Für Expert war 2018 ein spezielles Jahr. Die Fußball-WM sorgte nicht nur bei der Verbundgruppe für Elektronikhandel für lange Gesichter. Und dann warf auch noch der Vorstandschef den Bettel hin. Nun hat man sich neu sortiert, ist zufrieden mit einer bescheidenen Bilanz - und hat nicht nur für den Onlinehandel Ziele.

Seit der aktuellen Studie des Instituts für Handelsforschung wissen alle, wie tief die Schneise ist, die Amazon mittlerweile in den stationären Handel geschlagen hat. Und wie stark vor allem der Elektronikhandel die Macht des Onlineriesen spürt.

Nur einen Tag später, am Mittwoch, konnte man in Langenhagen bei Hannover ein praktisches Beispiel dafür bekommen. Denn Expert stellte seine Bilanz für das Geschäftsjahr 2018/19 vor (Stichtag 31. März), die die Verbundgruppe euphemistisch "Expert konsolidiert Marktposition" überschrieb.

Immerhin ein gutes Ergebnis

Übersetzt heißt das: Expert tritt auf der Stelle, zumindest beim Innenumsatz, also dem Wert, der dokumentiert, wie viele Waren die angeschlossenen Händler bei der Zentrale bestellt haben: Rund 2,14 Milliarden Euro betrug dieser Wert, das ist ein halbes Prozent weniger als im Geschäftsjahr 2017/18, als Expert auch nur noch um 1% wuchs.

Immerhin: Im zurückliegenden Geschäftsjahr konnte die Verbundgruppe mit Sitz in Langenhagen bei Hannover das Ergebnis "stabilisieren", wie es Vorstandschef Stefan Müller formulierte. Er ist Nachfolger von Jochen Ludwig, der Ende 2018 nach nur acht Monaten als Vorstandsvorsitzender zurückgetreten war. Warum ist immer noch unklar.


"Lebenswichtige Boni" für die Mitglieder

Der Konzerngewinn nach Steuern beträgt 6,4 Millionen Euro (zu 6,1 Millionen Euro im Vorjahr). Dieser Wert liest sich in Relation zum Umsatz bescheiden - aber Expert hat eben im zurückliegenden Geschäftsjahr an die 211 Mitglieder insgesamt 213 Millionen Euro Boni ausgeschüttet. Geld, das für die jeweiligen Händler "lebenswichtig" ist, betonte Expert-Finanzvorstand Gerd-Christian Hesse.
Expert-Chef Müller: Ergebnis stabilisiert
© Expert
Expert-Chef Müller: Ergebnis stabilisiert
Für das relativ gute Ergebnis hat letztlich auch kluge Kostenpolitik gesorgt. Dass damit Einsparungen gemeint sind, will Hesse so nicht verstanden wissen. Man hat einfach das Geld schlauer und zielgerichteter ausgegeben.

Onlineumsatz? Geheimsache!

Wie viel Expert-Händler letztlich im Kundengeschäft umsetzen, wie hoch also der Außenumsatz ist, teilt Expert seit Jahren nicht mehr mit. Ebenso geheim bleibt der Onlineanteil am Gesamtumsatz. Seit November 2018 gibt es endlich eine zentralen Webshop.

Ein Ziel wird hier formuliert: Der Anteil soll 8% beziehungsweise 200 Millionen Euro betragen. Doch wann dieses Ziel erreicht sein soll, ist ebenso Geheimsache. Immerhin: "Wir sind auf einem guten Weg", versichert Vorstandschef Müller.

Und Frank Harder, im Vorstand zuständig für E-Commerce und Marketing, sagt sinngemäß, dass die wichtigste Voraussetzung für Erfolg im Onlinegeschäft geschaffen ist, denn seine Händler haben offenbar dessen Notwendigkeit verstanden. "Das Grundverständnis ist da."


Der Markt verliert, Expert nicht

So etwas beflügelt genauso wie die Zahlen der ersten vier Monate des laufenden Jahres, in denen Expert laut GfK-Zahlen um 1,8% wuchs, während der gesamte Elektronikmarkt -0,7% an Umsatz einbüßte.

