Viele Händler bei Amazon leben in einer Traumwelt. Sie dünken sich selbstständig. Sind es aber ganz und gar nicht. Gewohnt kantig geht Christian Otto Kelm in "Kelms Kanzel" zur Sache.

Das Ende von ZMArt Thinking 2018 war recht deutlich. Amazon hat übergeordnete Ziele, welche für viele aktuell nicht greifbar sind. Verschwinden die wirtschaftlichen und rein opportunistischen Interessen, wird Amazon aufgezeigt haben, wie Handel und Wertschöpfung in der Zukunft aussehen können.

Bis dahin werden aber erstmal einige Verfahren abgehalten. Das "Manager Magazin" schreibt: So läuft seit September parallel zum deutschen Missbrauchsverfahren eine Untersuchung der Europäischen Kommission, bei der es vor allem um die Erhebung und Nutzung sogenannter Transaktionsdaten durch den Konzern aus Seattle geht. Daten beispielsweise darüber, welche Artikel externer Händler sich besonders gut verkaufen, die Amazon dann dafür nutzen kann, sein eigenes Angebot zu erweitern und damit die Geschäfte anderer Händler schwächt.“

Ganz ehrlich, was soll der Mist?

Das können Tools auch – dazu benötigt man kein „Insider-Wissen“.

Was passiert, wenn Amazon am Ende sagt, sie haben Sellics oder AMALYZE oder JungleScout dafür benutzt?

Aber gehen wir mal detaillierter vor: Voraussetzung für die kartellrechtlichen Ermittlungen sind dabei unter anderem eine marktbeherrschende Position des Internet-Konzerns und die Tatsache, dass die Händler von Amazon abhängig sind. "Für beides liegen Anhaltspunkte vor", hieß es beim Bundeskartellamt. 

Da frage ich mich doch, wer den Knall gehört, aber den Schuss verpasst hat?

Nicht ohne Grund startete der OMR-Live-Podcast mit Sven Schmidt mit den Worten: „Die meisten Leute hier im Publikum sind freie Mitarbeiter von Amazon – ohne Mindestlohn und ohne Rechte“.

Ich halte es da noch direkter – jeder Amazonhändler ohne Diversifikation ist schlicht scheinselbstständig! Dabei geht es nicht darum andere Märkte zu bespielen, sondern dort überlebensfähige Umsätze zu generieren!

Arbeitnehmer ist, wer „im Dienste eines anderen zur Leistung weisungsgebundener, fremdbestimmter Arbeit in persönlicher Abhängigkeit verpflichtet ist“ heißt es so schön. Geprüft werden unter anderem die folgenden Punkte:

  • Einkaufs- und Verkaufspreise, Warenbezug
    • Den Preis bestimmt der Amazon-Markt und nicht ihr. Die meisten spielen eh willkürlich am Preis!
    • Alibaba ist damit nicht gemeint!
  • Einkaufs- und Verkaufskonditionen
    • Na mal ehrlich? Wer nutzt Agenten dafür? Oder hofft einfach, dass der andere nicht verhandeln will?
  • Vorhandensein einer eigenen Betriebsstätte
    • Keller als Lager und kleines Arbeitszimmer sind keine Betriebsstätten!
  • Freie Gestaltung von Tätigkeit und Arbeitszeit
    • Merkt ihr selber, oder? Bali ist da keine Ausrede der Selbstbestimmung, der Zwang von Amazon wird auch da ausgeführt, egal wie viele virtuelle Assistenten ihr dazwischenschiebt.
  • Einsatz von Kapital und eigene Arbeitsgeräte
    • Anbieter zur Waren-Vorfinanzierung sind kein Eigenkapital und eigene Arbeitsgeräte beziehen sich nicht auf einen Laptop am Strand.
  • Eigene Kundenakquisition
    • Nein, Amazon-Werbung ist damit nicht gemeint und Kunden bekommt ihr nur durch Amazon. Externen Traffic in Sozialen Medien erzeugen könnte sogar dafür nicht reichen!
  • Werbemaßnahmen und Auftreten als Selbstständiger in der Geschäftswelt
    • Nein, ein Post in Sozialen Medien reicht nicht und die ständige Teilnahme an Diskussionen in diversen Foren auch nicht! Amazon-Werbung ist damit übrigens auch nicht gemeint!

Und jetzt wird es lustig, entscheidend für das Vorliegen einer abhängigen Beschäftigung ist, ob sich eine persönliche Abhängigkeit von einem Arbeitgeber feststellen lässt. Merkmale der persönlichen Abhängigkeit sind insbesondere die Eingliederung in die Arbeitsorganisation sowie die Bindung an dessen Weisungen.

Das sollte man mal wirken lassen: Die Eingliederung in die Arbeitsorganisation sowie die Bindung an dessen Weisungen!

Tätigkeit auf Dauer und im Wesentlichen nur für einen Auftraggeber klingt für mich exakt wie das tägliche Leben eines jeden Amazon-Händlers. Da kommen doch schnell die alten Verfahren zu Tiefkühllieferwagen-Fahrern auf!

Ich persönlich fasse das System gerne unter dem Motto „Raus aus dem Hamsterrad - Rein in den Hamsterball“ zusammen.

Am Ende scheint es selbst ständig erfolgreichen Unternehmen schwerzufallen, Unabhängigkeit nachzuweisen.
Das aber geht in Diskussionen zum Thema komplett unter.

Will man die Abhängigkeit nicht wahrhaben oder ist man so ignorant? Meist reicht diese Ignoranz nur bis zur ersten Account-Sperre und dann fragt man sich doch, wie selbstständig das Ganze ist?

Jeder sollte bedenken, dass Amazon FBA eben genau kein Geschäftsmodell ist, sondern eine erweiterte Ressource von Amazon, um Waren zu lagern und logistisch zu verbringen!

FBA – Festangestellt bei Amazon!

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