Deutschlandchef Frank Sportolari im etailment-Interview.
© UPS
Logistik

"Mittelständler sollten wie Start-ups denken"