Steuerhinterziehung, Markenfälschungen, Daumenschrauben, dreckige Werbetricks, willkürliche Preise. Das klingt nach einer windigen Bude. Tatsächlich aber geht es um Amazon, den größten Onlinehändler der Welt. Der hat sich ein paar Ohrfeigen verdient.

Imperiale Überdehnung,  ist ein Begriff aus der Staatstheorie, der einem gegenwärtig zu Amazon einfällt. Riesenreiche, wie einst das Römische Imperium, neigen dazu, ihre Kräfte auf vielen Feldern gleichzeitig einzusetzen, überfordern sich damit und implodieren schließlich. Begleitet wird der Zusammenbruch zuweilen zuvor von der Arroganz der Macht.

Bei Amazon summieren sich derzeit viele Details, die sich bislang gerne als Einzelfälle wegerklären ließen, zum Gesamtbild eines digitalen Behemoth, der dringend ein paar Ohrfeigen benötigt, um aufzuwachen. Und Ohrfeigen setzt es gerade reichlich.

Billige Tour

Jüngstes Beispiel: Das Finanzamt greift jetzt offenbar bei den China-Händlern auf Amazon durch. Viele große chinesische Händler auf Amazon.de seien suspendiert worden, heißt es bei Wortfilter. Eine Nachricht von Amazon an die Händler deute an, dass das deutsche Finanzamt Drittland-Händler im Visier hat, die die Anforderungen der deutschen Umsatz-Steuer nicht erfüllen. Die Händler wurden von Amazon vorerst suspendiert, ihr FBA-Lagerbestand und ihr Amazon Payments-Guthaben wurden beschlagnahmt. Amazon reagiert damit notgedrungen auf einen Zustand, den deutsche  Händler schon lange beklagen (Wettbewerbsvorteil Steuerhinterziehung). Amazon Reaktion bisher: Stinkefinger.

"Man kennt diese Masche doch aus anderen Milieus, da heißt es auch gern, der Chef ist gerade nicht da. Das scheint Teil der Geschäftsstrategie zu sein. Mit solchen Leuten wollen wir nichts zu tun haben."

Oliver Reichert, Birkenstock in SpOn
13 Händler der 100 „größten“ Händler auf dem Marktplatz kommen inzwischen aus China. Sie bilden nach Deutschland (68 Händler) die größte Gruppe. Laut Marketpulse kommt sogar jeder vierte aktive Händler aus China. Das Problem: Händler aus China stehen in dem Ruf, die Umsatzsteuer nicht an den Fiskus abzuführen. Das aber müssen sie, wenn die Ware in einem deutschen Logistikzentrum eingelagert wurde. Auch deswegen drängen die deutschen Länderfinanzminister auf ein Gesetz, das Plattform-Betreiber wie Amazon und eBay für den Umsatzsteuer-Betrug der Händler auf dem Marktplatz haften lässt.

Von denen hauseigenen - allerdings legalen - Steuerspar-Lösungen von Amazon gar nicht zu reden.

Linke Tour

Hat Amazon etwas daraus gelernt, dass Birkenstock sich lautstark und in David-vs-Goliath-Manier von der Plattform verabschiedet hat. Ja, wie man mit Adwords den Stinkefinger zeigt. Amazon schaltete sogenannte  Tippfehler-Werbung bei Google . Also Werbung, die mit Vertippern wie "Brikenstock", "Birkenstok" oder "Bierkenstock" einen Bezug zur Marke Birkenstock hat, aber auf  Amazon-Angebote verlinkt, die womöglich sogar gefälschte Birkenstock-Schuhe im Angebot hatten. Das Landgericht Düsseldorf sagte nun: So nicht!

Faule Tour

Amazon, das kundenzentriertes Unternehmen der Welt? Besser als andere, klar. Aber Amazon ist vor allem prozessorientiert. Das hat Folgen. Negative. Für Partner und Kunden. Kunden, die glauben, sie kaufen ein Originalprodukt, weil sie es über den Hersteller im Amazon-Shop bestellen, können nämlich auch an eine Billigkopie kommen. Das geht ganz  einfach: Es liegt an der Art, wie Amazon seine Warenbestände verwaltet. Simpel gesagt: Wenn der Strichcode übereinstimmt, dann liegen Original und Fälschung – betroffen sind vielfach Elektronik und Mode - nebeneinander im Regal. Wonach beim Picking gegriffen wird – zuweilen Zufall. Beschwerden von Herstellern und Händlern beantwortet Amazon nicht immer (Stichwort Gated Brand), aber viel zu oft, mit – Sie ahnen es – Stinkefinger. (Legendär ist der Akku-Testkauf von Heise im Jahr 2015. Von zwölf angeblichen Samsung-Akkus waren zwölf Fälschungen.)

Wilde Tour

Schnelligkeit ist wichtiger als Umweltschutz. Das war die Botschaft an jene Kunden, der schon einmal den Wildwuchs der Paketgrössen erlebt haben. Kleiderschrankgroße Kartons für ein paar Zahnbürsten – der packpapierbraune Stinkefinger an die Umwelt. 

Amazon ging es aber vor allem um das Paket-Tetris. Wie kann man eine Lieferung intelligent zusammenstellen, damit im Wagen möglichst wenig verrutscht. Weil Kunden aber zusehends genervt sind, das Umweltbewusstsein (trotz Trump) auch im Heimatland wächst, schraubt Amazon nun offenbar am Algorithmus. Der soll laut „Wall Street Journal“ künftig passendere Kisten ausknobeln.

Fake Tour

Der Kampf gegen Fakeshops, Fake Accounts und Fake-Bewertungen, Fake-Produkte gerät für Amazon derweil zum Kampf gegen eine Hydra. Den Kampf aber hat Amazon ehrgeizig aufgenommen und reagiert auf Beschwerden vergleichsweise prompt. Der Riese könnte aber sicher mehr leisten, scheint aber darauf zu warten, dass es erst ein paar behördliche Ohrfeigen setzt. So lange kann man global noch die Ernte einfahren.

Grand Tour

Harte Daumenschrauben kennen die Hersteller von Tütensuppen, Seife und Pizza aus dem stationären Handel seit Jahrzehnten und stöhnen immer wieder über kuriose Geburtstagsrabatte und kreative Einkaufskonditionen. Weltmarktführer der Ideen ist auch hier aber womöglich Amazon. Amazon-Foren sind voll mit dicken Tränen über knallharte Zuliefer-Bedingungen, findige Rabatte, Sondergebühren und engere Daumenschrauben, wenn die Umsätze des Anbieters eine Größenordnung erreicht haben, bei der er nicht mehr verzichten mag. Manche Händler berichten sogar von willkürlichen Abzügen.  Erfahrungen, die ähnlich nun auch die anfangs noch freudigen Partner von Amazon Fresh und Prime Now machen sollen.

Auch von Abrechnungen bei denen geschummelt und gelogen wird, ist anonym die Rede. FBA-Nutzer sollen da weniger Nöte haben. Heißt es. Man traut derlei Taktiken Amazon durchaus zu. 

Die einen nennen das Kapitalismus, andere sprechen vom Stinkefinger gegen Partner.

Überraschen sollte das indes niemand. Man hätte nur einmal die Verlage fragen müssen, welche Rabatte ausgehandelt - und hinter einem Maulkorb murrend - akzeptiert werden und wie viel Geld am Ende auch an die Verlage tatsächlich ausgezahlt wird.

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