Werber, aufgepasst: Gut gemeint ist oft nicht gut gemacht - wenn die Idee geklaut wirkt. Aktuell fühlt sich der Cartoonist Martin Perscheid (bekannt als "Perscheids Abgründe") von Lidl bestohlen. Bisschen blöd für den Discounter in einer Woche, in der ihm beim Handelskongress 2019 viel Ehre zuteil wurde. Ob Ideendiebstahl Trend ist, ist noch unklar. Welche Trends wirklich auf den Handel zukommen, sagen sechs Fachleute, die es wissen müssen im Video.

Welche Facetten das Zeitgeistthema Digitalisierung haben kann, beweist in dieser Woche Martin Perscheid. Der Karikaturist (Perscheids Abgründe) nutzt seine Facebookseite, um Lidl ordentlich zu blamieren. Denn der Discounter wirbt aktuell für Fischstäbchen mit einem lustigen Motiv, das verblüffend an einen älteren Cartoon von Perscheid erinnert. Es ist sogar, strenggenommen, eine Kopie. Ob aus Versehen oder dreist geklaut, weiß man nicht. Perscheids digitale Fangemeinde haut sich auf die Schenkel vor Lachen, der Künstler hingegen dürfte ziemlich grummeln. Lidl ist zu raten, hier eine einvernehmliche Lösung anzustreben. 

Trends im Handel 2020

Erst recht in einer Woche, in der der Discounter gefeiert wurde wie lange nicht mehr. Als beim Handelskongress am Mittwochabend in Berlin die traditionellen Handelspreise vergeben wurden, gabs gleich Trophäen-Berlinerbären für Lidl: Einmal in der Kategorie "Großunternehmen", zudem wurde Robert Götting das neue "Gesicht des Handels" - der junge Mann leitet mit erst 22 Jahren eine Filiale in Röbel an der Müritz.

Wer der Laudatorin Ulrike Detmers (Gesellschafterin bei der Großbäckerei Mestemacher) bei ihrer Hymne auf den Discounter zugehört hat, beschlich zuweilen das Gefühl, hier wird über eine weltrettende Institution geredet, die ganz nebenbei Milliarden Euro verdient.

Nun ist eine Laudatio fast immer ein Lobgesang voller Crescendi von Weggefährten, erst recht auf einer Branchenveranstaltung. Aber dass der Verdi-Gewerkschafter Andreas Hamann 2004 mit seinem "Schwarzbuch" eklatante Defizite bei der Mitarbeiterführung des Unternehmens öffentlich machte, woraufhin das Unternehmen sich rigoros verändern musste, hätte man schon auch mal sagen können. Denn Lidl hat ja dazugelernt, und das kann man ruhig unter dem Begriff "Innovation" verbuchen, den Detmers verwendete. 
Links echt, rechts nachgemacht: Perscheids Karikatur versus Lidl-Werbung.
© Screenshot-Facebookseite / etailment
Links echt, rechts nachgemacht: Perscheids Karikatur versus Lidl-Werbung.
Tja, die Innovation. Damit tun sich viele Händler schwer, die deutlich unterhalb der Kategorie "Großunternehmen" agieren. "Die kleinen Händler können mit der Digitalisierung nicht mehr mithalten", sagte Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbands Deutschland auf dem Handelskongress. Wenn er dann auch noch davon sprach, dass zwei Drittel der Unternehmen mit dem Thema Internet fremdeln, dann ist das alarmierend für die Branche. Denn wir haben bald das Jahr 2020, und dieses weltweite Web darf jetzt nicht mehr das "Neuland" sein, das es für Kanzlerin Angela Merkel im Jahr 2013 noch war.
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Die zwei Drittel der digitalen Planlosen sollten sich vielleicht bei dem einen Drittel der Webtauglichen erkundigen, wie sie das hinbekommen. Wenn etwa die Vielspartenverbundgruppe EK/Servicegroup für ihre 2.000 Händler eine Software namens Eres entwickelt, mit der man Zugang zum eigenen Webshop bekommt, den EK-Marktplätzen, aber auch zu Ebay, Amazon oder Zalando, um perfekt Onlinehandel betreiben zu können - aber nur ein verschwindend kleiner Kreis nutzt das Angebot, dann muss man sich fragen: Entweder taugt die Software nichts - oder deren Verweigerer sind einfach den modernen Zeiten nicht gewachsen und wollen lieber "über das Internet" meckern, anstatt deren Möglichkeiten zu nutzen.

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Von Franz-Josef Strauß lernen

Sanktjohanser sprach davon, dass den meisten Kleinen "das Know how" fehlen würde. Gut, das Know how klopft halt nicht an die Ladentür und bittet um Einlass, man muss sich schon darum kümmern. So, wie man sich um die generelle Ausrichtung seines Ladens kümmern muss. Und hier hat in Berlin der europäische GfK-Chef Michael Müller eine mitterweile nicht ganz so neue Weisheit wiederholt: "Wer ein Händler für alle sein will, wird austauschbar." Profilierung ist wichtiger denn je. Das wusste sogar schon Franz-Josef Strauß, als er sagte: "Everybody's Darling is everybodys Depp." 
Steffen Gerth ist Redakteur bei Etailment und Der Handel
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Steffen Gerth ist Redakteur bei Etailment und Der Handel
Und so war ja die zwar schon lange verstorbene, aber ewige Überfigur der CSU: Mögen musste man Strauß nicht, aber man wusste, woran man bei ihm war. Die GfK hat in einer Studie 12 Konsumtrends aufgelistet, von dem einer mittlerweile ebenfalls längst bekannt ist, weswegen ihn man trotzdem immer wiederholen muss: "Erlebnis ist wichtiger als Besitz." Einer Gesellschaft, in der die meisten alles haben, von zig Pullovern über tischtennisplattengroße Fernseher bis zu Geländewagen, mit denen sie dann zu Lidl fahren, muss ein Händler anders begegnen als mit dem plumpen: Kauf mich! 
© etailment
Wenn die GfK 12 Trends erforscht hat, dann wollte Etailment auf den Handelskongress von den Teilnehmern wissen, was sie für den wichtigsten Handelstrend im Jahr 2020 halten. Das Ergebnis: Sechs Experten, von Douglas-Chefin Tina Müller bis Bonprix-Geschäftsführer Daniel Füchtenschnieder - sechs unterschiedliche Meinungen. Schauen Sie selbst. Unser Video: "Trends im Handel 2020".

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