In vielen Innenstädten zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Einzelne Geschäfte bis hin zu ganzen Straßenzügen stehen leer. Doch daraus den Schluss zu ziehen, dass Innenstädte zukünftig komplett aussterben, wäre falsch. Allerdings werden sie sich verändern (müssen). Eine E-Commerce-Steuer, wie Drogerie-Unternehmer Raoul Roßmann sie fordert, wird den stationären Handel nicht vor dem Wandel bewahren, sagt Ralf Haberich von Shopgate. Er plädiert für eine Versöhnung von On- und Offline, indem stationäre Händler die neuen digitalen Möglichkeiten nutzen und Konzepte wie Ship-from-Store umsetzen.

Dass die Besucherzahlen in den Ladengeschäften seit Jahren rückläufig sind, sich diese Entwicklung mit der Corona-Krise verschlimmert hat und dadurch zahlreiche Existenzen in Gefahr sind – das alles scheint Roßmanns Forderung nach einer E-Commerce-Steuer zu legitimieren.

Denn der Onlinehandel, der laut Bevh während der Pandemie 2020 ein Umsatzwachstum von über 11 Milliarden Euro (14,6 %) im Vergleich zum Vorjahr verzeichnete, zwingt, so Roßmann, den stationären Handel in die Knie.
Damit Kunden auch weiterhin in den Innenstädten einkaufen, braucht der Handel innovative Omnichannel-Konzepte.
© IMAGO /Michael Gstettenbauer
Damit Kunden auch weiterhin in den Innenstädten einkaufen, braucht der Handel innovative Omnichannel-Konzepte.
Auch wenn sein Aufruf – die kleinen und ehrlichen Ladengeschäfte durch eine E-Commerce-Steuer zu schützen – auf den ersten Blick lobenswert erscheint, ist es nicht der richtige Weg. Betrachtet man nämlich das Kundenverhalten genauer, zeigt sich eine viel komplexere Situation als die Frage: „Kaufe ich online oder im Laden?“

Im Wandel versöhnt

Hatte sich vor Corona kaum einer für Dienste wie Click & Collect interessiert, nahmen 2020 bereits 44 Prozent der Internetnutzer diesen Service in Anspruch und brachten dem Handel damit rund 4,6 Milliarden Euro ein. Zudem sind laut Handelsverband Deutschland knapp 60 Prozent der Kunden daran interessiert, diesen Dienst auch in Nach-Corona-Zeiten weiter zu nutzen.

Es zeigt sich also, dass es gar nicht um ein Entweder-oder geht. Vielmehr läuft es auf eine versöhnliche Verbindung der digitalen und physischen Welt in Form des Omnichannel-Commerce hinaus.

Die Möglichkeiten des Omnichannels

Funktionen wie Click & Collect und Click & Reserve eröffnen dem stationären Handel neue Möglichkeiten. Im Fall von Click & Collect bezahlt der Kunde vorab im Internet, bei Click & Reserve an der Ladenkasse. Diese Services machen sich den ROPO-Effekt („Research Online, Purchase Offline“) zunutze. Vor allem bei Produkten, die Kunden erfühlen möchten, ist er häufig zu beobachten.
Daneben gibt es einen weiteren Grund, der die Menschen in die Innenstädte treibt: Wenn sie sich online und in Echtzeit darüber Gewissheit verschaffen können, dass ein Produkt in der gewünschten Filiale verfügbar ist, sind sie viel eher dazu bereit, den Weg ins Geschäft auf sich zu nehmen – wo sie durch zusätzliche Spontankäufe den Umsatz ankurbeln.

Stationäre Händler müssen neue Wege gehen

Derartige Konzepte markieren aber bei Weitem nicht den Endpunkt der Innovation im Einzelhandel. Wer heute und in Zukunft konkurrenzfähig sein möchte, muss den nächsten logischen Schritt gehen und Ship-from-Store als kundenfreundliche Dienstleistung anbieten. Bei diesem Konzept geht es darum, Waren aus der nächstgelegenen Filiale an den Kunden zu versenden.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Anstatt große – und damit kostspielige – Zentrallager für das Fulfillment zu betreiben, versenden Händler ihre Waren aus einem lokalen Geschäft, in dem das Produkt ohnehin vorrätig ist.

Der Versand aus der Filiale verkürzt nicht nur die Transportwege signifikant. Er reduziert auch den Bedarf an Lagerflächen und senkt damit die Lager- und Logistikkosten gleichermaßen. Zudem verbessern Händler ihren CO2-Fußabdruck – quasi nebenbei.

Beim Modell Ship-from-Store wird der Laden zum Logistikzentrum.
© Zara
Omnichannel-Commerce

Ship-from-Store: So werden Ladenhüter zu Verkaufsschlagern

Daneben profitiert auch der Betreiber der lokalen Filiale. Dank Ship-from-Store kann er einer durch temporäre Ladenschließungen entstandenen finanziellen Schieflage entgegenwirken, indem er die Umschlagshäufigkeit bei Waren, Bestand und Lager erhöht – und damit den Umsatz steigert.

Zugleich baut er sich als Onlinehändler ein zweites Standbein auf, vergrößert die Reichweite seiner Filiale und stellt sein Geschäft zukunftssicher auf.

Mut wird belohnt

Moderne Omnichannel-Lösungen zeigen: Die Grenze zwischen Offline- und Onlinehandel ist – wenn überhaupt – eine rein theoretische, die sich immer weiter auflöst. Wer den Anschluss an den innovativen Wettbewerb nicht verlieren möchte, muss dafür sorgen, dass die eigenen Waren und Angebote nicht nur online recherchierbar, sondern zugleich auch lokal verfügbar sind.

Dafür gilt es, neue Strategien zu entwickeln, bestehende Prozesse zu hinterfragen und in entsprechende Tools zu investieren. Idealerweise wählen Händler eine Software-Suite, die verschiedene Konzepte wie Ship-from-Store, Click & Collect sowie Click & Reserve unterstützt. Auch wenn der Aufwand auf den ersten Blick groß erscheint: Wer den Mut aufbringt neue Wege zu gehen, der wird am Ende belohnt.

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