Die rasante Entwicklung von Fintechs zeigt, dass Plattformökonomie nun auch in der Bankenwelt angekommen ist. Ähnlich den Warenhäusern im Einzelhandel stellt sich traditionellen Banken die Existenzfrage, meinen Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein und Mitglied im etailment Expertenrat, und Co-Autor Klaus Kannen, Geschäftsführer der FINMAS GmbH und Generalbevollmächtigter der Hypoport AG.

Spätestens seit der Finanzkrise von 2007/2008 liegt eine digitale Götterdämmerung über der Bankenwelt. Zweifelsohne wurde der Zusammenbruch des Bankensystems durch die digitale Revolution mitverursacht. Seither ist die Zahl der Bankfilialen im freien Fall und um nahezu ein Drittel auf nur noch rund 30 000 geschrumpft.

Nicht zuletzt deswegen wird in der traditionellen Bankenwelt die Digitalisierung häufig noch als Drohszenario denn als Heilsbringer gesehen, zumal Digitalbanken und Fintech-Plattformen den Traditionsbanken erneut zusetzen. Nicht ohne Grund empfinden traditionelle Finanzdienstleister digitale Themen häufig eher als lästig. Nicht selten reagieren sie darauf schon fast wie auf einen Krankheitserreger – mit einer regelrechten Digital-Allergie.
Der ungebremste Kurssturz von Deutscher Bank und Commerzbank auf der einen Seite gegenüber den unentwegt steigenden Kursen von Paypal & Co. auf der anderen sprechen Bände. Die Smartphone-Bank N26 wird aktuell mit rund 2,3 Milliarden Euro bewertet und erreicht damit rund ein Drittel des Commerzbank-Börsenwertes.
Spätestens aber die Bewertung des Zahlungsdienstleisters Wirecard mit sagenhaften 14,68 Milliarden Euro gegenüber Deutscher Bank AG mit umgerechnet „nur“ 13,78 Milliarden Euro (per 25. November 2019) zeigt, dass die Bankensphäre eine andere geworden ist und die Traditionsbanken in einem Dilemma stecken: ausschließlich die Digitalisierung bietet die Möglichkeit, die traditionelle Bankenwelt auf sinnvolle Art neu zu erfinden.

Das Ende der Banken, wie wir sie kennen?

Dabei geht es nicht um das Ende der Banken, auch wenn die aktuelle Architektur des Finanzsystems offensichtlich ziemlich überfordert ist, die anstehenden Herausforderungen zu lösen. Banken sind hochkomplexe Gebilde und zweifelsohne ist derzeit in erster Linie der Privatkundenbereich akut gefährdet, (noch) nicht so sehr der Geschäftskundenbereich, der zudem – zumindest im Kreditgeschäft – größer ist.

Dennoch dürfte es von existenzieller Bedeutung für eine Bank sein, wenn mit den Privatkunden mal eben 40 Prozent des Geschäftes wegbrechen. Bei den Zahlungsdienstleistungen ist dies bereits geschehen.
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Obwohl das Geschäft boomt und die Volumina für Karten- und Online-Zahlungen rasant steigen, haben sich hier die Großbanken und Sparkassen von Anbietern wie Ayden, Paypal & Co. komplett die Butter vom Brot nehmen lassen. Bis 2022 sollen zwar die Erträge im Zahlungsverkehr von derzeit 1,9 Billionen Dollar auf 2,9 Billionen nach oben schnellen – davon Deutschland auf mindestens rund 100 Milliarden Dollar – allerdings ohne nennenswerte Anteile der deutschen Banken und Sparkassen.

Amazon, Apple und Google starten im Payment durch

Während jetzt auch die GAFAs (Google, Apple, Facebook, Amazon) und dabei insbesondere Amazon, Apple und Google nach Vorbild von Alipay im Payment voll durchstarten, bleibt Paydirekt kaum verbreitet: Nur 45 der Top-1000-Online-Shops in Deutschland bieten überhaupt den gemeinschaftlichen Zahlungsdienst der deutschen Kreditwirtschaft an, obwohl irrsinnig hohe Marketinginvestitionen in den Markenaufbau geflossen sind und Kunden subventioniert wurden.

