Acht Branchen unter einem Dach: Wie die extrem komplexe EK -Servicegroup im digitalen Zeitalter Synergien erzielt, beschreibt deren Vorstandschef Franz-Josef Hasebrink.

Herr Hasebrink, mit acht Branchenfeldern und Aktivitäten in mehreren europäischen Ländern ist die EK-Servicegroup extrem breit aufgestellt. Wie bewältigen Sie das organisatorisch im Alltag?

Die Führung und Organisation ist an sich schon eine große Herausforderung. Unsere Erfolgsformel basiert darauf, dass unsere organisatorischen Überlegungen immer am Point of Sale beginnen. Daraus resultiert, dass sämtliche Geschäftsfelder unabhängig und auf ihren Markt fokussiert agieren können. Das ist die erste Priorität der Organisation.

Was bedeutet das in der Praxis?

Dass Bereiche wie Intersport in Holland oder Living in Deutschland nicht zentral durch den Gruppenvorstand geführt werden, sondern durch die Manager der selbstständigen Units. Dieses Prinzip gilt auch für die anderen sechs Einheiten. Dem stehen zentrale Einheiten gegenüber, die den dezentralen Geschäftsfeldern wie Business-Partner zuarbeiten.

Welche Aufgaben übernehmen diese Einheiten?

Zum Beispiel IT-Dienstleistungen, die eine immer größere Rolle spielen, etwa beim Thema Omnichannel, Finanzen, Controlling und nicht zuletzt beim Thema Personal. Diese zentralen Einheiten sollen die Geschäftsbereiche entlasten und gleichzeitig Qualität und Effizienz sicherstellen. Es ist ein Erfolgskriterium der Plattform, dass wir die Volumina aus den Geschäftsbereichen bündeln und dort gemeinsame Organisationseinheiten schaffen. Die Bündelung möglichst großer Volumina über einheitliche Organisationsprozesse fördert die Effizienz.

Ein Vorteil von Verbundgruppen ist der gemeinsame Einkauf. Wie lassen sich bei so vielen Branchen überhaupt noch Einkaufsvorteile erzielen?

In der Regel werden die Lieferantenbeziehungen aus den Geschäftseinheiten heraus geführt. Die Zahl der Lieferanten, die für mehr als eine Unit zuständig sind, ist begrenzt. Also muss die kritische Masse innerhalb der Geschäftseinheiten entstehen. Diese müssen wachsen, teils auch in Kooperationen mit anderen Verbundgruppen.

Mit wem kooperieren Sie zum Beispiel?

Seit einigen Jahren kooperieren wir im Bereich Spielwaren mit Vedes, um auch in diesem schwierigen Markt die kritische Masse sicher zu stellen. Das geschah nicht zuletzt mit Blick auf die Spielzeug-Lieferanten, unter denen einige global Player sind.

Ein Gegengewicht gegen zu mächtige Lieferanten?

Die Beziehung zu Lieferanten hängt vom kritischen Marktvolumen ab. Es geht darum, welchen Mehrwert man Lieferanten in der Vermarktung bietet. Auf der anderen Seite steht unser Kerngeschäft als Verbund, also Handelskonzepte zu entwickeln und zu etablieren, um Wertschöpfung sicherzustellen.

Wo liegt der Vorteil des Verbundes aus mehreren Branchen gegenüber den Spezialisten aus nur einer Branche?

Der eigentliche Vorteil liegt in den Synergien, die in den Gemeinsamkeiten der Geschäftsfelder liegen.

EK-Servicegroup Vorstandschef Franz-Josef Hasebrink
© Fotos: Frank Wilde
EK-Servicegroup Vorstandschef Franz-Josef Hasebrink

Wie leistungsfähiger Omnichannel-Handel funktioniert, und was der selbstständige Unternehmer im Handel tun muss, unterscheidet sich nicht in Bereichen wie Sport oder Fashion.

Welche Synergien gibt es trotz der Unterschiede?

