Seit mehr als 500 Jahren warnen sich Kaufleute vor säumigen Zahlern. Die heute gegebene Möglichkeit, quasi flächendeckend Kreditnehmer auf potenzielle Ausfallrisiken zu taxieren, hängt eng mit der technischen Entwicklung zusammen. Perspektivisch soll die Qualität der Informationen durch künstliche Intelligenz weiter optimiert werden. Ein Streifzug durch die Geschichte am Beispiel der Schufa.

Die Geschichte der Auskunfteien reicht weit zurück. Im Venedig des 15. Jahrhunderts führten Kaufleute Listen mit Namen unzuverlässiger und insolventer Käufer. Die Praxis fand im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung eine gewisse Verbreitung in Form zahlreicher "Handelsauskunfteien".

Die Ursprünge der Schufa sind eng mit der Stromwirtschaft und der Elektrifizierung der Haushalte verbunden. In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts bot die Berliner Städtische Elektrizitätswerke Akt.-Ges. (BEWAG) auch Haushaltsgeräte an, wobei sie beim Kauf Ratenzahlung ermöglichte, die Raten wurden jeweils mit der Stromrechnung fällig.

Wie die Kaufleute in Venedig hatte auch die BEWAG eine Kundenliste, wobei hier die zuverlässig pünktlich zahlenden Kunden aufgeführt wurden.

Kreditschutz auf Gegenseitigkeit

Hieraus wurde das Konzept eines Kreditschutzes auf Gegenseitigkeit entwickelt und Firmen und Verbänden vorgestellt, wo es auf Interesse stieß. Aber es gab Fragezeichen, ob das Prinzip der Gegenseitigkeit tatsächlich durchgesetzt werden könnte.
Die Schufa-Zentrale in Wiesbaden-Schierstein
© Schufa
Die Schufa-Zentrale in Wiesbaden-Schierstein
Diese wurden überwunden, indem sich die BEWAG bereit erklärte, die Schutzgemeinschaft für Absatzfinanzierung (später: Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditfinanzierung), kurz Schufa, in der Rechtsform einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts, in der alle Gesellschafter mit ihrem gesamten Vermögen haften, zu gründen.

Fünf Jahre nach dem 1927 erfolgten Start nutzt die Berliner Schufa alle zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten: Für die Abwicklung der telefonischen Anfragen stehen 14 Leitungen zur Verfügung, weiterhin vier Ferndrucker, die Vorgänger von Fernschreibern beziehungsweise Telex-Geräten.


Digitalisiert und automatisiert

Heute ist die Schufa ein digitales Unternehmen: "Unser Automatisierungsgrad bei Kreditanfragen beträgt nahezu 100 Prozent. Wir liefern in Echtzeit", berichtete CEO Michael Freytag 2018 im Interview mit DUB Unternehmer-Magazin.

Den Weg dorthin markieren einige Meilensteine: 1950 wurde der Schufa-Suchdienst eingeführt. Vertragspartner der Schufa konnten einen Anschriftenermittlungsauftrag erteilen, wenn ihre Schuldner mit unbekannter Adresse den Wohnort gewechselt hatten.

Gearbeitet wurde mit Suchkarten: Jede Geschäftsstelle sortiert eine solche Karte unter dem entsprechenden Namen in die Karteischränke ein und informiert den Vertragspartner darüber, wenn die gesuchte Person über eine Anfrage von einem anderen Vertragspartner gefunden wurde.

1983 war Schluss mit den Karteikarten

1972 beginnt die elektronische Datenverarbeitung (EDV). Am 17. Juli wurde die erste Auskunft aus dem EDV-gestützten Schufa-Auskunftssystem erteilt. In der Geschäftsstelle Bochum standen IBM-2260-Bildschirme, mit grüner Schrift auf schwarzem Hintergrund, die über eine von der Deutschen Post angemietete Datenfernübertragungsstandleitung mit dem IBM-Rechenzentrum verbunden waren.