Der nächste Streich steht bevor, denn Amazon soll derzeit den Verkauf von Versicherungsprodukten über die eigene Plattform in London testen. Insofern kommt jetzt das Plattformthema in geballter Ladung auf die Banken und Sparkassen zu und zwar nicht nur über die bereits existierenden Marktplätze und Vergleichsseiten à la Amazon, Check24 oder Verivox, sondern höchstwahrscheinlich auch aus der Bankenwelt. Auslöser dürfte vor allem die neue Zahlungsdienstrichtlinie der EU – die PSD2 oder zweite Payment Service Directive – sein, die seit dem 14. September 2019 in Kraft getreten ist.

Die neuen Wettbewerber der Banken für unkomplizierte, schnelle Kredite: Start-ups und Plattformen
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Kredite

Finanzierung ohne Bank boomt

Sie soll den Wettbewerb und die Teilnahme an der Zahlungsbranche auch von Nichtbanken unter gleichen Wettbewerbsbedingungen erhöhen. Was aus Verbrauchersicht durchaus von Vorteil sein kann, bedeutet für die Bankenwelt eine enorme Zäsur und bricht deren bisher lukratives Monopol beim Zugriff auf Kontodaten. So müssen Finanzdienstleiter künftig auch Drittanbietern wie Finanz-Start-ups beziehungsweise Fintechs den Zugang auf Konten und Daten ihrer Kunden ermöglichen. Dieses geht auch mit der Pflicht einher, dazu PSD2-konforme Schnittstellenlösungen bereitzustellen.

Wer allerdings weiß, wo und wie viel Geld Privatkunden liegen haben und wofür sie es ausgeben, kann ihnen schnell und einfach weitere Dienste wie Kredite, Versicherungen, Baufinanzierungen oder Wertpapiere anbieten. Im Mittelpunkt steht demnach der Bankkunde, der sich bereits umfassend im Netz über Finanzprodukte informiert, auch wenn er vielfach sein Konto (noch) bei Traditionsbanken oder Sparkassen hat.

Für Banken geht es schlicht darum, sich entweder von Fintechs oder branchenfremden Plattformen, deren Gebührenmodelle in der Regel hochattraktiv für Endkunden sind, jetzt auch bei komplexen Bankprodukten die Butter vom Brot nehmen zu lassen, oder aber mit einer eigenen und wettbewerbsfähigen Plattformlösung zu kontern. Und zwar unter Zeitdruck, denn die Fintechs und vor allem externe Plattformen wie Google und Facebook nehmen die Bankkunden jetzt ins Visier: „Banken haben Angst vor Kundenabwanderung“ (F.A.Z. vom 19. November).

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Studie

Banken vs. FinTech-Unternehmen: Wer gewinnt im Payment-Markt?

Dabei sind die Voraussetzungen der deutschen Kreditinstitute eigentlich nicht schlecht: Sparkassen haben ein Superimage, die meisten Deutschen vertrauen ihnen. Und auch die Click-Zahlen auf die Websites ist gigantisch und steht denen großer Plattformen nicht viel nach: Denn gut 70 der 105 Millionen Girokonten in Deutschland sind online.

Und nach neuester Bitkom-Umfrage nutzen dafür zwei Drittel der Bundesbürger eine App. Deswegen darf auch nicht verwundern, dass die Kreditinstitute damit mindestens 5 von insgesamt rund 123 Milliarden Euro im Banking online umsetzen dürften. Bezogen auf Finanzdienstleistungen im weiteren Sinne addieren noch gigantische Versicherungsumsätze hinzu. Während bei KfZ Versicherungen sogar 1/5 des B2C-Neugeschäftes von rund 10 Milliarden Euro online verkauft werden, dürften zumindest 10 Prozent der rund150 Milliarden Euro im Endkunden-Neugeschäft, also mindestens 15 Milliarden Euro. Online gemacht werden. Die Finanzdienstleistungsbranche kommt damit B2C auf rund 20 Milliarden Euro Online-Umsatz. 

Das strategische Fenster ist weit offen. Noch.