Wie leistungsfähiger Omnichannel-Handel funktioniert, und was der selbstständige Unternehmer im Handel tun muss, unterscheidet sich nicht in Bereichen wie Sport oder Fashion. Die Antworten sind zunächst gleich, die technischen Voraussetzungen sind trotz verschiedener Inhalte zumindest ähnlich. Also finden sich gerade auch in der Entwicklung von Themen Synergiemöglichkeiten.

Wo liegen die Herausforderungen online?

Das beginnt mit dem Internet und geht über den Shop bis zum Datenmanagement und Content. Das heißt, es geht im Wesentlichen um Kommunikation. Die Basis dafür ist Content. Dieser wiederum hat zwei Dimensionen, zum einen Produktdaten wie Bilder, also Konsumenten bezogene Daten. Das andere ist redaktioneller Content, zum Beispiel im Sportbereich, wo es um attraktive Darstellung geht.

Erledigt das alles die Zentrale für die Händler?

Nein, wir machen viel, aber nicht alles. Etwa die Anschaffung der Computer, also die Investition in die technischen Voraussetzungen, ist immer noch Sache der Händler. Doch selbst dabei beraten wir, was erforderlich und was zu tun ist. Derzeit arbeiten wir intensiv daran, den Organisationsgrad des Verbundes zu erhöhen. Daher müssen wir in jeder Hinsicht eine Sprache sprechen.

Wie findet man die gemeinsame Sprache?

Dafür muss man auch über gemeinsame Prozesse und Strukturen verfügen. Heute entscheidet das Thema IT und Prozesse nicht nur über die Effizienz eines Händlers, sondern über den Marktzugang. Deshalb sind wir dabei, mit dem Eres-System eine einheitliche Struktur aufzubauen, mit der wir ohne Schnittstellen im Verbund arbeiten können. Konkret ermöglicht uns dies, dass wir alle Bestände aller Händler genau kennen.

Wie wollen Sie die Bestände der Händler kennen, wenn diese oft ihre Bestände selbst nicht kennen?

Die Landschaft in einer Verbundgruppe wie unserer ist divers. Unsere Händler haben sich sehr unterschiedlich entwickelt. Doch in der Regel setzen sie moderne Warenwirtschaftssysteme ein. Die Mittelständler mussten sich bereits enorm qualifizieren. Dennoch gibt es auch Betriebe, die ihre Warenwirtschaft nicht bezogen auf Einzelartikel einsetzen. Das mag vielleicht im 20. Jahrhundert noch funktioniert haben. Doch im 21. Jahrhundert ist das kein Zukunftsprojekt mehr.

Welche Voraussetzungen muss ein Händler in der Warenwirtschaft mitbringen?

Die Nutzung qualifizierter ERP-Systeme ist eine Voraussetzung für professionellen Handel und den Zugang zu Märkten. Nur wenn Bestände auf Basis der Einzelbetriebe geführt werden, können wir Bestandsdaten im Verbund vernetzen und dafür sorgen, dass das Ganze mehr ist als die Summe aller Einzelteile. Das Eres-Konzept soll dafür sorgen, dass wir voneinander profitieren und miteinander arbeiten.

© Fotos: Frank Wilde

Die Nutzung qualifizierter ERP-Systeme ist eine Voraussetzung für professionellen Handel und den Zugang zu Märkten.

Ihr Vernetzungs- und Omnichannel-System Eres steckt in den Kinderschuhen, bisher nutzen Sie es erst bei Spielwaren. Wie sieht Ihr Fahrplan aus?

Die Strategie von Eres steht, nun geht es in die Praxis. Wir befinden uns derzeit in der Pilotphase, die sehr erfolgreich verläuft.

Wie geht es weiter, wann folgen Bereiche wie Fashion und Living, oder gibt es dabei unterschiedliche Einschätzungen zur Omnichannel-Strategie?

Bei dem Thema gibt es wenig Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen. Das ist eher eine Frage der Einschätzung, die ein Unternehmer zum Thema Digitalisierung und Omnichannel hat. Die Grund-Anforderungen unterscheiden sich indes kaum zwischen Branchen wie Fashion oder Spielwaren.

