Ob Karl Lagerfeld jemals auf den Kickelhahn gewandert ist, gehört zu den vielen Geheimnissen der Welt. Goethe war dort oben. Doch unten, in der Stadt Ilmenau, da treffen sich beide. Zumindest ihre beiden Vermächtnisse. 

Selbst wir kamen zuletzt nicht an mehr Karl Lagerfeld vorbei. Denn seit einigen Tagen steht ein Fläschchen Bois de Vétiver im Badezimmer, das ist ein annehmbarer Herrenduft zu einem annehmenbaren Preis. Gekauft übrigens in einer dm-Filiale in Ilmenau, der Stadt im Thüringer Wald, die Goethe mochte, und von wo er sich nicht nur einmal auf den Berg Kickelhahn hinaufmühte, um dort irgendwann die Verse von "Wandrers Nachtlied" zu dichten:

"Über allen Gipfeln ist Ruh...'", Sie wissen schon, und wir schweifen ab.

Daher zurück zu Lagerfeld, der als Modeschöpfer zuletzt deutlich exzentrischer war als die Kunden seiner Mode, und das war sein Erfolgsrezept. Jaja, er hat den verblichenen Glanz der feinen Marken Chanel und Chloé aufpoliert. Doch er zeichnete und entwarf halt auch für Steilmann und H&M, man kauft Parfüm mit seinem Namen in der Drogerie, wo es ein paar Meter weiter Putzmittel gegen verkalkte Toiletten gibt. "Mode ist erst Mode, wenn sie auf die Straße geht", hat Lagerfeld einmal gesagt.

Die Profanisierung des gehobenen Geschmacks

Und das ist ein guter Satz, der das ganze Modegetue blamiert. Die Chi-Chi-Meister mit ihrem überdrehten Pret-a-Porter-Geraffel dürften die Nase gerümpft haben über die Profanisierung des gehobenen Geschmacks. Luxus ist ja oft keine Frage des Nutzens oder der Lebenserleichterung, sondern der Abgrenzung und der Attitüde.
 Der Kickelhahn bei Ilmenau: Goethes Gipfel.
© Gerth
Der Kickelhahn bei Ilmenau: Goethes Gipfel.
Diese Woche ist Lagerfeld nun gestorben, damit ist nicht nur der letzte große Popstar der Modewelt von uns gegangen, Lagerfeld war auch ein Popstar der Konsumwelt. Der Sohn eines norddeutschen Kondensmilchfabrikanten war am Ende als Modegott irgendwie größer als sein Werk (wie üblich bei Göttern), er war eine weißhaarige Kunstfigur mit Handschuhen, die Autofahrer in den fünfziger Jahren trugen.

Mit diesem immer artifizieller wirkenden Mann wuchs unsereins auf, er gehörte zum globalen Unterhaltungskonsum-Inventar. Es ist ein bisschen so wie damals, als Freddie Mercury starb, auch so eine überlebensgroße Kunstfigur. Nur nicht ganz so artifiziell.

Es geht normal weiter. Mit Insolvenzen.

Wie geht es jetzt weiter? Wie üblich: Es geht ganz normal weiter. Der Modemassenmarkt funktioniert in einem Tempo, das gefühlt monatlich höher wird. Über diesen Winter werden wieder alle jammern, dass erst dann die Temperaturen jahreszeitgemäß waren, als rabattiert wurde. Und dann wird bald wieder der Sommer zu heiß sein, und der Herbst auch, und dann ist der Winter wieder zu warm. Am Ende des Jahres stehen wieder drei, vier, fünf Insolvenzen großer Händler. 
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Dazu passt schonmal die Ankündigung des Bielefelder Hemden- und Blusenschneiders Seidensticker, in diesem Jahr vier der 35 Läden schließen zu wollen. 

