Wer bei Gangster-Rappern in den Vorgarten stiefelt, sollte froh sein, wenn er überlebt. Bei einem Amazon-Boten war das so. Und der Vorgarten-Besitzer gab daraufhin dem Amazon-Boss einen guten Tipp. Gemecker dagegen musste er von einem deutschen Onlinehändler hören. 

Da bei Amazon bekanntlich jeder Tag "Day one" ist, kann man möglicherweise noch nicht alles wissen von der Welt, die man erobern will. Vielleicht auch nicht von seiner eigenen Welt. Sollte man aber, sonst endet es ein anderes Mal tödlich, weil ein anderer Kunde etwas skrupelloser ist als Ice T. Der US-amerikanische Rapper hätte neulich beinahe auf einen Boten des Lieferdienstes Amazon Flex geschossen, weil er den Mann als Eindringling auf seinem Grundstück sah. Und Rapper ziehen ja gerne schnell, je mehr Gangster, desto schneller.

Die Sache ging gut aus. Das Paket kam an. Der Bote hat überlebt. Aber Ice T twitterte, dass es doch besser sei, wenn die Flex-Boten Westen trügen mit einer Aufschrift, die sie als Amazon-Mitarbeiter auswiesen.

Was Flex mit Uber zu tun hat

In der Tat, kein dummer, sondern sogar ein lebenserhaltender Vorschlag. Amazon könnte von Uber, dem Flex der Taxibranche, lernen: Dessen Autos haben große Aufkleber an den Türen, damit jeder sieht, dass hier keine normale Droschke vorfährt, sondern eines von der Online-Plattform, die gut ist für die Kunden (billige Fahrten), aber nicht für die, die mit ihren Autos ebendiese Kunden herumfahren (klägliche Provisionen).
Amazon-Chef Bezos: Was wollen diese Deutschen?
© Amazon
Amazon-Chef Bezos: Was wollen diese Deutschen?
Auch für Anleger ist Uber kein Spaß. Der Börsengang sollte das große Geld in die Kasse spülen, aber die acht Milliarden Dollar waren dem Unternehmen und seinen Investoren viel zu wenig. Acht Milliarden! Bei tiefroten Zahlen! Über den aktuellen Aktienkurs kann sich trotzdem nur der freuen, der auch Spaß an Migräne hat.

Hahahaha, was wurde über den Amazon-Aktienkurs gelacht

Aber was wurde einst auch über Amazons Aktienkurs gelacht - und über die Verluste, die das Unternehmen noch in den Nullerjahren machte, weil Gründer Jeff Bezos jeden Gewinn sofort wieder ins Unternehmen und dessen Wachstum investierte. Sowas kannte man vor allem in Deutschland nicht.

Im Jahr 2007 kosteten Amazon-Aktien etwa 28 Euro. Wer damals ein paar Spargroschen in dieses komische Internet-Unternehmen aus Amerika steckte, ist heute mindestens vermögend: Aktuell müssen Anleger für das Papier etwas mehr als 1.650 Euro hinlegen, letztens sogar noch 100 Euro mehr.

Heute lacht niemand mehr über Amazon. Im Gegenteil: Es wird geweint. Immer lauter. Oder zum Angriff geblasen – aber nicht mit erfolgreichen Geschäftsideen, die Amazon in die Knie zwingen könnten. Es kann nur als Zeichen von Hilflosigkeit gewertet werden, wenn ein Unternehmenschef vom Kaliber eines Alexander Birken den Konkurrenten derart öffentlich attackiert. 

"Wir bezahlen 100 Millionen Euro Steuern, die wir investieren könnten in die Digitalisierung oder in den Service oder in niedrigere Preise für die Verbraucher", maulte Birken, immerhin Chef des hinter Amazon zweitgrößten deutschen Online-Händlers, als er am Mittwoch die, nun ja, nicht ganz so guten Zahlen des zurückliegenden Geschäftsjahres begründen musste.

