...um ihn neu aufzubauen. Anders geht es nicht. Denn es gibt zu viel Fläche, zu viel Center, zu viel Langeweile. Handel hat Zukunft, wenn die Städte neu geplant werden mit lebendigen Quartieren, in denen man auch gut einkaufen kann. Dass das möglich ist, beweist nicht nur ein Beispiel nahe München.

Hoffentlich sind Sie gesundgeblieben in dieser Woche, einfach war es ja nicht. Schließlich drängten sich von Montag bis Mittwoch mehr als 46.000 Teilnehmer (neue Rekordzahl) auf Deutschlands größter Bazillenschleuder, auch bekannt als Gewerbeimmobilienmesse Expo Real in München.

Wer wiederum Listerien-Wurst von Wilke im Kühlfach hatte, war möglicherweise genauso wenig zu beneiden wie jemand, der sich fettarme Milch vom Deutschen Milchkontor in seinen Kaffee gegossen hat. Darin wurden Bakterien gefunden, die zu Durchfall führen können. Das Zeug gabs bisher vor allem in Discountern und als Eigenmarken der Supermärkte - passenderweise hätte es im Bundle mit einer Packung Hakle feucht angeboten werden sollen.

Beton - es kommt darauf an, was man daraus macht

Bevor wir uns in intimen Details verlieren, schnell zurück auf den Pfad, der zum großen Ganzen führt. Wenn die Expo Real Jahr um Jahr wächst, mehr Projektentwickler, Handelsunternehmen, Baufirmen und Investoren zueinanderfinden, dann ist das vorderhand ein Phänomen. Denn wenn die ganze Welt immer digitaler wird, wird Beton immer überflüssiger, möchte man meinen.

So ist es selbstverständlich nicht. Mehr denn je stimmt der alte Spruch: Beton - es kommt darauf an, was man daraus macht. Städte und Kommunen beginnen, neue Konzepte für Quartiersentwicklung zu erarbeiten. Es geht nämlich nicht mehr um Wohnen, Einkaufen und Arbeiten - es geht darum, alles zu verschmelzen. Abgeschmeckt durch die große Herausforderung der neuen Zeit: Mobilität. "Wir müssen Siedlung und Freiraum zusammendenken und auch Potenziale für Gewerbe aufzeigen", sagt etwa Mike Josef, Planungsdezernent der Stadt Frankfurt am Main.

Der Totalschaden von Stuttgart

Städte müssen sich vielmehr um sich kümmern, als vor ein paar Jahren, als noch planerische Totalschäden passierten wie in Stuttgart, wo zeitgleich zwei Einkaufszentren eröffnet wurden, von denen weder das Milaneo noch das Gerber Erfolgsgeschichten schreiben. Schließlich gibt es im benachbarten Ludwigsburg noch die Center Breuningerland und Marstall. Wer soll denn hier alles einkaufen?

Kein Wunder, dass der heutige Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) einst sagte, dass er nicht dafür gestimmt hätte, wenn er früher schon im Amt gewesen wäre.

Handel? Wohnen!

Gerade bei den Centern wird spätestens ab jetzt darum gehen, gewaltige Überkapazitäten an Handelsfläche abzubauen. Alternative? "Wohnen ist die Antwort auf die Probleme des Handels", sagt Mario Schüttauf, Fondsmanager von hausInvest, dem offenen Immobilien Fonds von Commerz Real, einer Investmenttochter der Commerzbank.

Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
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Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Vereinfacht meint Schüttauf: Ein Shoppingcenter wird künftig kein Handelshaus sein, sondern ein Quartier. Mit Handel, Gastro, Dienstleistungen, Wohnen und Erlebnis. Und: "Die Center müssen sich nach außen öffnen", fordert er. Bisher sind diese Betonklötze blickdichte Immobilien, wo an der Fassade die Logos der Ankermieter angeschraubt worden sind, um beim Kunden irgendwie Interesse zu erzeugen.

Langweilig.


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Marketing

Wie sich neue Ladenkonzepte in die digitale Zukunft retten

Vielleicht findet ja Schüttauf Gefallen an den Plänen des Entwicklers IPH, der bei der großen Stadtentwicklung in Freiham bei München ein Shoppingcenter besteuern will, das gar keines mehr sein will. 27.000 Quadratmeter Miet-, davon 20.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche mit Arkadengestaltung, vielen Schaufenstern und viel Platz zum Flanieren und Treffen.

