Biete Marktzugang, suche Impulse - so könnte die Kontaktanzeige lauten. Günter Althaus, Vorstandsvorsitzender der ANWR-Group und Präsident des Mittelstandsverbundes ist überzeugt,  dass Start-ups und Verbundgruppen von einer Zusammenarbeit profitieren

Wo stehen Sie beim Thema Digitalisierung?
Ich hoffe, wir stehen irgendwo in der Mitte. Die Digitalisierung ist ein Prozess, der sich permanent verändert und rasant weiterentwickelt. Man glaubt, einen Schritt nach vorn gemacht zu haben – geht dann auf die nächste Messe oder Ausstellung und erkennt: Schon wieder gibt es eine neue Technologie, die relevant sein könnte. In dem Moment weiß man: Das A und O ist es, sich mit diesem stetigen Wandel und Prozess zu beschäftigen, weiter zu lernen und vor allem auch Entscheidungen treffen.
 
Wie reagieren denn die Pressure Groups bei Ihnen auf die Thematik?
Die Reaktionen sind unterschiedlich. Natürlich haben wir Neuigkeiten-affine Unternehmen in unseren Reihen – und auch jene, die diesen Trend nur noch für die letzten fünf Jahre ihrer Geschäftstätigkeit mitnehmen wollen. Natürlich kann es vernünftig sein, sich dann entsprechende Investitionen zu sparen, wenn man ohnehin nicht das Unternehmen weiterführen will. Wir registrieren also ganz diametral unterschiedliche Wahrnehmungen und Entscheidungen bei unseren Mitgliedern.  

"Meine Message an die Führungskräfte, Vorstände und Geschäftsführer ist: Noch mehr Verantwortung delegieren und stärker in die Rolle des Moderierens schlüpfen – stärker Prioritäten setzen und Strukturen schaffen."

Günter Althaus
Spannend ist dabei, dass keiner das Thema negiert oder ignoriert. Es ist also allen klar, dass sie sich damit beschäftigen müssen. Lediglich die Fragen der Herangehensweise sind unterschiedlich.

Dorothee Bär ist ja nun Staatsministerin für Digitalisierung – wie schätzen Sie Frau Bär ein? Was erwarten Sie?
Zunächst einmal haben wir in diesem Kompetenzfeld nicht nur Frau Bär. Ich hätte mir aber für dieses Leitthema klarere Zuständigkeiten gewünscht, denn: Frau Bär sitzt im Bundeskanzleramt, mit Andreas Scheuer, zuständig für Verkehr und digitale Infrastruktur, haben wir einen weiteren Minister. Als Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur wird Cem Özdemir natürlich auch noch ein sehr verantwortungsvoller Posten im Bundestag zu teil. Hier zeichnen sich also unterschiedliche Aufgabenfelder ab. Ich hoffe, dass die Koordination gelingt – denn das, was wir jetzt brauchen, ist eine abgestimmte Vorgehensweise.
Ich mache das gerne mal an einem Beispiel deutlich: Die neue Regierung plant eine Investition in Höhe von 12 Milliarden Euro in die digitale Infrastruktur. In Anbetracht des bestehenden Genehmigungsrechtes in Deutschland ist es unwahrscheinlich, dass die Bundesregierung überhaupt mehr als sechs Milliarden Euro ausgeben kann.

Der einstige Rennfahrer Mario Andretti sagte:  Wenn Sie glauben, alles unter Kontrolle zu haben, dann fahren Sie noch nicht schnell genug.  Wir müssen also über das Limit hinausgehen und unsere Komfort-Zone verlassen. Was bedeutet das für das Thema Digitalisierung und für die Führungsstrukturen in den Verbundgruppen?
Das wäre für uns ganz fürchterlich. Die Angst vor Kontrollverlust ist gnadenlos hoch. Wir stellen aber ganz klar fest: Wenn wir schneller werden wollen – und das müssen wir – wird die Verantwortung noch stärker in Richtung der Fachbereiche gehen. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gern an die Formulierung  An die Könner geben müssen , welche ich sehr treffend finde. Denn in der Tat müssen zukünftig regelmäßiger auf der Ebene der Fachbereiche die Entscheidungen getroffen werden, da dort die Erkenntnisse früher reifen können.