Das strategische Fenster für Banken und Sparkassen sowie Versicherungen, jetzt auch Plattformbetreiber zu werden, ist insofern weit offen – aber nicht mehr lange. Insofern geht es vordringlich darum, nicht in unendlichen Versuchsphasen dieselben Fehler zu machen, die andere Branchen schon hinter sich haben oder derzeit noch ausbaden: Marktplatzfieber ist nicht angebracht und unter digitalen Venture-Capital-Experten gelten Plattform- und Marktplatzgründungen mit als das Schwierigste überhaupt.

Grund ist, dass die Plattformökonomie zweiseitige Märkte aufweist. Diese verbinden zwei Interaktionspartner miteinander, ähnlich wie bei Börsen oder Auktionen. Typisch sind indirekte Netzwerkeffekte zwischen den Partnern, die für eine Skalierung ursächlich sind: Je mehr Besucher eine Plattform hat, desto interessanter ist sie für Anbieter, die gegen Vergütung die Plattform als Intermediär nutzen und die Umsätze treiben.

Der höhere Umsatz ermöglicht wiederum Investitionen in die Plattform, was dann wieder immer mehr Nutzer anzieht. Die Investitionen sind allerdings beträchtlich und nach bisherigen Erfahrungen mindestens in Höhe des Zielumsatzes anzusetzen. Kernfunktion ist es, mit offener Infrastruktur einen einfachen Zugang für die Interaktionspartner anzubieten, für diese Standards festzulegen sowie dann das „Matching“ zu realisieren.
Das aber ist alternativlos.

Denn dass die Bankenwelt sich plattformisiert, steht außer Frage. Die vorliegende Begriffsvielfalt der vielen Bankenstudien zeigt jedoch, dass noch immer nicht klar ist, welche Art von Plattformisierung sich hier abspielt. Zweifelsohne gilt auch für Banken, dass im Sinne der Plattformökonomie eine echte Plattform Produzenten und Konsumenten verbindet, ohne selbst die Produktionsmittel zu besitzen. Die „Matching-Funktionen“ monetarisieren sie dabei durch Plattformgebühren, Provisionen, Werbung oder Zusatzservices.

Mit welcher Art von Plattformen es Anbieter und Nachfrager aktuell im Banking zu tun haben, gilt es zunächst zu klären: Sobald originäre Banking-Plattformen direkte Kundenbeziehungen zwischen Konsumenten und Produktanbietern vermitteln, ermöglichen sie damit, im Sinne der Plattformökonomie als Banking-as-a-Service-Plattform in Richtung Produzent Finanzprodukte und -prozesse anzubieten. Beispiele für BaaS-Plattformenbetreiber in Deutschland sind Wirecard Bank, Solaris Bank oder BIW, jeweils mit anderen Schwerpunkten.

Eher in Richtung einseitiger Plattform geht die Neo-Bank N26, die ihre Produktpartner offen als externe Anbieter in ihre mobile Banking-Plattform integriert. Bestes Beispiel für eine zweiseitige Banking-Plattform ist die Sutor Bank. Diese zeigt eindrucksvoll, wie der Aufbau eines Eco-Systems im Banking funktionieren kann.

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Mit dem „Sutor Anlage-Lotsen“ startete der 1921 gegründete Traditionsanbieter 2013 einen der ersten Robo-Advisor am deutschen Markt. Seitdem agiert die Sutor Bank außerdem als Kooperationspartner für Start-ups und digitale Unternehmen, denen sie bankspezifische Dienstleistungen auf einer eigenen Banking-Plattform gebündelt verfügbar macht. Zudem arbeitet Sutor auch mit verschiedenen Fintech-Partnern zusammen, wodurch sich Produkt-Fintechs angesiedelt haben, etwa das Zinsportal Zinspilot, das Altersvorsorge-Start-up Fairr.de oder der Robo-Advisor Growney.

Darüber hinaus gesellen sich bei Sutor auf der Plattform nun auch Start-ups hinzu, die ihren Kunden durch Algorithmen beziehungsweise vereinfachte Prozesse das Sparen oder Anlegen erleichtern und dabei auch auf die Angebote der Produkt-Produzenten zugreifen. Für alle Plattform-Produzenten gilt, dass die Kunden, die sie akquirieren, ihnen gehören.