Schufa Kredit-Kompass 2019

Über eine speziell entwickelte Software konnten wenig später Vertragspartner der Schufa über Fernschreiber mit dem Schufa-Computer direkt kommunizieren und Auskünfte anfordern.

1983 endete das Zeitalter der Karteikarten, die nunmehr elektronisch gespeichert wurden. Die Umstellung auf elektronische Datenverarbeitung versetzte die Schufa in die Lage, mit dem ständig anwachsenden Kreditgeschäft mitzuhalten und neue Märkte und Anforderungen zu bedienen.


Vom Informationslieferanten zum Lösungsanbieter

1985 folgte die Schufa-Computer-Direktabfrage (SCDA) und darauf aufbauend 1989 die Schufa Computer-Direkt-Information (SCDI), 1996 wurde der Auskunft Scoring Service (ASS) eingeführt. ASS bildet den Grundstein für den Wandel vom reinen Informationslieferanten zum Anbieter integrierter Lösungen.

2002 stellte die Schufa für Vertragspartner aus dem Nichtbankenbereich ein Entscheidungsmanagementsystem bereit. eDecision wurde als preisgünstiges Tool zur Optimierung des Antrags- und Kundenmanagements angeboten.

Die Einführung der Schufa-Kurzauskunft Direkt war 2016 ein weiterer Meilenstein für das Firmenkundengeschäft von Unternehmen. Anhand von ad hoc verfügbaren Informationen unterstützt die Schufa ihre Kunden seither im B2B-Bereich mit einem effektiven Risikomanagement in Echtzeit.

Dr. Michael Freytag, Vorstandsvorsitzender der Schufa Holding AG
© Schufa
Dr. Michael Freytag, Vorstandsvorsitzender der Schufa Holding AG

Das Prinzip der Gemeinschaft hat Bestand

Im vergangenen Jahr wurden weitere Weichen auf dem Weg in die digitale Zukunft gestellt: Die Schufa erwarb eine Mehrheitsbeteiligung am 2008 gegründeten Fintech-Unternehmen finAPI, mit dem sie eng im Bereich von Access-to-Account (XS2A)-Lösungen zusammenarbeitet.

Das Grundprinzip der Gemeinschaft, die sich gegenseitig informiert, hat weiter Bestand. Die Digitalisierung jedoch hat nicht nur Prozesse innerhalb von Unternehmen verändert, auch die Konsumenten nutzen heute andere Instrumente.

Von den digitalen Dienstleistungsangeboten im Finanzbereich kennen heute nahezu alle (99 Prozent) das Online-Banking und eine große Mehrheit von 84 Prozent nutzt es auch, ergab eine vom Marktforschungsinstitut Forsa exklusiv durchgeführte Umfrage zur digitalen Finanzkompetenz der Verbraucher.

Weitere digitale Angebote im Finanzdienstleistungsbereich werden aber bislang nur wenig genutzt. Apps für das Online-Banking über das Smartphone kennen zwar 81 Prozent, doch nutzen bislang nur 36 Prozent diese Möglichkeit. Online-Zahlungsdienste kennen auch relativ viele der Befragten (72 Prozent), doch nur etwas weniger als die Hälfte (47 Prozent) nutzt diese Angebote auch.

Bonitätsprüfungen in Echtzeit

Mag die Nutzung digitaler Möglichkeiten hier noch nicht überwiegen, so muss die Schufa die entsprechenden Veränderungen im Blick behalten. Es gelte Produkte, Lösungen und Dienstleistungen an die sich verändernden Bedingungen und Anforderungen von Unternehmen und Verbrauchern anzupassen. "Verbraucher erwarten eine hohe Convenience und reibungslose und effiziente Prozesse. Geschäftsabschlüsse müssen heute – gerade online – innerhalb von Sekunden möglich sein. Die Prüfung der Bonität und Identität eines potenziellen Kunden muss entsprechend digital in Echtzeit möglich sein", umreißt Gjergji Kasneci das Pflichtenheft in einem Interview, das er anlässlich der Veranstaltung „Konsumentenkredite 4.0 – Digital, schnell, kundenorientiert“ gegeben hat. Kasneci ist Bereichsleiter Innovation und strategische Analyse bei der Schufa.

