Das Start-up Opendress hat eine KI-Lösung entwickelt, mit der Onlinekunden ihre Körpermaße digital erfassen und Shopbetreiber individuelle Größenempfehlungen geben können. Das soll nicht nur Retouren und damit CO2 reduzieren, sondern auch frustrierende Einkaufserlebnisse vermeiden helfen.

Retouren sind teuer für die Umwelt und das Geschäft. Rund 238.000 Tonnen CO2-Äquivalente berechnete die Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg bereits im Jahr 2018 für alle Rücksendungen in Deutschland. Insgesamt entstehen bei Onlinehändlern durch Retouren außerdem Kosten in Höhe von geschätzt über fünf Milliarden Euro. 

Durch politische Regulierungen wie Kreislaufwirtschaftsgesetze auf nationaler sowie EU-Ebene steigt auch im Modehandel der Druck, klimaneutral zu wirtschaften. Zur Transformation der Branche wollen Verena Ziegler und Dr. Frauke Link mit ihrem 2020 in Konstanz gegründeten Start-up Opendress einen Beitrag leisten.
Die Beawear-Gründerinnen Verena Ziegler (li.) und Dr. Frauke Link
© Beawear
Die Beawear-Gründerinnen Verena Ziegler (li.) und Dr. Frauke Link
Sie haben eine Software entwickelt, die nicht nur der Retourenvermeidung dienen, sondern auch Kosten sparen und das Shopping-Erlebnis im E-Commerce verbessern soll. Der Rücksendegrund "passt nicht" soll damit der Vergangenheit angehören.

Mittels 3-D-Körperscan erstellen Onlinekunden einen Avatar, mit dem die passenden Größen der Partnershops für die Kunden herausgefiltert und algorithmisch die passenden Artikel empfohlen werden.

Um Konsumenten ein besseres Einkaufserlebnis zu bieten, können außerdem Gamification-Elemente eingesetzt werden, d.h. Endkunden können anhand ihres „digitalen Zwillings" passende Kleidung auswählen, nach ihren persönlichen Wünschen filtern, verändern und ihr eigenes Stilprofil erstellen.

Verena Ziegler erklärt das Geschäftsmodell im Etailment-Interview.

Mal ehrlich und ohne Buzzwords: Wie würden Sie Ihren Eltern das Start-up erklären?
Wir adressieren das Problem schlechter Passform, die Senkung hoher Online-Retouren, Kosten und Abfall in der Modeindustrie. Durch eine einfach integrierbare Lösung können Kunden in Onlineshops ihre Körpermaße über einen 3-D-Scan vom Smartphone oder Laptop aus erfassen. Aus diesen Daten gleichen wir Konfektionsgrößen im First- und Second-Hand-Bereich ab, können aber auch individuelle Massen-Maßkonfektion nach Bestellung erstellen.
Unsere patentierte KI-Lösung Beawear unterstützt E-Commerce-Händler dabei, Käufern mit Standardmaßen die richtigen Größen zu vermitteln, aber auch neue Käufer mit Nicht-Standard-Körpermaßen zu bedienen. Laut einer Studie des Instituts Hohenstein (2021) passen nur ca. 30% der Bevölkerung in die Standardmaße XS-3XL.
Mit der KI-Lösung von Beawear erfassen Kunden im Onlinehandel ihre Körpermaße über einen 3-D-Scan und erhalten dann Größenempfehlungen, die auf ihrer individuellen Körperform basieren.
© Beawear
Mit der KI-Lösung von Beawear erfassen Kunden im Onlinehandel ihre Körpermaße über einen 3-D-Scan und erhalten dann Größenempfehlungen, die auf ihrer individuellen Körperform basieren.
Wie beschreiben Sie Ihr Geschäftsmodell einem möglichen Partner in einem Tweet (280 Zeichen)?
Einfach über Plug and Play in den Onlineshop integrieren. Nutzer können sich mit jedem mobilen Endgerät in 3-D vermessen, egal an welchem Ort. Der 3-D-Scan wird mit vorhandenen Konfektionsgrößen abgeglichen und die passende Größe angezeigt. So werden Retouren und Kosten reduziert und die Kundenzufriedenheit gesteigert.

Welche Unternehmen/Kunden konnten Sie bereits überzeugen?
  • ThokkThokk Marketplace, mit den Marken Lovjoi und ThokkThokk
  • Die deutsche Bundeswehr
  • ZIM Netzwerk "Kleidung in Losgröße 1" (Urbane Maßkleidung – Vor-Ort-Massenmaßfertigung von Textilien in Echtzeit), Aufbau von Massenmaßproduktion mit On-Demand-Produktion in Deutschland und Europa in dezentralisierten Mikrofabriken. Hier laufen Bestrebungen, die letzten lokalen Produktionsstandorte anzubinden und in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu stärken.
Mit wem würden Sie gerne ins Geschäft kommen?
Avocadostore, weil sie unsere Werte teilen; Hugo Boss, weil sie weltweit Vorreiter der Digitalisierung  sind, angefangen von der Kollektionserstellung (CAD) bis zur Produktion von Mode; Balenciaga, weil sie einfach cool sind, der Style die Gen Z trifft und sie eine Virtual-Reality-Catwalk-Show hatten; Mark Zuckerberg mit Metaverse, weil wir 3-D-Avatare besser können.
Was war die wichtigste Erkenntnis seit dem Start?
Es kommt nicht darauf an, ob ein Produkt besser für die Umwelt ist, wenn es dafür keine Infrastruktur gibt, wird die Industrie ihren Standard nicht umstellen. Deshalb muss man Lösungen schaffen, die Probleme der Industrie treffen, um sie dann schrittweise mit auf eine Reise zu einer nachhaltigen, transformativen Lösung zu führen. Ein zirkuläres Businessmodell zu entwickeln, dass einerseits die aktuelle Wirtschaft abholt und in ein nachhaltiges, kreislaufbasiertes Modell überführt, war eine komplexe Entwicklungsaufgabe.

Auf welche Erfolgszahl sind Sie besonders stolz?
Wir haben es in 1 Jahr geschafft, eine Plug-and-play-API-Lösung für die einfache Integration in Onlineshops zu bauen, einen eigenen Marktplatz gebaut und eine App-Version mit unserer Software-Lösung entwickelt.

Welche Schlagzeile würden Sie gerne in fünf Jahren über Ihr Start-up in einer Wirtschaftszeitung lesen?
"Vor 5 Jahren die richtige Idee, das richtige Timing, heute sind sie Standard"

Start-ups ohne Buzzwords

Sie sind Gründer eines innovativen und spannenden Unternehmens im Umfeld von Handel und FMCG? Können auch Sie Ihr Start-up ohne Buzzwords erklären? Dann melden Sie sich bei uns jederzeit unter ulrike.sanz@dfv.de.

Alle bisher vorgestellten Start-ups finden Sie unter etailment-Startups.de.

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