Thirtysomething sind heute in der Führungsetage angekommen. Frauen sind darunter selten. Die Jungs bleiben gern unter sich. Frauen wie Frauke Mispagel sind in solchen Runden die Ausnahme. Warum Unternehmen von mehr führungsverantwortlichen Frauen profitieren, analysiert die Mitgeschäftsführerin des Company Builders Otto Group Digital Solutions (OGDS) in einem Gespräch mit etailment.

Heute werden Unternehmen von Managern geführt, die zur Ihrer eigenen Generation gehören. Ist damit das Genderthema gelöst?
Lange glaubte ich, die Generation mit verfestigten Rollenbildern stirbt langsam aus. Die nachfolgende Generation ist anders. Diese Überzeugung musste ich verwerfen. Ja, zunehmend sind Männer meiner Generation in den Führungsebenen angekommen. Doch nach wie vor sind Männer hier in der überwältigenden Mehrheit und sind überwiegend entsprechend der klassischen Rollenbilder geprägt. Frauen haben es schwer. Veränderungen brauchen sehr viel Zeit.

Woran liegt’s?
Ich habe zwei Hypothesen. Männer haben ein anderes Sozialverhalten als Frauen. In der Führungsebene existiert oft eine Art ‚Boysclub‘. Das ist unabhängig von Größe und Alter des Unternehmens. In diesen Netzwerken verschwimmt Privates und Berufliches. Man geht gemeinsam auf den Fußballplatz, ist auf einem Termin oder geht miteinander etwas trinken – da werden Geschäfte gemacht.

Es ist schwer, als Frau Zugang zu bekommen – ich würde sagen, es ist unmöglich. Unter Frauen gibt es nichts Vergleichbares, auch weil es noch nicht viele Frauen in Führungsebenen gibt. Dazu kommt: Wir Frauen verhalten uns grundsätzlich anders.

Zweite Hypothese: Für Männer funktioniert die Welt und zwar schon lange recht gut. Für sie ist es nicht störend, dass es in ihrem Umfeld wenig Frauen gibt. Und so lange es Männer nicht als notwendig erachten, dass Führungsteams diverser sein sollten, so lange wird sich nicht viel bewegen. Männer kämpfen nicht für diese Veränderung.
Was sind Ihre konkreten Erfahrungen?
Ich habe dieses Boysclub-Prinzip häufig erlebt. In diesen Männernetzwerken verbinden sich in der Regel Gleichgesinnte. Sie eint zum Beispiel die gleiche Universität besucht zu haben, gemeinsam in vorherigen Jobs gearbeitet zu haben oder auch im gleichen Hockeyclub zu sein.

Diese Gemeinsamkeiten fördern das Vertrauen und beflügeln die Geschäfts- beziehungsweise Karrierebeziehung. Sie veranstalten in ihrem Boysclub nicht nur gemeinsame Fußballturniere, sondern sorgen dafür, dass sie gegenseitig an Geschäften partizipieren. Da ist man als Frau nie dabei.

Das klingt wie die moderne Version schlagender Verbindungen.
Richtig. Über diesen Weg wird am Ende das Geschäft oder die Karriere gemacht. Zum Leidwesen der Frauen kommt häufig ein Gehaltsgefälle hinzu. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich als Frau deutlich weniger verdient habe als mein gleichrangiger, männlicher Kollege.
© Otto Group OGDS/Der Handel
Für Männer somit eine stabile Situation. Warum sollten sie dieses Modell ändern – welchen Nutzen brächte ihnen ein höherer Frauenanteil?
Es ist immer gut, wenn Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Auch Mitarbeiter aus anderen Kulturkreisen bringen eine andere Sichtweise ein.

Frauen haben schlicht andere Qualitäten als Männer. Sie sind in der Regel weniger risikofreudig, disziplinierter, haben einen höheren Grad an Perfektionismus und bringen oftmals eine höhere emotionale Intelligenz im Umgang mit Mitarbeitern mit. Die Mischung aus männlichen und weiblichen Stärken beinhaltet eine Chance. Sie wird Unternehmen guttun und sie besser aufstellen. 

Kim Nilsson, Gründerin der Vermittlungsplattform für Datenanalysten Pivigo
© Pivigo
women@retail

Kim Nilsson – "Ohne Vielfalt in der Führungsebene werden viele Unternehmen die vierte industrielle Revolution kaum überleben."

Die Vorteile haben sich offenbar noch nicht rumgesprochen. Hilft eine Frauenquote?
Da bin ich im Zwiespalt. Lange habe ich gesagt, eine Quote lehne ich ab. Sie geht mit einer Negativwahrnehmung einher. Doch die Situation ist systemisch so festgefahren, dass ich eine Quote für das Mittel zum Zweck halte, um das System aufzubrechen.

Man muss vorleben, dass es sinnvoll ist, diverse Teams zu führen. Für die einzelnen Frauen ist es kein wünschenswerter Weg, ihnen wird massiver Widerstand entgegengebracht.