Dass Amazon die, nun ja, attraktiven steuerlichen Gestaltungsmöglichkeiten nicht nur in der Europäischen Union nutzt, ist bekannt. Über die angeblich aberwitzig niedrige Steuerlast der Internet-Krake berichtete vor einiger Zeit ausgerechnet die "Washington Post", die Zeitung, die Amazon-Boss Jeff Bezos gehört. 

Steuern, die anwendbar sind

Alles gar nicht wahr, reagierte Amazon auf Birkens Gemecker. Man zahle "alle anwendbaren Steuern". Außerdem habe man ja seit 2010 in Deutschland viel Geld investiert, nämlich 10 Milliarden Euro in Infrastruktur und Anlagen.

Schönes Wort, dieses "anwendbar": Was es wohl heißen mag? Dass manche Steuern nicht in Deutschland, zum Glück aber im Land der Discount-Steuern, dem Luxemburg von EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, anzuwenden sind? Oder in Irland? Oder wo auch immer auf dem Kontinent, wo am Sonntag gewählt werden wird und dessen Großartigkeit seit Wochen so auffallend viele Unternehmen beschwören.

Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Birken hatte noch etwas gesagt. Etwas, was als eine Art letzte Patrone im Kampf gegen einen mächtigen Gegner immer gern in den Lauf geschoben wird: ein moralisches Argument. Fair und nachhaltig wolle Otto wirtschaften, Partner und Kunden "wollen aufrichtiges und anständiges Verhalten von uns sehen". Das mag für die Geschäftspartner stimmen. Denn wer als Händler auf dem Amazon-Marktplatz verkauft, freut sich ja schon, wenn er im Krisenfall wenigstens mal einen Mitarbeiter aus dem Call-Center ans Telefon bekommt, anstatt nur E-Mail-Textbausteine lesen zu müssen.
Otto-Vorstandschef Birken: Wir sind die Guten.
© Otto Group
Otto-Vorstandschef Birken: Wir sind die Guten.
Doch Moral bei Kunden? Guter Witz! Als ob Verbraucher, die im Netz bestellen, viel Wert auf Nachhaltigkeit und Anstand legen würden.

Gerade weil sie es NICHT tun, konnte Amazon so stark wachsen.

Und weil den meisten Kunden Nachhaltigkeit egal ist, kaufen sie eben auch die billigen und keine Fairtrade-Bananen beim Discounter. "Es ist uns nicht gelungen, den Kunden von unserem Engagement zu überzeugen", musste Jan Bock, Geschäftsleiter Einkauf bei Lidl Deutschland, dieser Tage erklären.

Auch billig ist Fairness viel zu teuer

So gibt es bei Lidl zwar weiterhin Fairtrade-Bananen, aber eben auch die aus konventionellem Anbau. Eigentlich sollte das konventionelle Obst nach und nach aus den Regalen des Discounters verschwinden, hatte Lidl 2018 angekündigt. Doch den Kunden sind selbst 1,09 Euro für ein Kilogramm Bananen aus Kooperativen, deren Bauern mehr verdienen und deshalb etwas besser leben können, zu teuer.
© etailment
Weil dort alles billig ist, kaufen die Menschen auch bei Amazon ein, alles – vom Kondom bis zur Bohrmaschine. Wie diese Preise entstehen, ist den Menschen schon immer egal gewesen.

Wer Kunden mit Moral kommt, wird deswegen ebenso scheitern wie die liebenswürdige Imagekampagne "Buy Local" des Fachhandels, die fürs Einkaufen vor Ort wirbt und Menschen wie den Journalisten Günter Wallraff auf ihrer Seite hat: "Das Bestellen im Internet sollte nicht zum Selbstzweck werden. Wer beim Bestellen nur auf billigst und schnellst achtet, verliert aus dem Blick, dass dadurch viele alteingesessene Fachhändler kaputt gehen und schadet damit letztlich sich selbst: Kunden verlieren wertvolle Spezialisten und ruinieren die Handelsvielfalt. Zudem veröden unsere Innenstädte völlig."

