Still Day One – die große Fly-Wheel-Aussage des 21. Jahrhunderts – doch hat Amazon schlicht jegliche Bodenhaftung verloren und bleibt deshalb auf der Stelle und an Tag Null? Oder trifft hier die verzerrte Wahrnehmung von Kunden und Händlern und Herstellern und Marken und Beratern und Investoren aufeinander? Ist Amazon am Peak oder reden schlicht alle ständig aneinander vorbei?

Sehen wir uns mal die drei großen Ansätze von Amazon an:

Maximale Produktauswahl:

Das Rückgrat von Amazon scheint am Scheideweg und kurz vor der Überlastung. Oder mit den Worten von Holger Schneider: „Viel zu oft finde ich nicht mehr sofort genau das, wonach ich suche. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – einer unendlichen Auswahl.“

Amazon Flywheel
© amazon
Amazon Flywheel
Shield, das AMALYZE Tool für Amazon, erkennt aktuell allein in Europa mehr als 2,1 Mrd. ASINs. Noch einmal Retail-ExpertebSchneider: „Selbst die Amazon-eigenen Blitzangebote versprühen immer mehr den Billigheimer-Charme von wish.com.“

Viel hilft viel ist genau nicht der Weg – Amazon verlässt hier den eigenen Weg der Relevanz von Produkten gegen die Masse…

Zum Glück sind aktuelle Tests, mit an den Suchenden angepassten und lernenden Live-Auto-Suggests, die die Hinführung zu Produkten deutlich verbessern, ausgerollt.

Schnelle Lieferung:

Am 30. Oktober bestellte ich meine Adventskalender. Lieferzeitpunkt damals schon auf den 25.11, am gleichen Tag wurde dann die Lieferung verschoben auf den 6.12…

Wer kauft wirklich noch Prime wegen der schnellen Lieferung und des stimmigen Lieferzeitpunkts? Amazon und die Deutsche Bahn haben wohl eine ähnliche Beratung gehabt – mit dem Ergebnis das Verspätungen überall vom Kunden als gegeben angenommen werden und so der große Aufschrei untergeht! Neben dem absoluten Pappmülldesaster und dem „Prime ist nie in 3 Tagen da“-Credo kommt aber nun endlich der einmalige Liefertag pro Woche.

Es nennt sich dann "Amazon Day". Man sucht sich einen bevorzugten Anlieferungstag aus. Die Artikel werden dann gesammelt, dadurch entfällt das mehrfache Anfahren an eine Adresse.  Auch Zalando geht wohl diesen Weg, durchschnittlich würden Zalando-Kunden Artikel von 13 verschiedenen Marken bestellen. Diese "Multi-Brand-Orders" werden bislang in einzelnen Paketen verschickt. Die einzige Frage ist dann, wer spart nun was? Endkunden den Müll, Amazon Verpackung und Sprit und Zeit – doch an wen gehen diese Einsparungen?

Minimale Preise:

Mal wieder dreht sich das Lieferkosten-Flywheel also, aber wo werden die Kosteneinsparungen weitergegeben? Hier muss man tatsächlich Amazon als Follower herausstellen. Externes Preismatching der „Straßenpreise“ sind eher das Thema – Okay -  dabei vergisst Amazon oft Versandkosten einzukalkulieren. Habt also eure Händler und Preise im Griff! Sonst landet man im nächsten Kaufhaus in den Rabatt-Ruinen!

etailment.de
Morning Briefing
Ihren News-Espresso für den Tag kostenlos bestellen
 
Witzigerweise sollte man mittlerweile mal hier nachsehen, wer so an Amazon direkt liefert und dennoch groß aufschreit das Amazon so gemein ist …

Gepaart mit dem neuen AmazonBasics 2.0 – genannt „AmazonBasics Licensing“ - greift die große Scheinheiligkeit der Marken und Hersteller schnell um sich.

Das passiert wohl, wenn keine gesamtheitlichen Strukturen für E-Commerce in Unternehmen Entscheidungen treffen. Hier liefern die BIG BRANDS direkt an Amazon , während teilweise die Amazon-Unit im Unternehmen selbst nicht mal Bescheid weiß, was der Vertrieb da angestellt hat …

Dieses ständige „Aber Amazon…“ ist also teilweise soweit an den Haaren herbeigezogen wie nur denkbar.

Puma vollzieht die Ehe und Nike lässt sich scheiden!

