Das Internet ist immer geöffnet, stationäre Läden sind es sonntags fast nie. Daran ändert sich absehbar nichts. Und noch einen Nachteil haben stationäre Händler: hohe Kosten für Mieten und Immobilien. Doch wenn Karstadt und Kaufhof über die Fusion verhandeln, werfen sie ihre Immobilienwerte in die Waagschale. Selbst die Schließung und Weiterverwertung kann Geld bringen. Denn Flächen in guter Lage sind gefragt.

Kurz vor dem vergangenen Wochenende war es mal wieder so weit: Nachdem sich zahlreiche Händler in Bad Münstereifel und Paderborn schon auf klingelnde Kassen am verkaufsoffenen Sonntag gefreut hatten, kippten die zuständigen Gerichte die von den Kommunen genehmigten Events im Eilverfahren. Daran änderte auch das reformierte Ladenschlussgesetz nichts. Und so wanderte der Schwarze Peter wieder einmal zur wirtschaftlich unheiligen Allianz von Gewerkschaften, Kirchen und Gerichten.
Es muss frustrierend sein, wenn  man als stationärer Händler quasi von außen zusieht, wie der Onlinehandel wächst und wächst, während das eigene Geschäft vor sich hindümpelt und man froh sein kann, dass überhaupt noch Kunden in den Laden kommen.
Und noch frustrierender, wenn man sieht, wieviel Umsatz Amazon & Co allein zu den Zeiten im Netz erzielen, zu denen stationäre Geschäfte per Gesetz  geschlossen sind – nachts oder an Sonn- und Feiertagen. Da spielt es auch keine so große Rolle mehr, dass der stärkste Verkaufstag von Amazon meist der Samstag ist, und zwar zu Zeiten, wenn die stationäre Konkurrenz  ebenfalls geöffnet hat.

Verkaufsoffene Sonntage als Existenzfrage

Nichtsdestotrotz machen manche Händler die Forderung nach verkaufsoffenen Sonntagen zur Existenzfrage. Dabei ist die Sonntagsöffnung auch im Handel umstritten. Vor allem kleinere Unternehmen fürchten, dass die zusätzlichen Personalkosten in keinem Verhältnis zum vergleichsweise geringen Umsatzpotenzial stehen. Oder dass man einfach zu wenig Personal hat, um es auch noch am heiligen Sonntag einzusetzen und dafür noch entsprechende Zuschläge zahlen zu müssen.
Andreas Chwallek, Chefredakteur von Der Handel und etailment.de. schreibt zum Auftakt der neuen Rubrik.
© Aki Röll
Andreas Chwallek, Chefredakteur von Der Handel und etailment.de. schreibt zum Auftakt der neuen Rubrik.
Allerdings müssen sich diejenigen, die schon heute so spitz rechnen, fragen lassen, ob sie künftig in der Lage sind, das Geld für qualifizierte Servicekräfte aufzubringen, damit sie ihren wichtigsten Verkaufsvorteil gegenüber dem Netz ausspielen können: Freundlichkeit, Herzlichkeit, Empathie – also den Menschen.

Die Mehrheit der Händler sieht in den sonntäglichen Öffnungsverboten vor allem eine Benachteiligung gegenüber Onlineriesen wie Amazon und Zalando. Sie würden gerne öffnen, dürfen aber nicht, während das Netz immer geöffnet ist. Damit müssen sie wohl leben, denn in der Praxis ist eine flächendeckende Liberalisierung der Öffnungszeiten nicht in Sicht.

Fusion von Karstadt und Kaufhof

So wichtig das Thema Sonntagsöffnung im Handel auch sein mag, verglichen mit Herausforderungen wie der Digitalisierung und verödenden Städten ist es eher ein Nebenkriegsschauplatz.
Das gilt nicht zuletzt für die Warenhauskonzerne Karstadt und Kaufhof. Beide sind seit Jahren Vorkämpfer für die uneingeschränkte Ladenöffnung an sieben Wochentagen, beide sehen sich in der Rolle als Publikumsmagneten in deutschen Innenstädten. Und weil das so viele Kunden heute anders sehen, kämpfen beide seit Jahren gegen den wirtschaftlichen Niedergang.  

Nun soll als Lösung die Fusion her, mit der Karstadt-Mutter Signa Holding als Mehrheitseigentümerin und dem Karstadt-Frontmann Stephan Fanderl als Chef des neuen Gebildes. Immerhin ist es ihm gelungen, das Essener Handelsunternehmen mit 67 Filialen und rund 2,1 Milliarden Euro Jahresumsatz wieder in die Gewinnzone zu führen, auch wenn dieser mit 1,4 Millionen Euro eher bescheiden ausfällt.

Kaufhof dagegen sackte  2017 unter der Regie der kanadischen Eigentümerin Hudson’s Bay Company (HBC) in die roten Zahlen. Mit 96 Filialen und 2,7 Milliarden Euro Jahresumsatz erreichte der operative Verlust von Kaufhof zuletzt 100 Millionen Euro.
Wie etailment.de berichtete, kommen beide Unternehmen zusammen derzeit gerade einmal auf einen Online-Umsatz von rund 200 Millionen Euro. Dieser Anteil wäre im Falle der Fusion auf jeden Fall ausbaufähig.