Marktplatz statt Einkaufshochbunker

Die Stadt will, dass hier ein offener Marktplatz entsteht, kein x-tes Einkaufszentrum, wie etwa die planerische Fehlleistung ein paar Kilometer weiter bei der Entwicklung des Geländes um den Flughafen Riem. Mögen die Riem-Arcaden ein wirtschaftlich erfolgreiches Center geworden sein - von einem lebendigen Stadtteilzentrum sollte aber niemand sprechen.

Zur Stadtentwicklung gehört auch, den lokalen Handel im Internet sichtbar zu machen. Was es da alles gibt, kennt man: Online City Wuppertal, Mönchengladbach bei Ebay oder das lokale Online-Schaufenster in Coburg. Ende des Jahres 2019 beginnt nun auch Darmstadt sich mit so etwas zu beschäftigen, eine Stadt, wohlgemerkt, die seit 2017 den Titel "Digitalstadt" trägt.

Ohne städtische Hilfen geht nichts im lokalen Netz

Wer weiß, wann und wie der Darmstadt-Shop ans Netz gehen wird. Aber schon heute ist klar: Niemals wird er sich alleine tragen, wirtschaftlich wird er ein Verlustbringer. Es braucht genauso städtische Finanzhilfen, wie Stadtmarketinggesellschaften auch, die als eigenständige Betriebe längst allesamt pleite wären. Eine Stadt muss heute in alle Bereiche investieren, um attraktiv zu werden, oder zu bleiben. Und dazu gehört eben auch der lokale Handel.

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Und der wird in Darmstadt geschwächt, weil die Entwicklung eines Geschäftshauses in der Fußgängerzone nicht vorankommt. Das alte Modehaus Römer ist mittlerweile seit ein paar Jahren geschlossen - ein Projektentwickler verkündete große Pläne, auf deren Umsetzung die Stadt wartet und einen trostlosen Anblick von abgenutztem Beton genießt.

"Das Tempo ist so hoch wie nie zuvor"

Solche Probleme gibt es allerorten. "Wir stehen vor der größten Herausforderung des
Jahrhunderts bei der strategischen Entwicklung von Einzelhandelsimmobilien", sagt
Jörg Krechky, deutscher Einzelhandelschef des globalen Immobilienberaters Savills. "Einzelhändler strukturieren ihre Flächenkonzepte sowie Portfolios bereits um. Die Nachfrage nach Premium- und/oder lebensmittelgetriebenen Standorten steigt. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage an Sekundär- und Tertiärstandorten. Sie werden in Zukunft weniger lukrativ sein und müssen womöglich mit anderen Nutzungen revitalisiert werden."

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Savills hat eine Studie veröffentlicht über die Zukunft des Handels. Der Titel ist schön und provokant: "To save retail, let it die." Meint: Alles einreißen und neu aufbauen. Der "Neue Einzelhandel" wird dann kanalunabhängig sein, es regiert das Bekenntnis zu einem besonderen Wert des jeweiligen Händlers.

Handel musste sich immer Veränderungen stellen, "aber das Tempo ist heute so hoch wie nie zuvor", sagt Krechky. Er will nicht vom Ende der stationären Läden sprechen, für ihn erlebt die Branche vielmehr eine Evolution ihres Angebots. Krechky redet von Schnittstellen zwischen On- und Offline sowie zwischen Einkauf und Erlebnis geschaffen werden. "Zudem kann die Integration von Coworking- und Coliving-Konzepten, von Gastronomie und Hotellerie in Kombination mit dem Einzelhandel eine erfolgversprechende Synergie sein."

Tag und Nacht Burger essen im Coworking-Büro

Doch ob der aktuelle Coworking-Hype tatsächlich den Bedarf spiegelt ist ebenso eine Frage (die man auch mit dem Absturz des Start-ups WeWork beantworten kann), wie die nach dem Bedarf von Gastronomie in Centern. Ständig neue Formate, die sich doch kaum voneinander unterscheiden, aber dem Zeitgeist Rechnung tragen: Die Leute wollen heute smart speisen. Schnell und einfach. Die alteingesessenen Wirtsleute müsste man mal fragen, was sie davon halten.

Und sein eigenes Gastronomieverhalten kann man ja an dem Satz von Fondsmanager Schüttauf überprüfen. "So viele Hamburger kann doch niemand mehr essen."

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