Ihr Ziel ist der Aufbau von Online-Marktplätzen für die einzelnen Geschäftsbereiche. Wie ist der heutige Stand der Dinge?

Der erste Marktplatz ist bei Spielwaren unter „Spiel und Spaß“ an den Start gegangen. Diese Marktplätze haben nicht die Funktion, Umsatz und Ertrag im Eigengeschäft der EK-Gruppe zu maximieren, sondern dienen der Präsenz und Frequenz-Beschaffung für unsere Mittelständler, die sich über Eres an diesem Marktplatz beteiligen. Es geht darum, wie wir auch künftig für die Konsumenten relevant bleiben.

Bieten Sie auf Ihrer Plattform nicht bereits die Schnittstellen zu den Marktplätzen von Amazon und Ebay an?

Ja, Eres ist zwar noch in der Pilotierungsphase, doch viele unserer Händler sind schon bei Amazon und Ebay aktiv. Wir raten dazu, diese Kanäle sehr differenziert zu nutzen. Das ist durchaus ein Spannungsfeld zwischen den sehr großen Chancen hinsichtlich des Marktzugangs, aber auch den Risiken der Nachhaltigkeit und Rentabilität des Geschäftes.

Was verstehen Sie unter differenzierter Nutzung?

Es ist selbstverständlich, dass unsere Händler den Marktzugang über Plattformen wie Amazon und Ebay nutzen. Doch eine solche Zusammenarbeit steht auch in einem Spannungsfeld. Man kommt an den Konsumenten heran und hat Umsatz-, idealerweise auch Ertragsmöglichkeiten. Der Ertrag wird durch den Preis bestimmt und durch den Margenanteil, den der Händler zum Beispiel an Amazon abgibt. Das ist das Spannungsfeld Nummer eins.

…und die weiteren Spannungsfelder?

Dann geht es weiter mit der Frage, wann man sein Geld bekommt. Und es geht um die Frage, wem die Daten gehören und was damit passiert. Und nicht zuletzt stellt sich die Frage, wie nachhaltig dieses Geschäftsmodell letztlich ist. Wenn man alle diese Aspekte einbezieht, lassen sich über Amazon und Ebay durchaus gute Geschäfte machen. Doch das ist nicht die Zukunft dieses Verbundes! Für uns ist es essenziell, dass gerade die Daten und Kenntnisse über unsere Kunden bei unseren Händlern bleiben müssen.

Ist die EK-Servicegroup denn in der Lage, die Massen von Kundendaten zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen?

In fast allen Geschäftsbereichen ist es unser strategisches Ziel, die Entwicklung von Omnichannel-Maßnahmen mit Businness-Intelligence zu kombinieren.

Was heißt das konkret?

Das heißt, wir werten die Abverkaufsdaten unserer Händler aus und leiten daraus Prognosen für die Sortimentsentwicklung und andere Aktivitäten ab. Das ist ein Teil unserer Strategie, der aktuell im Bereich Fashion ausgerollt wird. In Holland haben wir damit schon begonnen. Das nennen wir Category Support. Dabei geht es nicht darum, historische Daten zu betrachten und Statistiken zu führen, sondern vielmehr darum, konkrete Erkenntnisse zu gewinnen und diese in Aktionen und Sortimente umzusetzen.

Wie sieht Ihr weiterer Fahrplan aus, wann ist die EK-Servicegroup digital fit?

Der digitale Umbau vollzieht sich in unterschiedlichen Bereichen. Es geht um Omnichannel-Retailing, Datenmanagement, um die Digitalisierung des Unternehmens EK-Gruppe im Sinne von Effizienz. Das alles ist ein fortlaufender, nie endender Prozess. Beim Thema Omnichannel schaffen wir ja fast wöchentlich mit neuen Ideen etwas Neues.

Also haben Sie keinen konkreten Zeitplan?

Doch, für Eres haben wir ein konkretes Programm, das drei bis fünf Jahre umfasst. Dahinter steckt die Erwartung, dass wir zirka 500 führende Händler mit dieser Strategie auf- und umrüsten.

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