Selbstverständlich können Roboter den Unterhosengeschmack von Onlinejournalisten ermitteln. Man kann mit Robotern auch Sex haben. Und sogar Popsongs können sie schreiben. Doch das ist alles seelenlos und für die Masse. Denn der Algorithmus wird nie etwas Einzigartiges schaffen. Der Mensch als Schöpfer wird immer den Unterschied machen.

Wenn noch ein Beweis gefehlt hat, dass Etailment ein transparentes Medium ist, dann hat ihn diese Woche Kollege K. geliefert. Denn in welcher zweiten Redaktion auf der Welt teilt ein Journalist seinen Abonnenten wie so ein neumodischer Influencer mit, welche Socken und Unterhosen er bevorzugt? Schön zu wissen, dass er überhaupt Leibwäsche trägt, es hätte ja schlimmer kommen können.

Ja, so nah ran lassen wir unsere Leser – in Zeiten des Spiegel-Zauberkünstlers Claas Relotius muss man eben alle Register ziehen, um glaubwürdig zu bleiben oder zu werden.

Bei Unterhosen macht die Individualität von K. den Unterschied

Die Frage ist jetzt, wie sich das Leben von Kollege K. verändert, nachdem er seine intimsten Kundendaten unverschlüsselt in die Onlinewelt posaunt hat. Die Socken- und Unterhosenbranche wird ihn erschlagen mit Bannerwerbung oder personalisierten E-Mails, vielleicht wird ein Hersteller oder ein Hersteller gar Künstliche Intelligenz  (KI) nutzen, um das Wäsche-und-Kurzwaren-Nutzungsverhalten von Onlinejournalisten seriell auszubeuten.
Zum Start des Unterwäsche-Shops Solendro stelle auch Kollege K. (Abbildung unähnlich) seine Markenvorlieben vor. Daten, die Facebook, Amazon und Co ja ohnehin haben.
© Solendro
Zum Start des Unterwäsche-Shops Solendro stelle auch Kollege K. (Abbildung unähnlich) seine Markenvorlieben vor. Daten, die Facebook, Amazon und Co ja ohnehin haben.
Aber ist Kollege K. der Prototyp, einer, der für den Unterhosenmassenmarkt steht? Denn nur K.'s Unterhosenstil macht K. erst zu K.
Manche Produkte sind an anderen Körpern deplatziert, peinlich und vielleicht sogar unappetitlich. Viele Produkte werden erst vom Individuum geadelt. Und deswegen sollten auch Händler, die KI als Lösung aller Probleme ansehen, bei Nick Cave nachschlagen.
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Der britische Sänger betreibt einen Blog mit dem Namen "The Red Hand Files" und antwortet hier auch ausführlich auf Fragen seiner Anhängerschaft. Neulich wollte ein Fan aus der slowenischen Hauptstadt Ljubljana von ihm wissen, ob KI eines Tages einen so guten Popsong herstellen/schreiben/produzieren könne, wie ein echter Künstler. Die "Süddeutsche Zeitung" hat die Korrespondenz übersetzt:

Nick Cave antwortet nach dem Prinzip Eriwan:

Im Prinzip ja, und er bezieht sich auf den Song "Smell like Teen Spirit" von "Nirwana": "Ein Lied, das alle Kriterien erfüllt, die nötig sind, damit wir empfinden, was wir empfinden sollten, wenn wir ein Lied wie dieses hören. In diesem Fall könnte das zum Beispiel sein, sich aufzuregen und sich rebellisch zu fühlen. Es ist sogar plausibel, dass KI ein Lied erzeugt, das uns diese Gefühle intensiver empfinden lässt, als es jeder menschliche Songwriter könne."

Aber dann kommt das große ABER: "Aber ich glaube nicht, dass wir, wenn wir 'Smells like Teen Spirit' hören, nur das Lied hören. Mir scheint, dass wir einen eigentlich die Reise eines verschlossenen, einsamen jungen Mannes hören, die in der amerikanischen Kleinstadt Aberdeen beginnt."

