Start-ups fordern mit neuen Produkt- und Serviceangeboten bestehende Geschäftsmodelle heraus, zeigen aber auch zukünftige Marktchancen und Wachstumspotenziale auf. Für den Lebensmitteleinzelhandel bietet insbesondere die aufstrebende Foodtech-Szene relevante Einblicke in Technologieinnovationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette - von der Produktion bis zur Entsorgung. Etailment-Experte und Accenture-Geschäftsführer Thomas Täuber beleuchtet aktuelle Entwicklungen im Bereich Foodtech und sagt, welche Relevanz sie für Lebensmitteleinzelhändler haben.

Founders Intelligence, eine Innovationstrategieberatung von Accenture, hat die Start-up-Szene im Bereich Foodtech analysiert. Demnach sind die weltweiten Investitionen in Foodtech innerhalb von nur zehn Jahren von 1 Mrd. US-Dollar im Jahr 2011 auf 47,5 Mrd. US-Dollar im Jahr 2021 gestiegen, davon umgerechnet 8,8 Mrd. US-Dollar in Europa.

Insgesamt verzeichnen alle Bereiche der Wertschöpfungskette Investitionszuwachs. Jedoch haben insbesondere die Bereiche Food Supply, "Agtech" und "Bio-Engineered Foods" in den letzten Jahren zugelegt und sollen daher nachfolgend kurz vorgestellt werden.
Frische Kräuter, die direkt vor Ort in einem Edeka-Markt wachsen. Mithilfe von Foodtech-Start-ups wie Infarm können Händler die Kundenzufriedenheit erhöhen, effizienter und nachhaltiger wirtschaften - und zu Trendgestaltern werden.
© IMAGO / Cord
Frische Kräuter, die direkt vor Ort in einem Edeka-Markt wachsen. Mithilfe von Foodtech-Start-ups wie Infarm können Händler die Kundenzufriedenheit erhöhen, effizienter und nachhaltiger wirtschaften - und zu Trendgestaltern werden.

Welchen Fokus haben Foodtech-Innovationen?

  • Food Supply: Beschleunigt durch die Corona-Pandemie entwickelten sich Online-Lebensmitteldienste rasant und es konnten sich Dark-Store-Start-ups, die ausschließlich zur Erfüllung von Online-Bestellungen existieren, etablieren.
  • AgTech: Diese Kategorie hat im Wesentlichen die Verbesserung von Effizienz und Profitabilität in Landwirtschaft, Gartenbau und Aquakultur zum Ziel. Der Anbau in kontrollierter Umgebung mit Vertical Farming oder Aquaponikkonzepten sind hier als Beispiele zu nennen.
  • Bio-Engineered Foods: Dieser Bereich umfasst neuartige, kommerzielle Produkte und Zutaten, die stark von Verbrauchertrends und Konsumvorlieben beeinflusst werden. Dazu gehören sowohl pflanzliche, fermentierte und kultivierte Proteine als auch nachhaltige und tierfreie Lebensmittelalternativen.


Welche Foodtech-Trends sind für den Handel relevant?

Better Origin ist ein interessantes Beispiel aus der Foodtech-Szene für die Etablierung eines KI-getriebenen Kreislaufsystems entlang der Wertschöpfungskette. Das Unternehmen nutzt Essensabfälle von Supermärkten als Futter für Insekten, die selbst wiederum als Tierfutter weiterverarbeitet werden.

In unmittelbarer Nachbarschaft der Kunden wandeln Start-ups wie Infarm ungenutzte Flächen auf Dächern, Hallen oder Parkplätzen in produzierende Mikrokosmen um. Das deutsche Unternehmen hat 2021 eine Bewertung von 1 Mrd. Euro erreicht und betreibt mittlerweile ein Netzwerk an hochentwickelten, daten- und technologiebasierten Lebensmittelproduktionsstätten abseits der traditionellen Landwirtschaft.
Sie produzieren ganzjährig hochwertige und nachhaltige Produkte in direkter Nachbarschaft der Verbraucher und stellen damit herkömmliche Produktionsverfahren besonders von frischen Artikeln wie Obst und Gemüse auf den Prüfstand.

Auch lokale Ökosysteme gewinnen für Händler an Relevanz, um die Herstellung und Beschaffung lokaler Produkte zu vereinfachen, Kompetenz- und Angebotslücken zu schließen oder aber um die Attraktivität des Point-of-Sales durch lokale Kooperationsangebote zu erhöhen.

Nachhaltigkeit ist das neue Digital

Der bewusste Konsum nimmt weiter zu, bestätigt auch Nielsen für 2022, und Werte wie Gesundheit, Ethik und Nachhaltigkeit stehen weiter im Fokus. Bereits 2019 haben deutsche Lebensmitteleinzelhändler den Nutri-Score, eine standardisierte Kennzeichnung des Lebensmittelnährwertprofils, eingeführt. Kurze Zeit später folgten die ersten Discounter mit einem Haltungskompass für Fleischprodukte, der die bisherigen Siegel einzelner Händler ersetzte.
Das Start-up Wyldr bietet individualisierbare Kochboxen an. Kunden können dabei unter verschiedenen Ernährungsweisen wählen oder bestimmte Lebensmittel ausschließen.
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Das Start-up Wyldr bietet individualisierbare Kochboxen an. Kunden können dabei unter verschiedenen Ernährungsweisen wählen oder bestimmte Lebensmittel ausschließen.
Mit diesen Anpassungen verleihen sie dem gestiegenen Verbraucherinteresse nach mehr Informationen und Transparenz Ausdruck. Für die Zukunft ist zu erwarten, dass weitere Konzepte in dieser Richtung entstehen.