Da die Kunden jedoch ausnahmsweise bei der Sutor Bank legitimiert sind und dort ihre Depots oder Konten haben, können sie sehr einfach die Produkte der jeweils anderen Plattform-Produzenten in Anspruch nehmen. So sind bereits erste gemeinsame Aktionen der Plattform-Produzenten mit dem Ziel gelaufen, Cross-Selling mit den Kunden zu betreiben. Wichtig im Vergleich zu Sutor ist: Die Integration von Fintechs als Schnittstellenanbieter (wie Figo) oder als Zinsportal (wie Zinspilot oder Deposit Solution) machen Banken noch lange nicht zur Plattform.

Vier Plattformenoptionen

Die Gegenüberstellung von Soll und Ist oder Realität und Zukunft spricht zwei unterschiedliche Plattformenmodelle an. Zum einen das klassische Angebotsmodell mit Produkten und Services im Frontend-Angebot, zum anderen um das eben skizzierte Servicemodell. Beide Ansätze lassen sich allerdings noch um zwei weitere Zukunftsmodelle ergänzen: einerseits den Ökosystem-Aspekt und andererseits den Customer-Value-Aspekt (Kundenzentrierung). Damit kommen für Banken und Sparkassen in Zukunft grundsätzlich vier Plattformenoptionen in Frage, je nachdem, wie der Leistungsumfang (nur Leistungsangebot versus vollintegrierte Dienste) und der Leistungsfokus (Inside-out versus Outside-in) ausgerichtet ist.

BaaP-Plattform: Als „Banking-as-a-Product“ werden hier ausschließlich Bankprodukte im Frontend angeboten. Je nachdem, ob es sich um eine geschlossene oder offene Plattform handelt, ist das Angebot entweder strukturiert (für Banking) oder unstrukturiert (quasi alles wie bei Check24).

BaaS-Plattform: Als „Banking-as-a-Service“ wird hier die BaaP um die Servicenutzung sowie Steuerung, Vermarktung, Business Intelligence und Abrechnung ergänzt. Dieses Modell entspricht der Zukunftsplattform (Beispiel: N26).

BaaE-Plattform: Als „Banking-as-an-Ecosystem“ werden weitestgehend auch die Fulfillment-Dienste selbst erbracht wie Technik/IT, Administration, Datenintegration, Cloud-Speicher, um sich unabhängig zu machen (Apple und Alibaba, aber bisher keine Bank).

BaaA-Plattform: Als „Banking-as-an-All-in-One“, bei dem dem Kunden aus seiner Sicht ein optimales Rundum-Paket für alle Bankingprodukte angeboten wird (optimaler Customer Value). Dieses beinhaltet ein Umdenken vom Produkt- zum Lösungsbezug und erinnert an Volksbank-Geno-Welt oder WeChat.

Fazit

Geschäftsmodelle im Banking verändern sich durch die Plattformökonomie so gründlich wie durch keinen bisherigen Wandel. Die Kaufentscheidung des Kunden fällt zunehmend früher in der Customer Journey und immer ausschließlicher im Internet. Kunden erfordern dabei ein lösungsorientiertes, transparentes und anbieterunabhängiges Leistungsangebot von ihrer Bank.

Das strategische Fenster steht offen und Banken sowie Sparkassen haben alle Chancen, als Plattformbetreiber erfolgreich mitzumischen. Vor allem Sparkassen verfügen über einen hohen Vertrauensvorschuss, den sie kombiniert mit plattformökonomischen Geschäftsmodellen im Banking ausspielen können. Dieses erfordert allerdings enorme Investitionen sowie digitalen Sachverstand. Aber es gibt bereits schlagkräftige B2B2C-Whitelabel-Lösungen für Plattformmodelle im Banking, die einen kooperativen Ansatz möglich machen, so dass zeitfressende Experimente überflüssig sind.

Der Beitrag erschien in ähnlicher Form zunächst in der "FAZ". Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

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