Die ersten Händler experimentieren mit Kryptowährungen. Noch ist es eher ein Marketing-Gag, die praktischen Hürden sind hoch, Payment-Provider testen noch. Mehr Chancen hat der digitale Euro, der gerade vorbereitet wird.

Marc Guillard ist "überzeugter Bitcoiner", wie er von sich sagt. Der Manager des familiengeführten Princess-Hotels in Plochingen akzeptiert nicht nur die Kryptowährung Bitcoin - etwa für die Zimmerbuchung oder an der Bar -, er hat das ganze Haus auf Krypto getrimmt: An den Wänden hängt Krypto-Kunst, in der Lobby steht ein Bitcoin-Automat, in der Satoshi-Bar, benannt nach dem unbekannten Bitcoin-Erfinder, gibt es "Bitcoin-Cappuccino". Und im Frühjahr fand sogar eine Krypto-Konferenz im Princess-Hotel statt.

Für Guillard ist Krypto die Zukunft: "inflationsstabil, keine relevanten Transaktionskosten und Instant Settlement, da keine zwischengeschalteten Banken". Gerne würde der Hotelier eine "komplette Bitcoin-Kreislaufwirtschaft" aufbauen, also auch seine Lieferanten in Krypto bezahlen. Zumindest mit dem Honiglieferanten hat das bereits geklappt.
Bitcoin als Frühstücksschmuck: Nicht überall ist man so begeistert von Kryptowährung wie im Princess Hotel in Plochingen.
© Hotel Princess
Bitcoin als Frühstücksschmuck: Nicht überall ist man so begeistert von Kryptowährung wie im Princess Hotel in Plochingen.

1 Prozent Krypto-Quote bei Lieferando

Ansonsten sieht es bislang aber eher mau aus mit der Krypto-Bezahlung. Zwar meldeten die Medien jüngst, dass etwa Mediamarkt-Saturn und ein Rewe-Händler aus Offenbach Krypto-Automaten aufgestellt haben. Doch bezahlen kann man hier keineswegs mit Bitcoin & Co. Es lassen sich lediglich Kryptowährungen kaufen und in einer "Wallet", einem speziellen Konto, anlegen.

Wer mit seinen angesparten Bitcoins shoppen gehen will, muss schon etwas länger suchen. Der Lieferdienst Lieferando akzeptiert Krypto, aber etwas versteckt und nur bei Bestellung über die Website, nicht über die App. Immerhin ein Prozent der Kunden nutze die Option, heißt es. 

Avocadostore, ein Onlineshop für nachhaltige Produkte, gehörte zu den Bitcoin-Pionieren, hat die Akzeptanz aber 2017 wieder aufgegeben, da Zahlungsprovider Stripe sie nicht mehr unterstützte. Der Umsatzanteil sei "sehr gering" gewesen, heißt es von Avocadostore. Wobei die überwiegend männlichen Kunden aber mit hohen Warenkörben und geringer Retourenquote bestellt hätten.

Payment-Provider arbeiten an Integration

Wer heute also Bitcoin und Co. akzeptiert, ob Starbucks oder die Pestalozzi-Apotheke in Lörrach, dürfte dies eher aus Marketing-Gründen tun. Der Automat im Offenbacher Rewe-Markt etwa sei eine "singuläre Entscheidung" des dortigen selbstständigen Kaufmanns, heißt es von Rewe. Die Supermarktkette selbst hege keinerlei Überlegungen, Krypto als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Im Lebensmitteleinzelhandel sehe man hier nicht mal "den Ansatz eines Trends".

Doch das muss nicht so bleiben. Denn hinter den Kulissen arbeiten Payment-Provider durchaus daran, Krypto in ihre Abrechnungssysteme zu integrieren. US-Anbieter Stripe etwa, Schwergewicht der Branche, hat die eigene Einschätzung kürzlich revidiert und arbeitet wieder an einer Bitcoin-Akzeptanz. Worldline, einer der größten Zahlungsdiensleister Europas, testet bereits seit zwei Jahren Bitcoin- und Ether-Zahlungen in der Schweiz, gemeinsam mit Hotels und Restaurants, Schmuckhändlern oder Elektronikshops.