Die zwei aktuellen Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Wege sein können. CARE OF by PUMA – die eigenständige Neben-Brand für den Marktplatz Amazon ist mittlerweile fast ein Quartal am Markt. Eine Produkt-Linie direkt für Amazon, perfekt beworben und absolut geeignet zur Führung des Sortiments, ohne externe Eingriffe durch andere. RESPEKT! Diese Zuwendung für Amazon wird hoffentlich nicht plötzlich zum SCARE OF…

Zur selben Zeit hat die Siegesgöttin zugeschlagen und wohl den kürzesten Birkenstock gezogen. Nach 2 Jahren kündigt Nike das Experiment Amazon auf. Das perfide daran - das Amazon-Credo, den Kunden im Mittelpunkt zu sehen, wird genutzt um von Amazon wegzukommen… oder macht der einstige eBay-Chef nur Spaß?

“As part of Nike’s focus on elevating consumer experiences through more direct, personal relationships, we have made the decision to complete our current pilot with Amazon Retail.”

Die Ermangelung an Weitsicht im Birkendickicht zeigt sich schnell:

“Leaving Amazon won’t necessarily solve Nike’s problems, which represent a big brand struggling to adapt to selling products in the digital age, said James Thomson, a former Amazon employee.”

“Just because Nike walks away from Amazon doesn’t mean its products walk away from Amazon and doesn’t mean its brand problems disappear,” Thomson said. “Even if every single Nike product isn’t on Amazon, there will be enough of a selection that someone looking for Nike on Amazon will find something to buy.”

Natürlich fehlt auch nicht der große Rundumschlag gegen Amazon und die Fälschungen etc…

Executives hoped the move would give them more control over Nike goods sold on the e-commerce site, more data on their customers and added power to remove fake Nike listings.”

But Nike reportedly struggled to control the Amazon marketplace. Third-party sellers whose listings were removed simply popped up under a different name. Plus, the official Nike products had fewer reviews, and therefore received worse positioning on the site.”

Doch ähnlich wie bei fast jeder großen Marke hat man sich scheinbar nie vorher mal mit Amazon beschäftigt und ist mit Erwartungen in eine Beziehung gegangen, die nie funktionieren konnte. Aber nicht wegen Amazon – das muss man klar rausstellen! Wer Amazon machen will, muss sich entweder anpassen oder extrem machtvoll sein, wie zum Beispiel Apple.

(Wer hier tiefer einstiegen will, sucht sich dazu folgende Dokumente: Responses to Questions for the Record following the July 16, 2019, Hearing of the Subcommittee on Antitrust, Commercial, and Administrative Law, Committee on the Judiciary, Entitled “Online Platforms and Market Power, Part 2: Innovation and Entrepreneurship” vom October 11, 2019 - Fragen 93 und 94)

Wo sind die ganzen Endkunden, die tagtäglich Fälschungen in ihren Paketen haben? Wo ist der große massenhafte Aufschrei all der unzufriedenen Kunden? Da muss ich schon des Öfteren an die alten grenznahen Märkte von früher denken – ADADIS – The Brand with the four stripes… Angebot und Nachfrage regeln sich wechselseitig – nur weil etwas ein scheinbares Problem ist, bedarf es nicht immer einer Lösung dafür!

"Wer Amazon machen will, muss sich entweder anpassen oder extrem machtvoll sein."

Ein für alle Mal muss jedem klar sein, dass es nicht Amazon sein kann, dem man die Schuld gibt. Lösungen gepaart mit falscher Hoffnung und viel Irrglauben beherrschen auch nach über 20 Jahren noch die Amazon-Wahrnehmung. Selbst nach über 150 Fragen auf über 50 Seiten stellt sich die Frage: wer hat es gelesen?

Das einzige Manko an Amazon ist der Einzelfall

Alles bei Amazon ist ein Edge-Case – ein Einzelfall – noch nie vorgekommen. Ja klar – bei ständig wechselnden Ansprechpartnern und der Ermangelung an Realitätswahrnehmung der eigentlichen Kunden – also Händler und Hersteller – ist es klar, dass alles reduziert wird. Doch woher kommt dieser eklatante Fehler?

Na klar, kaum ein „Amazonie“ hat je ein Seller- oder Vendor-Account operativ angefasst oder mal aus Marken/Händlersicht angesehen… Oder warum enden faktengetriebene Mails mit Tatsachen und klaren Sachverhalten immer in unbeantworteten Mails oder – „Die Fachabteilung kann es nicht nachvollziehen“ …


Beklemmende Zukunftsvision: In Logistikpatenten von Amazon verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine immer mehr.
© Fotolia.com - psychoshadow
Innovationen

Von Menschenkäfigen und Abhörpatenten: die 5 gruseligsten Amazon-Ideen

Die zuständigen Ansprechpartner wissen scheinbar schlicht nicht, wohin mit den aufgezeigten Problemen. So verwundert es selten das Symptome behoben werden, anstatt die Ursachen. Natürlich haben Betroffene dann wenige Tage oder leider oft Monate später die Lösungen und Fehler gefunden – OHNE Amazon. Leider ist dann einen Tag später dasselbe Problem beim nächsten Händler oder Hersteller an der Tagesordnung – doch wohin reporten all die Manager und Supportmitarbeiter ihr ständigen „Einzelfälle“?