"Mit einem Kontakt lässt sich so im Grunde genommen Zugang zu 100, 500, 1000 Kunden generieren. Die Attraktivität ist für die Start-ups dann offensichtlich."

Günter Althaus
Und auch, weil die Bewertung viel dezidierter möglich ist. Meine Message an die Führungskräfte, Vorstände und Geschäftsführer ist: Noch mehr Verantwortung delegieren und stärker in die Rolle des Moderierens schlüpfen – stärker Prioritäten setzen und Strukturen schaffen.

Warum ist denn gerade Ihre Gruppe, die ANWR GROUP, für Start-ups sexy?
Die meisten Start-ups sind vollkommen überrascht, dass es so etwas wie Verbundgruppen überhaupt gibt. Start-ups nehmen Verbundgruppen eher als Filialunternehmen wahr und kennen die großen Dachmarken wie etwa Intersport oder die genossenschaftlichen Lebensmittelhändler Rewe und Edeka. Sobald sie aber registrieren, dass hinter diesen Gruppen teilweise Tausende von Unternehmen mit ähnlichen Bedarfen stehen, welche über diese Verbundsysteme transportiert werden und auch organisiert sind, wird diese Information natürlich sehr spannend. Mit einem Kontakt lässt sich so im Grunde genommen Zugang zu 100, 500, 1000 Kunden generieren. Die Attraktivität ist für die Start-ups dann offensichtlich. Zum Glück sind in vielen Verbundgruppen die Themen Innovationsmanagement, Forschung und Entwicklung bereits angekommen, so dass Start-ups dort auf entsprechende Gesprächspartner treffen.


Dann ist die INDICOM ein weiterer Transmissionsriemen in Richtung Zukunft? Was erwarten Sie da im Ansatz?
Also zunächst einmal ist das für uns natürlich auch ein Experiment. Es ist keine ganz leichte Geschichte.

Also ist das eine Aufgabe von Kontrolle?
Ja, einerseits ist das eine Aufgabe von Kontrolle und gleichzeitig aber eben auch die Herausforderung, Begeisterung zu wecken. Und vor allem diese großartige Chance zu vermitteln, die wir mit der INDICOM haben – nämlich im großen Stile und in noch nie dagewesener Art die mittelständischen Unternehmer mit den Start-ups in Kontakt zu bringen. Sich mit neuen Technologien zu beschäftigen und – was noch wichtiger ist – sich mit der Art und Weise des Arbeitens von diesen Startups zu beschäftigen.

"Die Netzwerkorganisationen in Form der Verbundgruppen passen besonders gut zu diesem Charakter und zu dem Arbeits-Modell der Startups."

Günter Althaus
Umgekehrt gilt das natürlich auch: Sprich, den Startups zu zeigen, wie solche großen Netzwerkorganisationen funktionieren. Das ist in eine Win-Win-Situation, die dort entsteht. Und wir wollen diese Synergien auch deshalb entstehen lassen, weil die Netzwerkorganisationen in Form der Verbundgruppen besonders gut zu diesem Charakter und zu dem Arbeits-Modell der Startups passen.


Und wie locken wir diejenigen, die bei dieser neuen Form der Kooperation noch unsicher sind?
Wir haben nichts zu verlieren. Es gibt überhaupt keinen Grund, diesen Schritt nicht zu wagen. Natürlich besteht die Möglichkeit, dass nicht genug Teilnehmer – an unserem Anspruch gemessen – kommen. Aber wenn wir am Ende des Tages bei 500 Teilnehmern den Impuls spüren und die Erkenntnis gewinnen, dass dieses neue Format etwas gebracht hat, unsere Gruppen einen Schritt nach vorne gemacht und neue Ansprechpartner und Geschäftspartner gewonnen haben, ist das doch Gold wert.

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