"Wenn der Kunde irgendwann mit Kryptowährung bezahlen will, wird der Handel diese auch annehmen."

Ulrich Binnebößel, Abteilungsleiter Zahlungsverkehr HDE
Bei der hiesigen Worldline-Tochter Payone beobachtet man dies aufmerksam und denkt bereits dartüber nach, wie sich die Lösung für Deutschland und Österreich adaptieren lässt. Noch seien Kryptowährungen vor allem spekulative Geldanlage, heißt es von Payone, für den Zahlungsverkehr zu teuer, langsam und volatil.

Doch die dahinterliegende Blockchain-Technologie werde ihren Weg in die Payment-Welt finden, ist man überzeugt. Unterstützung kommt von der Unternehmensberatung Deloitte. Deren jüngste Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass - zumindest in den USA - innerhalb der kommenden zwei Jahre drei Viertel aller Einzelhändler Kryptozahlungen akzeptieren wollen.

"Warum soll ich meine Bitcoins ausgeben, wenn ich glaube, dass ihr Wert steigt?"

Das muss sich allerdings erst noch zeigen. "Wenn der Kunde irgendwann mit Kryptowährung bezahlen will, wird der Handel diese auch annehmen", ist sich Ulrich Binnebößel, Abteilungsleiter Zahlungsverkehr berim Handelsverband Deutschland (HDE), sicher. Und es sei durchaus vorstellbar, dass sich "irgendwann aus der Masse der Kryptowährungen eine herausschälen wird, die auf breite Akzeptanz stößt".

Doch vorerst sehen die Handelsexperten dieses Szenario nicht. Denn "es ergibt schlicht keinen Sinn", wie Birgit Janik, Leiterin Payment beim Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH), sagt. "Wenn ich glaube, dass meine Bitcoins im Wert steigen, warum soll ich sie dann für Waren ausgeben?", so die rhetorische Frage der Expertin. "Und wenn ich das nicht glaube, warum soll ich sie dann überhaupt erst erwerben?".

Volatilitätsrisiko ausschalten

Die Händler hingegen müssten - zumindest, wenn sie als seriöse Kaufleute arbeiten - ihre Krypto-Einnahmen gleich wieder in Euro tauschen, um das hohe Volatilitätsrisiko auszuschalten. "Auf dem Weg vom Kunden zum Händler fallen also nur unnütze Umtauschvorgänge an", so Janik. Wenn Paypal-Kunden in den USA beispielsweise den "Checkout with Crypto" nutzen, werden ihnen zwar Kryptos aus ihrer Wallet abgezogen, doch auf dem Weg zum Händler bereits wieder in US-Dollar getauscht.

Mehr Hoffnungen setzen die Handelsexperten in eine andere Digitalwährung, den digitalen Euro - beziehungsweise generell in Digitalwährungen, die lediglich ein "Krypto-Abbild" einer Zentralbankwährung darstellen. Ein digitaler Euro würde auf große Verbraucherakzeptanz stoßen, ist sich HDE-Finanzexperte Binnebößel sicher.

EU entscheidet 2023 über den digitalen Euro

Und für den Handel würde er die Bezahlvorgänge verschlanken - und verbilligen. Denn private Bezahlsysteme, ob Kreditkarten oder Online-Payment-Provider wie Paypal, wären dann nicht mehr nötig. Ob der digitale Euro kommt, darüber soll in der EU bis Ende 2023 entschieden werden. Schweden ist da schon weiter: Für die Einführung der "E-Krona" laufen bereits die letzten Tests.

Flächendeckend mit Bitcoin einkaufen kann man bislang übrigens nur in El Salvador. Vor gut einem Jahr hat das Land diesen als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt. Der jüngste Kurssturz der Digitalwährung führt dort aber gerade zu heftigen Turbulenzen. 

Dieser Artikel erschien zuerst in Der Handel.

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