Und weiter: "Wir hören Iggy Pop, wie er sich von seinem Publikum auf Händen tragen lässt und sich mit Erdnussbutter einschmiert, während er den Song '1970' singt. Wir hören Beethoven, wie er fast taub die Neunte Sinfonie komponiert... Wie hören Jimi Hendrix, wie er in die Knie geht und sein eigenes Instrument anzündet."

Und schließlich dieser Satz: "Was wir eigentlich hören, ist die menschliche Begrenztheit und der Wagemut, diese zu überschreiten. KI hat diese Fähigkeit nicht - trotz ihrer unbegrenzten Möglichkeiten."

Der Roboter kann gut, der Mensch kann einzigartig

Was Nick Cave sagen will ist, dass KI  nicht die menschliche Fantasie, Transzendenz und Besessenheit besitzt, um etwas Großes zu schaffen. Ein Lied, ein Bild, eine Skulptur können selbstverständlich längst technisch ordentlich hergestellt werden von automatisierten Prozessen - aber die Produkte bleiben eben nur Produkte, seelenlose Produkte.
Gut, es wird Menschen geben, denen so etwas reicht. Die vielleicht auch mit einem menschlich aussehenden Roboter Sex haben, weil halt technische Ausführung und physiologisches Ergebnis stimmen.

Doch das Echte macht eben den Unterschied. Der beste Spaß entsteht immer dann, wenn ihn alle Teilnehmer gleichermaßen empfinden - oder sich anstrengen, damit alle Freude empfinden. Der Sex mit dem Roboter ist dagegen wie Geld abheben an einem Bankautomaten.

Prozesse skalieren und kontrollieren

Derzeit erfasst ein KI-Wahn das Land, man rätselt, ob immer mehr Roboter immer mehr Arbeitsplätze vernichten. Und die Handelsbranche bastelt längst daran, Kundenwünsche technisch zu ermitteln und zu befriedigen.

Olaf Schlüter, Bereichsleiter E-Commerce, Product Management & User Experience Design bei Otto, hat in einem Interview mit dem Institut für Handelsforschung gut erklärt, wie es bei Deutschlands E-Commerce Nummer 2 (hinter Amazon) funktioniert. "Aufgrund der Größe unseres Geschäftsmodells wird es immer wichtiger, Prozesse zu skalieren, ohne, dass alles manuell gesteuert, kontrolliert und gebildet werden muss. Deshalb sind wir auf Algorithmen angewiesen, die uns die Arbeit erleichtern."
Wie bedrohlich KI ist, haben wir jüngst auch Verdi-Vorstand Lothar Schröder gefragt:

Wenn man blind dem Navigationsgerät folgt

Wieso fallen uns gerade jetzt die vielen lustigen Pannen ein von Autofahrern, die so lange den Anweisungen ihres Navigationsgeräts folgten, bis sie plötzlich im Meer standen?
Man kennt auch die legendäre Geschichte einer Belgierin, die eigentlich nur 90 Kilometer nach Brüssel fahren wollte, aber drei Tage und 1.300 Kilometer unterwegs war und erst in Zagreb stoppte - weil sie bedingungslos den Anweisungen der Stimme aus dem kleinen Kasten folgte. 
© etailment
Es gibt ja einen guten Grund, warum Manufactum nach und nach mehr Läden eröffnet, also die Kaufhäuser der schönen Dinge, die nicht das Billige bieten, sondern eine Lebenseinstellung jenseits des Massengeschmacks. Hier werden Geschichten hinter den Produkten und deren Produzenten erzählt. Manufactum ist damit auch die konsequente Verneinung der preisbesessenen und uniformen Geschwindkeitskonsumgesellschaft.

Bitte etwas anderes!

Je mehr alles gleich ist, in den Läden, in den Fußgängerzonen, umso mehr sehnen sich die Menschen nach etwas, was sie nicht auch schon in Köln, Magdeburg oder Delemenhorst gesehen haben. Wahrscheinlich noch mehr, wenn KI bis ins kleinste Detail jedes Kaufverhalten auslotet, berechnet - und schlimmstenfalls steuert und befiehlt. Wenn Facebook gerade vom Bundeskartellamt in seiner Datensammelwut ausgebremst wurde, dann ist das gar nicht so schlecht. 
Pilz aus russischem Wald: Alles etwas größer
© Fotolia / Alexander Katarzhin
Pilz aus russischem Wald: Alles etwas größer
Und so lustig der pannenbehaftete Deutschland-Start unserer neuen Freunde vom sibirischen Billigbilligbillig-Discounter Mere war, so tröstlich ist die Sache auch. Alles ist dann doch nicht zu berechnen.