Bei Weißer Ware (plus 5%) und Unterhaltungselektronik (plus 4,1%) verbesserte sich die Verbundgruppe erheblich - bei Telekommunikation (plus 6,3%) gab es gar einen mächtigen Satz. Hier hat Expert offenbar erfolgreich an seinen früheren Schwächen gearbeitet. 

Expert-Werbung: Viel Mensch, viel Service


Und warum das Geschäft mit Unterhaltungselektronik bisher gut läuft, begründet Harder mit mehr Exklusivgeräten in den Läden, was wiederum mit den höheren Durchschnittsbons zu tun haben dürfte, die seine Händer ebenfalls bisher gehabt hätten.

Ohne Nationalmannschaft verkaufen sich Fernseher schlechter

Wissen muss man hier aber auch, dass Expert erhebliche Defizite aus dem zurückliegenden Geschäftsjahr wettmachen muss, als man beim Außenumsatz allein 7,7% bei Informationselektronik und 1,1% mit Unterhaltungselektronik verloren hatte. Doch bei lezterem war der Einbruch im Vergleich zum Rückgang des Gesamtmarktes (minus 7,7%) sogar noch bescheiden. Ein Zeichen dieser Branche ist der stete Preisverfall für alles, was mit TV-Geräten und mehr zu tun hat. 
Ohne Amazon läuft fast nichts mehr, vor allem im Elektronikhandel.
© IFH
Ohne Amazon läuft fast nichts mehr, vor allem im Elektronikhandel.
Auch ein nicht zu unterschätzendes Problem für alle Händler: Bei der Fußball-WM 2018 schied die deutsche Nationalmannschaft schon nach der Gruppenphase aus - und so etwas drückt auf das Geschäft mit Fernsehapparaten.

Mehr Dienstleistungen anbieten

Weil der Verkauf von Ware immer schwieriger wird, setzt Expert immer stärker auch auf Dienstleistungen, etwa rund um das Smartphone. Altgeräteaufkauf ist bereits in etwa 100 Läden möglich, 200 sollen es bis Ende September sein.

An rund 150 Expert-Standorten wird heute schon Datenmanagement für Smartphones und Tablets angeboten, Ziel bis September sind 250 Läden, die so einen Service anbieten. Zudem testet die Kooperation aktuell Sofortreparaturdienste für Smartphones.

Was gibt es noch? Attraktive Preiseinstiegs-Mobilfunktarife sollen endlich auch junge Kunden in die Läden ziehen. Auch das Thema Gaming muss man in die Kategorie junge Zielgruppe einordnen.

100 Standorte bieten derzeit Gaming-Verkaufskonzepte an, ob mit dieser modernen und virtuellen Spielewelt sich aber auch jeder Händler identifiziert, ist noch nicht abschließend geklärt.

Neues Logistikzentrum und eine Messe mit Euronics

Die Expert-Zukunft bringt noch zwei Neuerungen: Im Herbst beginnt der Bau eines neuen Logistikzentrums für Groß- und Onlinehandel. 10.200 Quadratmeter misst das Gebäude, reine Logistikfläche sind dabei 8.700 Quadratmeter.

Und eine nicht nur für die Verbundgruppenwelt bemerkenswerte Veränderung wird ab 2021 erprobt - eine gemeinsame Messe mit den Kollegen, oder besser, Konkurrenten, von Euronics. Im Frühjahr treffen sich beide Verbünde gemeinsam in Berlin, allerdings nicht zeitgleich.

Denn erst gehören zwei Tage eine Messehalle Expert, danach zieht für ebenfalls zwei Tage Euronics ein. Damit wollen beide Kooperationen die Hersteller umschmeicheln, damit diese ihr Exponate nur einmal in die Hauptstadt befördern müssen und nicht zu zwei unterschiedlichen Terminen.

Für den Elektronikhandel sind die Zeiten eben herausfordernd geworden. Neues Denken ist auf allen Ebenen gefordert.

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