Das Mietauto im Modehaus

Vielleicht wird die Modebranche ja von Leuten wie Christian Greiner gerettet, dem neuen Chef von Wöhrl. Dem Modehändler aus Nürnberg ging es ja auch lausig. Vielleicht begann der Abstieg damit, dass man 2010 mal was wagen und ein bisschen moderner sein wollte. Man holte einen Familienfremden an die Spitze des Unternehmens. Doch bei Marcus Kossendey von Peek&Cloppenburg hätten sie in Nürnberg früh wissen sollen, dass das nichts werden kann. Denn Männer mit gegelten Haaren sind immer speziell. 
Lagerfeld-Parfüm: Duft für die Massen
© Gerth/Klein
Lagerfeld-Parfüm: Duft für die Massen
Jedenfalls soll der Reserveoffizier dermaßen schneidig durchs fränkische Modeimperium marschiert sein, dass die Familie verschreckt nur ein Jahr später diese Sache beendete und den lieben Olivier von seinem Job als Maschinenbau-Ingenieur beim Automobilzulieferer Mahle zurück nach Nürnberg verschob. Blut ist halt dicker als Benzin (mieser Wortwitz). Jetzt macht's der Greiner, Oliviers Cousin, und der führt Sixt-Schalter im Modehaus ein. 

Kinderkriegen bei dm

Das ist Cross-Selling der anderen Art. Aber möglicherweise ist so etwas wegweisend. Über Paketschalter im Einkaufszentrum haben wir ja vorige Woche berichtet. Weiter so. Denn die stationären Flächen braucht ja keiner mehr in dieser Größe - und was zu viel ist, wird anderweitig bespielt: Wenn dm-Drogeriemarkt online Hebammenberatung anbietet, dann kann man ja auch in den Filialen Kreißsäle einrichten. Gut, eine Fachkraft, die für die Vollendung sorgt, wäre dann auch nicht schlecht. Aber beim Kassenpersonal ist bestimmt immer jemand dabei, den man per Weiterbildung auf erweiterte Aufgaben vorbereiten kann. 
© etailment
 Der Daseinszweck des stationären Handels schwindet halt täglich, die meisten Menschen brauchen ja auch faktisch keine Bank mehr mit Leuten am Schalter, die einem vom Sparbuch ein paar Euro abheben. Seine Aktien- und Überweisungsgeschäfte erledigt man online, sein Bargeld holt man sich bei dm. Zusammen mit dem Lagerfeld-Parfum.

Wenn Stefan Genth einen Brief schreibt

Also haute Stefan Genth diese Woche in die Tasten und verschickte einen "Brandbrief", wie immer alle schreiben, ohne zu wissen was dieser Begriff bedeutet. In "Meyers Enzyklopädie von 1888" steht der Brandbrief für ein Schriftstück, mit dem dem Empfänger mit Brandstiftung gedroht wurde.

Ob der HDE-Hauptgeschäftsführer das Haus des Briefadressaten Horst Seehofer, dem Minister des Inneren und von Bau und Heimat anstecken will, muss noch geklärt werden. Jedenfalls donnerte Genth, dass die Politik nicht länger zusehen dürfe, wie die deutschen Innenstädte erodierten, wegen Leerständen und so. "Es müssen Sofort-Maßnahmen ergriffen werden." Dabei geht es darum, einen guten Funktions- und Branchenmix zu fördern. Für eine funktionierende Innenstadt muss die Mischung zwischen Handel, Gastronomie aber auch dem produzierenden Gewerbe stimmen, schreibt der HDE-Lobbist.

Kunst wird zur Bedürfnisbefriedigung

Genth sollte aber auch in einem zweiten Brief seinen vielen Händlern ein paar strenge Zeilen schreiben, warum sie nicht einmal in der Lage sind, sich in einem Quartier auf einheitliche Öffnungszeiten zu einigen. Es sind halt neue Zeiten angebrochen, mit denen viele aus der alten Zeit immer noch fremdeln. Wenn man so will, war ja Karl Lagerfeld auch aus der alten Zeit. Ein Solitär, einer, der seinen Geschmack der Menschheit aufdrückte. 

Heute ermitteln Algorithmen und Künstliche Intelligenz die Geschmäcker schneller als jeder Trendscout. Kunst entsteht so nicht mehr, sondern nur noch Bedürfnisbefriedigung. Man würde ja gerne wissen, was Karl Lagerfeld und Freddie Mercury dazu sagen würden. 

Und Goethe natürlich, der sowieso.

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