Beispiele aus der Start-up-Szene sind Connecting Food, die Auskunft über nachhaltige Lebensmittelherstellungsprozesse oder den CO2-Fußabdruck eines Produktes vermitteln, oder Provenance, die derartige Informationen nachverfolgen und in Kommunikationskampagnen für Konsumenten integrieren.

Des Weiteren gewinnen nachhaltige und fleischlose Lebensmittelalternativen wie pflanzliche und fermentierte Produktimitationen - z.B. von Meatless Farm, Formo sowie dem revolutionären Solar Foods - an Bedeutung.

Individualisierbare und bequeme Lösungen

Bequemlichkeit durch Schnelligkeit und Personalisierung bleibt weiterhin ein Trend. Firmen wie Wyldr und Simple Feast bieten dementsprechend individualisierbare Kochboxen für hoch-qualitative Mahlzeiten an, die in wenigen Minuten zubereitet sind.

Anbieter wie Flink, der Schnelllieferdienst, der über die GoFlink-App die Lieferung von Lebensmitteln per E-Bike-Kurier innerhalb von Minuten bis an die Haustür anbietet, revolutionieren dagegen die Letzte-Meile-Lieferung und gestalten somit die Kundenansprüche an Lieferdienste neu.

Mittlerweile konnte das Unternehmen Rewe als Partner gewinnen, seine Supply-Chain-Planung optimieren und viele Prozesse automatisieren. Es steigerte die Warenverfügbarkeit und setzte auch neue Standards im Bereich Micro-Fulfillment.
Das Start-up Loewi stellt personalisierte Nährstoffmischungen zusammen. Kunden führen dafür zu Hause einen Bluttest durch und geben einige Informationen in einem Fragebogen an.
© Loewi
Das Start-up Loewi stellt personalisierte Nährstoffmischungen zusammen. Kunden führen dafür zu Hause einen Bluttest durch und geben einige Informationen in einem Fragebogen an.

Personalisierte Ernährung

Neue ausgereifte(re) Technologien wie Lebensmittel-3D-Printing ermöglichen dem Handel, komplett neue Produkte und Produktkategorien für den stetig wachsenden Trend rund um holistische Gesundheit und das eigene Wohlbefinden zu erschaffen.

Nourish3d und Loewi bieten 3D-gedruckte Nahrungsergänzungsmittel, die auf Basis individueller Kundenbedürfnisse mit Vitaminen, Proteinen oder Mikronährstoffen angereichert werden, um die menschliche Fitness, Gesundheit und Schönheit zu optimieren.

Ihr Potenzial zur Veränderung der Ernährungsgewohnheiten ist weitreichend, insbesondere, wenn Konzepte, wie bei dem französischen Start-up Feed, auf die Substituierung ganzer Mahlzeiten ausgelegt sind. Der Lebensmitteleinzelhandel wird für die Skalierung solcher Entwicklungen in den nächsten Jahren ausschlaggebend sein.

Start-up-Impulse als Chance für den Lebensmitteleinzelhandel

Dem Lebensmitteleinzelhandel bietet sich heute die Chance, gestalterischen Einfluss auf die Zukunft der Branche und der Produkte zu nehmen sowie ihren Wirkungskreis auf Zulieferer, Kunden und Ernährungstrends zu vergrößern.

Gleichzeitig steht der Handel dabei vor der Herausforderung, zu entscheiden, welche Trends er aktiv skalieren möchte, bei welchen Themen er auf den Aufbau seines Ökosystems sowie Partnerschaften setzt, und welche aufkommenden Service- bzw. Produktinnovationen er in sein Sortiment übernimmt.
Die enge Zusammenarbeit mit Foodtech-Start-ups ermöglicht es Händlern, relevante Einblicke in Entwicklungen am Markt zu erhalten, die sich am technologischen Fortschritt sowie den Kundenbedürfnissen orientieren. So kann frühzeitig auf aufkommende Trends reagiert und die eigene Marktposition gestärkt werden.

Zudem gewinnt der Aufbau von Ökosystemen entlang der Wertschöpfungskette für Händler an Bedeutung. Insbesondere bei Frischeprodukten gibt es bereits vermehrte Anstrengungen der Händler, Partnerschaften mit Lebensmittelproduzenten einzugehen. So kann die Warenverfügbarkeit auch bei steigender Nachfrage nach lokalen und nachhaltigen Produkten gewährleistet werden.

In jedem Fall empfiehlt es sich, frühzeitig die Weichen für erfolgreiche Kooperations- und Partnerschaftsmodelle zu stellen und auch ausgewählte Start-ups in den künftigen Lebensmittelhandel einzubinden.