Leipzig kauft den Mere leer

Vorvorige Woche hatten die Russen in Leipzig ihre erste Filiale in Leipzig eröffnet, in jeder Hinsicht ist das kein Ort für Ästheten. Aber für den Deutschen ist halt Geiz ein Teil seines Wesens - also kaufte er den Laden leer, egal aus welch zweifelhaften Quellen, in welcher Qualität und mit welchem Geruch das Fleisch angeboten wurde.

Tja, und dann war alles weg, es kam nichts nach, und es gab für die Sachsen "nüschd mehr zu koofen". Gut, dürfte sich manch Älterer gesagt haben, bei HO und Konsum war das früher die Regel, auch der Ladenbau damals hat ja Mere-Qualität.

Thunfisch-Portion für den großen Hunger

Zwei Tage war die Bude geschlossen. Jetzt ist neue Ware da, und die Leipziger können wieder am Stück 1,7 Kilogramm Thunfisch in Sonnenblumen oder 2,5 Kilogramm tiefgefrorene Brombeeren kaufen. Ein bisschen ist das ja wie nach dem Krieg. Hauptsache große Portionen, die satt machen.

Russischer Straßenverkehr ist Punk Rock

Es ist halt alles anders, wenn man mit dem Auto Berlin passiert hat, und dann es noch etwas in Richtung Osten rollen lässt. Einblicke in dieses Land sowie beste Unterhaltung bietet die Youtube-Serie "I love Russia" mit atemberaubenden Handy-Filmen aus dem russischen Alltagsleben. Da ist der Punk Rock des Straßenverkehrs nur eine Facette.

Mere will ja demnächst in Zwickau die nächste deutsche Filiale eröffnen, in den Zentralen der deutschen Discount-Giganten Aldi und Lidl werden sie bestimmt kichernd zugucken, wie sich die Russen diesmal blamieren. Aber was soll man sagen: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft voriges Jahr scheiterten die Deutschen in Russland. Im Discounter-Wettbewerb scheitern jetzt die Russen in Deutschland.

Fleisch, viel Fleisch, und dann noch mehr Fleisch

Es sei denn, sie organisieren ihre Läden nach Intelligenz, nicht künstliche, sondern natürliche. Denn sie dürften in Leipzig eines gelernt haben: Der Sachse will es sehr billig, und davon ganz viel. Also Läger vollstopfen bis unters  Dach. Viel Fleisch, Fleisch, Fleisch muss her. Und dann noch mehr Fleisch.
Glücklicherweise gibt es auch positive Überraschungen im deutschen Einzelhandel - und die entdeckt, wer im Zug nicht nur WhatsApp-Nachrichten schreibt, sondern auch zum Fenster hinausguckt. In Würzburg fällt dann der Blick auf ein Unternehmen mit dem Namen Freudenhaus-online.de Industriekulisse, Lagerhäuser und Schuppen. Freudenhaus, soso, alles klar.

Udo Lindenberg hat keine russischen Dimensionen

Aber dass dieser Name bewusst irreführend gewählt wurde, erschließt sich dann doch schnell. Und spätestens nach Eintauchen in die Onlinewelt dieses Freudenhauses genießt der Nutzer ein buntes Sortiment an Designermöbeln - sehr nett. Da haben sich Leute etwas gedacht und überraschen in jeder Hinsicht.

Zurück zum Eingangsthema und den Unterhosen deutscher Influencer. Überraschend fanden wir übrigens auch einmal das Bekenntnis des Schlagersängers (JA!) Udo Lindenberg über die Beschaffung seiner Unterhosen. Die bekomme er von "den Mädels geschenkt". Man würde ja wissen, dass er zart gebaut sei.
Alles weitere zu diesem Thema besprechen wir jetzt mit Kollege K. Folgen Sie uns auf Twitter.

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