Das was Amazon wirklich vorgeworfen werden kann, ist seine Zwei-Pizzas-pro-Team-Lebensweise. Die Amazon-Auftragsstrategie basiert auf eigenständigen Entscheidungen im engen Korridor des Kundenfokus, ohne die gesamtheitliche Zielsetzung im Blick zu behalten.


© imago images / Alexander Pohl
Risiko Produktauswahl

Amazon und die Grenzen des Long-Tail


Jede Pizza-Packung rechtfertigt sich mit „für den Kunden“ und vergisst damit das aktuell ggf. andere Wege beschritten und Entscheidungen getroffen werden. So wechselt der Belag und der Teig und die Ofentemperatur ständig. Es fehlt den Teams möglicherweise die Möglichkeit zu wissen wo man Anknüpfungspunkte über die eigenen Pizzakartons hinaus findet kann.

Retail: Die Laden-Konzepte von Amazon


NIEMAND braucht bei den Themen Anlieferung, DSP, Duplikate und Accountsperrungen die Aussage – „wir leiten es an die Fachabteilung“ oder eben die Begründung „Für den Kunden ist das zweckmäßig“ – denn der Kunde sind die Händler und Hersteller und Marken und nicht der Amazon-Otto-Normal-Verbraucher. Schnittstellenmanager müssen her und eine übergeordnete Führung, die in den jeweiligen Bereichen handlungsbevollmächtig ist. Die Flucht der Vendoren zum Seller-System kommt ja nicht wegen Fälschungen oder Lieferproblemen oder ständigen Strafzahlungen – sondern weil sich NICHTS, aber auch GARNICHTS ändert und nur die Ansprechpartner wechseln… Löst das Amazon nicht, wird es keine relevante Zukunft haben. Ersatzmärkte kommen auf und die neue Generation Kunde kommt … TikTok TikTok – die Zeit läuft!

Es bleibt also wie immer – die Wahrheit ist irgendwo da draußen

Aber keiner liest, hört zu, testet selber oder möchte gar eine Entscheidung treffen und selber dafür grade stehen – „Aber Amazon…“ bleibt dann doch Start oder Ende einer jeden guten Gesprächsrunde der Verantwortlichen und der zu treffenden Entscheidungen.

Während Kinderschokolade oder Samsung und all die anderen großen Marken Amazon als das hinnehmen was es ist – ein Marktplatz, wo ich oder andere Händler meine Produkte verkaufen und Werbemöglichkeiten unendlich vielfältig sind, haben alle anderen Panik und nur Unverständnis für diese absurden angeblichen Abhängigkeiten…
Machen wir doch einfach mal die ganzen Supermärkte und Baumärkte zu, dann wissen endlich alle, was Abhängigkeit wirklich bedeutet!

Dieses ewige „aber Amazon…“ sollte 2020 – also nach einem Fünftel des 21. Jahrhunderts - doch langsam aufhören.

2020 will ich wieder hören:

Der und die haben auf Amazon das und das gemacht!

Die Marke hat Amazon genutzt um…

Der Händler hat dank der Möglichkeiten auf Amazon…

Hört auf, nur Nachrichten zu konsumieren, die sagen was Amazon macht – denn Amazon hat Macht!

Ich will 2020 sehen was IHR macht und wie Ihr eure Macht nutzt, um Amazon zu nutzen!

AUCH INTERESSANT:


Marktplätze erleichtern auch den Zugang zu mobilen Kunden.
© Dean Drobot - shutterstock.com
Whitepaper

Google Shopping und Co: Welche Umsatzhebel Marktplätze jetzt bieten


Shopify bietet auch Lösungen für den POS.
© shopify
Plattform

Shopify - Die mächtige Amazon-Alternative


Hat Amazon die Kunden noch im Visier – Experte Christian Otto Kelm hat seine Zweifel.
© Evan Lorne – Shutterstock.com
Expertenrat – Christian Otto Kelm

Amazon ist nicht böse – sie haben nur komplett ihr Freund-Feind-Radar verloren