Welche Vielfalt gibt es noch im Lebensmittelhandel?

Ach herrjeh. Vielleicht will der Kunde gar keine Händlervielfalt mehr, sondern lieber Produktvielfalt. Ein Klick – und er kann vom größten Marktplatz der Welt bestellen und kaufen. Alles, was er bestellt, ist schnell bei ihm. Seine privaten Daten? Dass Amazon schon erkennt, dass eine Kundin schwanger ist, obwohl die es selbst noch gar nicht weiß? Irgendwie alles abstrakt, schwer zu verstehen. Deswegen: egal. Und – strenggenommen – gibt es doch auch im deutschen Lebensmittelhandel schon lange keine Vielfalt mehr: Edeka, Rewe, Aldi und Lidl bestimmen den Markt und mit ihm die Sortimente. Hier ist noch weniger Vielfalt als im Online-Handel zu entdecken, wo man ja außer bei Amazon auch bei Ebay, Otto, Zalando oder – ganz verwegen – (noch) bei Real online ordern kann.

Menschen sind berechenbar. Gut für Amazon.

Diesen Vergleich finden Sie zu weit hergeholt? Dann überlegen Sie mal, wie viele  Smartphone-Hersteller den Weltmarkt beherrschen. Apple und Samsung. Der Huawei-HTC-Motorola-Honor-Xiaomi-Rest sitzt am Katzentisch und verwertet Reste. Stört doch auch niemanden.
Abholstation von Amazon: Sichtbar in der Tiefgarage.
© Gerth
Abholstation von Amazon: Sichtbar in der Tiefgarage.
Amazon hat mit brutaler Zielstrebigkeit das ausgenutzt, was den Menschen auszeichnet: Berechenbarkeit. Wenn angeblich 30 % der Bestellungen nach Empfehlungen entschieden werden, dann belegt das nur, "dass wir vorhersehbarer sind, als wir glauben", wie Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger meint. Und so werden heute Maschinen gebaut, die diese Vorhersehbarkeit besser analysieren und ausnutzen können. Zack, ist man im Geschäft. Wenn Sie Kunde von HRS, Opodo oder Booking sind, bekommen Sie doch auch regelmäßig Tipps für Trips und Reiseziele. Beklagt sich darüber jemand?

Sichtbar in der Tiefgarage

Interessant wäre zu wissen, wie Jeff Bezos auf die Attacke von Otto-Chef Birken reagiert. Vielleicht so: "Was jammern diese Deutschen dauernd? Warum lassen die nicht wie ich Abholboxen in öffentlichen Tiefgaragen aufstellen? Ist doch egal, ob es dort dunkel, kalt und ungemütlich ist. Wir zeigen mit den Boxen Präsenz. Immer und überall. Und die Kunden sollen das merken."

Amazon kann man nicht mit Moral kommen, so lange Kunden für Moral nichts geben. Das konnte man auch bei Schlecker nicht, auch dort kauften Kunden, obwohl bekannt war, unter welchen Bedingungen die Mitarbeiterinnen dort ackerten. Wahrscheinlich kann man es als Händler nur so machen wie der Textil-Händler Frey aus Cham in der Oberpfalz: Der kooperiert mit Amazon, aber auch mit Zalando und Schuhe.de. "Wir öffnen uns, um gemeinsam mit den Plattformanbietern zu lernen", wie Geschäftsführer Helmut Hagner der "Textilwirtschaft" berichtete.

"If you can't beat your enemys", sagen die Amerikaner, "join them." Feinde nicht erschlagen oder erschießen, sondern sich mit ihnen verbinden. So gesehen müsste man Ice T empfehlen: Geh auf den unbekannten Eindringling zu und töte ihn nicht gleich. Er könnte dir schließlich etwas bringen – entweder von Amazon oder fürs Leben.

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