Wir hinken hinterher. Immer mehr. An mehr und mehr Stellen. Dabei ließe sich durchaus gegensteuern. Gastautor und Handelsexperte Gerrit Heinemann, Leiter eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein, sagt, wo und wie sich dafür etwas ändern müsste.

Was die Konkurrenzfähigkeit des E-Commerce in Deutschland angeht, ist eigentlich allen klar: „Wir hinken hinterher.“ Auf digitalem Gebiet sind die USA uns wohl mindestens 10 Jahre und China uns wahrscheinlich 20 Jahre voraus.

Es ist klar, dass wir deutlich kleiner sind als beide Nationen, gegenüber China wie ein digitaler Zwerg aussehen und bei weitem nicht die Ressourcen stemmen können wie diese gigantischen Wirtschaftsmächte. Allerdings greift sich das Reich der Mitte jetzt auch noch unsere Schlüsselindustrien und wir schauen mehr oder weniger tatenlos zu.
Politik, Behörden, Justiz, Wissenschaft, Kapital – neben den Entscheidern in den Unternehmen besitzen vor allem diese Bereiche die Verantwortung und große Wichtigkeit dafür, dass Schweiz, Österreich und Deutschland den Rückstand aufholen können und nicht vollkommen ins Hintertreffen gerät.

Allerdings wird auf Top-Entscheider-Ebene das Thema – trotz der enormen Erfolge von  Amazon und Alibaba – vielfach immer noch nicht ernst genug genommen und man nutzt diese Giganten sogar auch noch in der Cloud. Dabei müssten unsere Unternehmer eigentlich mobilisieren und alle Mittel zusammenkratzen, um nicht den digitalen Anschluss zu verlieren.

"E-Commerce wie Jumbo-Fliegen: Man benötigt eine Menge Sprit – nur eine Tasse reicht nicht."

Gerrit Heinemann
Wenn Amazon mehr als 7% vom Umsatz in digitale Verbesserungen investiert, dann müsste das eigentlich die Messlatte sein. Aber kein Unternehmen hierzulande nimmt auch nur ansatzweise diese Mittel in die Hand.

Dabei ist E-Commerce wie Jumbo-Fliegen: Man benötigt eine Menge Sprit – nur eine Tasse reicht nicht. Ohne den Geldbeschaffer Oliver Samwer hätte es die Erfolgsstory Zalando zweifelsohne nicht gegeben. 

Dieses zeigt: Hier ist eine stärkere Risikoübernahme im Gegensatz zu der vielbeschworenen „Tugend der Sparsamkeit“ und „Geiz-Kultur“ notwendig.

Wo sind unsere Milliardäre?

Und auch die Einbindung von Private Equity zur finanziellen Ausstattung universitärer Forschung oder auch Förderung vielversprechender Startup-Ideen sollte stärker angesprochen werden, womit wir beim Thema Kapital sind. Wie kann es angehen, dass unsere Milliardäre bevorzugt im Silicon Valley investieren, statt in Europa Unternehmensgründungen mit Risikokapital zu versorgen?

"Gründer werden in der Regel völlig überforderten Sparkassenmitarbeitern überlassen."

Gerrit Heinemann
Wenn sogar Stephan Quandt – mit seiner Schwester zusammen Mehrheitsaktionär von BMW – davor warnt, dass die europäische Industrie sich ihre Kundenbeziehungen von den großen Plattformen stehlen lässt, müsste er sich doch eigentlich in der Verantwortung sehen mit Kapital zu unterstützen. In Wahrheit werden Gründer hierzulande in der Regel völlig überforderten Sparkassenmitarbeitern überlassen, die sich eher erschießen als Risikokapital bereitzustellen, während US-Milliardäre sich überwiegend der digitalen Philanthropie hingeben, ihre Top-Universitäten alá Stanford und Harvard mit reichlich Geld ausstatten  und dabei noch die Zukunft ihres Standortes großzügig mit Stiftungen unterstützen.

Davon ist im deutschsprachigen Raum nicht viel zu spüren.

Wir bilden an unseren fast ausschließlich staatlich finanzierten Hochschulen eher noch Studierende aus  den führenden Digitalnationen pro bono aus. Vor allem die deutsche Grundlagenforschung hat viele Themen – wie u.a. die  künstliche Intelligenz hervorgebracht – mit denen die GAFAs (Google, Amazon, Facebook, Apple und andere) und TABs (Tencent, Alibaba, Baidu und andere) jetzt digital durchstarten.

So gründete Jeff Bezos sein weltweites Forschungszentrum für künstliche Intelligenz in Berlin. Sein Chefentwickler: Ralf Herbrich, ein Deutscher, der das Thema als Forscher hierzulande entwicklungsreif gemacht hat.

Deutsche Forscher für Jeff Bezos

Vor allem die deutsche Grundlagenforschung ist ein wichtiger Pfeiler, der für eine positive Entwicklung stärker genutzt und vor anderen Ländern stärker geschützt werden sollte. Über die Fraunhofer-Gesellschaft sowie Max-Planck-, Helmholz-, DFG- und u.a. Leibniz-Gesellschaften fließen immerhin bis zu 20 Milliarden staatlich finanzierte Euro in Zukunftsthemen, die wir dann quasi anderen umsonst zur Verfügung stellen und dieses dann auch noch mit Recht und Kartellamt unterstützen.

Einmal abgesehen vom Steuerrecht, dass selbst innerhalb der EU immer noch die vielen Schlupflöcher Richtung Luxemburg und Dublin zulässt, mutieren die Behörden nun vollends zur Lachnummer. Statt deutschen Mittelständlern auf digitalem Gebiet mehr Kooperation zu ermöglichen, kündigt beispielsweise das Bundeskartellamt zwar großspurig  eine Untersuchung zu Amazon an. Unser Kartellrecht stammt allerdings aus dem 19. Jahrhundert und wird dem Amt keine Handhabe bieten, einzuschreiten.

Letztlich wird das Kartellamt zwei Jahre ermitteln und dann wird man mit Amazon einen Vergleich finden. Amazon wird sein Verhalten gegenüber den Händlern nur leicht abändern und ansonsten ändert sich an der marktdominierenden Stellung des Unternehmens gar nichts.

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Neues Kartellrecht nötig

Damit sich wirklich etwas an der Monopol-Bildung ausländischer Internetgiganten ändert, brauchen wir ein neues Kartellrecht, das in die heutige Zeit passt. Damit sind wir bei der Politik, die gefordert ist, zu handeln und schnellstens Gesetze zu ändern.

Wie sonst kommen wir bei digitalen Aufholjagd in Deutschland weiter, um nicht bei den Zukunftsnetzen im OECD-Ranking vom fünftletzten endgültig auf den letzten Platz abzurutschen. Und auch der Digitalbeirat dürfte bei der Gemengelage wohl auch eher nur ein digitaler Papiertiger sein!

Schließlich warnte Frau Merkel schon seit 2013, dass Deutschland den Anschluss verpasse. Seitdem hat sich allerdings Deutschland noch einmal deutlich verschlechtert und rangiert heute im internationalen Vergleich allenfalls im Mittelfeld. Wir kommen nach aktuellen Studien nur auf Platz 18 von 63 Staaten. Das heißt: Sowohl bei digitalen Technologien als auch bei der digitalen Ausrichtung von Geschäftsmodellen und staatlichen Institutionen ist dieses unser Land das Gegenteil von exzellent.

Wir hinken hinterher!

Weitere Beiträge von Gerrit Heinemann finden Sie auf der Übersichtsseite "Etailment Expertenrat".

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