Kommt es zum Zusammenschluss, dann geht es um elementare Fragen wie nach dem zukunftsfähigen Geschäftsmodell,  der Markenführung, der Zusammenführung von Sortimenten und Prozessen – und nicht zuletzt um die Standorte. Braucht die neue „Warenhaus AG“ dann noch mehr als einen Standort pro Stadt, in welchen Mittelstädten arbeiten die Häuser rentabel und welche Häuser könnten geschlossen werden? Neben der operativen Profitabilität der jeweiligen Standorte spielt dabei die Bewertung der Immobilien eine Rolle – und deren Verwertbarkeit im Falle einer Schließung.

Beitrag für die kleineren Innenstädte

Doch bevor es so weit kommt, müssen noch einige Hürden genommen werden. Kartellamtschef Andreas Mundt hat bereits angekündigt, den Zusammenschluss gründlich unter die Lupe nehmen zu wollen.
Auch der Chef des Hagener Textilunternehmens Sinn (früher SinnLeffers), Friedrich-Wilhelm Göbel, hat laut TextilWirtschaft angekündigt, prüfen zu lassen, ob durch das Zusammengehen von Karstadt und Kaufhof eine marktbeherrschende Stellung entstehe. Sinn betreibt derzeit in Deutschland 20 Textilhäuser und steht damit in Konkurrenz zu den beiden.

Während Göbel damit einerseits ankündigt, gegebenenfalls gegen die Fusion vorgehen zu wollen, schließt er jedoch andererseits nicht aus, selbst frei werdende Standorte von Karstadt oder Kaufhof zu übernehmen, so die TextilWirtschaft. Göbel fordert demzufolge mit Blick auf die Immobilien, dass bei Schließungen „auch die Eigentümer von Karstadt-Kaufhof einen sinnvollen Beitrag für die kleineren Innenstädte leisten, indem man schnell die Mieten realistisch gestaltet oder die Häuser zu vernünftigen Preisen veräußert.“

Wieder einmal rücken Immobilien in den Fokus, zumal einige Branchen und Unternehmen weiterhin munter in die Flächenexpansion investieren. So versendet der Sport-Billiganbieter Decathlon schon fast im Akkord Mitteilungen über Neueröffnungen von Märkten. Die Niederländer Hema und Action legen inzwischen auch in Deutschland ein rasantes Expansionstempo vor. Allein Action will die Zahl der Geschäfte in Deutschland von inzwischen rund 200 auf annähernd 300 ausbauen.

Spielregeln am Markt verändert

Für den stationären Möbelhandel dürfte indes die jahrelange und scheinbar grenzenlose Expansion über Großflächen zum immer größeren Problem werden. Zwar kann diese Branche laut EHI-Möbelreport weiterhin wachsen - 2017 wurde die Umsatzmarke von 34 Milliarden Euro geknackt. Doch zunehmend erhält der Onlinehandel Einzug, womit sich auch hier die Spielregeln am Markt verändern.

So expandiert der Branchenriese Ikea mit deutlich kleineren Formaten in zentralen lnnenstadtlagen, wie in Hamburg Altona zu sehen ist. Und längst bietet der schwedische Möbelriese eine breite Palette von digitalen Angeboten, vom reinen E-Commerce bis zur Abholung der Ware vor Ort, nachdem sie übers Netz gekauft wurde.
So weit sind die wenigsten Konkurrenten in der Branche, was Online-Anbietern wie home24.de in die Karten spielt. Je mehr der Online-Anteil im stark von Familienunternehmen und Verbundgruppen geprägten Möbelhandel steigt, desto mehr werden die vorhandenen Großflächen zur Belastung. Denn deren Bewirtschaftung kostet viel Geld, was erst einmal über die stationäre Kundschaft eingespielt werden muss. Und die Lagen sind für eine sinnvolle Weiterverwertung weit weniger attraktiv als etwa die Innenstadt-Standorte von Karstadt und Kaufhof.

Bei diesen besteht eher das Luxusproblem, wie sich die teuren Immobilien in den Kauf einpreisen lassen. Und falls ein Haus geschlossen wird, geht es um potente Käufer oder andere Mieter. Das könnte im Zweifelsfall sogar der gefürchtete Konkurrent Amazon sein.
Schon länger ist aus der Immobilienbranche zu hören, dass Amazon zumindest in Berlin nach Flächen sucht. Einem stationären Shop von Amazon in einer ehemaligen Kaufhof- oder Karstadt-Filiale dürfte auch Kartellamtschef Mundt keinen Riegel vorschieben. Während er beim Zusammenschluss der beiden Warenhauskonzerne die Stirn runzelt.

Es wird spannend zu sehen, wo die Kartellbehörde eine marktbeherrschende Stellung ausmacht. Schließlich kommen die beiden Unternehmen gemeinsam auf nicht einmal 1 Prozent der deutschen Einzelhandelsumsätze. Auch wenn dieser Anteil in einzelnen Segmenten deutlich höher ausfällt – den Markt beherrschen längst andere.

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