400.000 Auskünfte pro Tag

Er sieht die Auskunftei gut aufgestellt: "Die Schufa hat in den letzten Jahren sehr viel investiert, um den Anforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden, sodass heute nahezu 100 Prozent der Auskünfte in Echtzeit und in höchster Qualität generiert und übermittelt werden. Mit durchschnittlich 400.000 Auskünften pro Tag ist die Schufa somit eine wichtige Stütze der kreditgebenden Wirtschaft."

Betrug an sich ist ja kein Phänomen des digitalen Zeitalters. Die Betrugsformen ändern sich, diesen Veränderungen muss man entsprechend begegnen. Ein zeitgemäßes Instrument ist das Schufa-FraudPool (SFP). In ihm wird ein fest definierter Katalog von Informationen über erkannte Betrugsverdachtsfälle gesammelt und ausgetauscht. Die Ergebnisse werden in Echtzeit kommuniziert.

Technologie muss dem Menschen dienen und nicht anders herum. Ich finde es wichtig, dass man zum Beispiel das persönliche Umfeld, private Daten von Menschen aus Sozialen Netzwerken, nicht auswertet.

Schufa-Vorstandsvorsitzender Michael Freytag
Für die 71 Unternehmen aus der Finanzwirtschaft, die aktuell am FraudPool teilnehmen, bedeutet dies im Antragsgeschäft erhöhte Sicherheit ohne längere Bearbeitungszeit.

In Zahlen ausgedrückt: "Pro Werktag erfolgen rund 106.000 Anfragen an den SFP, es gab bisher rund 740.000 Hinweise zu betrugsrelevanten Informationen und etwa 29.000 erkannte Betrugsverdachtshinweise", zog Gjergji Kasneci nach drei Jahren eine erste beeindruckende Bilanz.

Ziel: Betrügern ihr Handwerk unmöglich machen

Im E-Commerce, zum Beispiel bei Onlinehändlern, ist die Ausgangslage vollkommen anders als in der Kreditwirtschaft. Hier macht der Identitätsbetrug nahezu 100 Prozent der Betrugsmuster aus. "Unternehmen müssen sich also mit der Frage beschäftigen, wie sie Betrug, egal in welcher Form und über welche Kanäle, vermeiden", so Kasneci im Interview mit bankingclub.de.

Das Ziel bleibt, Betrügern weiter die Arbeit unmöglich zu machen: Damit dies auch in Zukunft gelingt, hat die Schufa ein Innnovation Lab eingerichtet. Zu den Mitarbeitern zählen Informatiker und Datenwissenschaftler, die neue Möglichkeiten sondieren, wie Prozesse durch den Einsatz von Anwendungen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz verbessert werden können.

Keine Daten aus Sozialen Netzwerken

Doch die Schufa selbst setzt der Technik Grenzen, wie CEO Michael Freytag betont: "Technologie muss dem Menschen dienen und nicht anders herum. Ich finde es wichtig, dass man zum Beispiel das persönliche Umfeld, private Daten von Menschen aus Sozialen Netzwerken, nicht auswertet."

Die Schufa-Analysen basierten auf wirtschaftlichen Fakten und anerkannten Verfahren, ausgewertet würden für Unternehmens- wie auch für Privatkunden nur die Informationen, die im wirtschaftlichen Umfeld von Relevanz seien.

Hierbei werden in Spitzenzeiten bis zu eine Million Kreditanfragen am Tag bearbeitet. Für Freytag ist dies Beleg für den hohen Grad der technischen Ausstattung: Um diese Abfragen bedienen zu können, ist eine IT erforderlich, die höchsten Ansprüchen genügen muss.

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