Müssen bei der Genderthematik Männer mehr ins Blickfeld rücken?
Für Frauen gibt es viele Weiterbildungsangebote, die ich auch schon besucht habe, mit dem Tenor – wie verhält man sich als Frau in einer männerdominierten Unternehmenswelt.

Vielleicht kann man das umdrehen und Männer dafür sensibilisieren, wie man sich in einer Welt verhält, in der nicht nur Männer führen und welche Vorteile auch ihnen daraus entstehen. Das hört sich etwas radikal an, doch ich denke, bei Männern muss ein Brainwash stattfinden.

"So lange es Männer nicht als notwendig erachten, dass Führungsteams diverser sein sollten, so lange wird sich nicht viel bewegen. Männer kämpfen nicht für diese Veränderung."

Frauke Mispagel, Mitgeschäftsführerin des Company Builders Otto Group Digital Solutions (OGDS)


Wie schaut es mit den Frauen aus? Wo haben sie Nachholbedarf?
Ganz klar beim Selbstbewusstsein. Wir sind in der Regel kritischer mit uns und zurückhaltend in der Selbstvermarktung. Entsprechend greifen Frauen zögerlicher zu, wenn sich die Chance bietet, Karriere zu machen.
Wenn Frauen eine Stellenausschreibung sehen und überzeugt sind, dass sie drei der zehn geforderten Punkte nicht exakt erfüllen, bewerben sie sich nicht. Männer sind der Überzeugung, dass sie nahezu alles können, selbst wenn fünf Punkte nicht erfüllt sind. Sie bewerben sich, ohne zu zögern. Das ist so – und da liegt der Fehler bei uns. Frauen sind in der Verantwortung, Chancen zu ergreifen.

"Immer die mentale Freiheit behalten, dass alles möglich ist, dass man alles machen und erlernen kann. Man darf keine Tabuthemen im Kopf zulassen."

Frauke Mispagel, Mitgeschäftsführerin des Company Builders Otto Group Digital Solutions (OGDS)
Selbstbewusst und gleichwertig – wo wird vergessen, dies zu vermitteln – Erziehung, Schule, Studium?
Mir wurde mit dem Berufsleben bewusst, dass ich anders behandelt werde, doch die Prägung hat viel früher angefangen. Es ist wichtig, Kindern von Anfang an mitzugeben, dass Mädchen und Jungen gleichwertig sind.
Mich stören Bildungsinitiativen, die beispielsweise Schülerinnen vermitteln wollen, wie man ein Unternehmen gründet. Das zielt häufig auf eine Mangelkompetenz bei Frauen – das ist per se Diskriminierung pur.

Es impliziert, dass die bislang männlich dominierende Art, die richtige ist.
Genau. Es gilt herauszuarbeiten, was Frauen können, was sie ebenso wie einen Mann qualifiziert, beispielsweise ein Unternehmen zu gründen – nur auf eine andere Art und Weise. Im Bildungsrahmen sollte vermittelt werden, dass verschiedene Wege zum gleichen Ziel führen – ein männlicher und ein weiblicher, und beide sind gleichwertig.

Was würden Sie Frauen im Rahmen einer Abschlussrede eines Masterstudienganges mitgeben?
Tipp 1: Wenn ich als Frau das Gefühl habe, ich bin einer Aufgabe nicht gewachsen, dann übernehme ich sie erst recht. Meiner Erfahrung nach ist die Selbsteinschätzung immer falsch. Ein Mann würde dieselbe Situation ganz anders bewerten.

Das gilt auch bei Gehaltsverhandlungen. Wer ein grummelndes Gefühl im Bauch hat, sollte noch eine Schippe drauflegen und dann erst aussprechen. Wir Frauen müssen das lernen. Damit fühlt man sich am Anfang nicht wohl, doch darüber lässt sich Selbstbewusstsein aufbauen.

"Wir sind in der Regel kritischer mit uns und zurückhaltend in der Selbstvermarktung. Entsprechend greifen Frauen zögerlicher zu, wenn sich die Chance bietet, Karriere zu machen."

Frauke Mispagel, Mitgeschäftsführerin des Company Builders Otto Group Digital Solutions (OGDS)
Tipp 2, der mir einmal gegeben wurde:  Einladungen zu Vorträgen sind Chancen im Rampenlicht zu stehen. Die sollte man immer annehmen, auch wenn man in dem Moment überzeugt ist: Das ist das falsche Thema. Es ist die Chance auf der Bühne zu stehen – ein Mann wird immer ja sagen. Ja-Sagen schult enorm.
Tipp 3: Frauen müssen sich untereinander mehr und bewusster fördern.
Tipp 4: Immer die mentale Freiheit behalten, dass alles möglich ist, dass man alles machen und erlernen kann. Man darf keine Tabuthemen im Kopf zulassen.
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