Zehn Jahre ist die Arcandor-Pleite nun her, und die Symbolfigur dieses Niedergangs ist der frühere Boss des Konzerns: Thomas Middelhoff. Als geläuterter Absteiger zieht er durch die Lande und schreibt Buch um Buch, wie zur Selbstreinigung. Von anderen Absteigern und Verlierern aus der Handelsbranche darf man das eher nicht erwarten. 

Ab August gibt es wieder etwas zu Lesen von Thomas Middelhoff. "Schuldig: Vom Scheitern und Wiederauferstehen", heißt sein neues Buch, das im christlichen Adeo-Verlag erscheinen wird, was Sinn ergibt, denn Middelhoff sagt ja: "Ich danke Gott, dass er mich ins Gefängnis geführt hat." 

Man kann sicherlich Gott für vielerlei Dinge danken, wenn man so etwas für nötig hält, aber drei Jahre Knast als Glück zu empfinden, muss besonderen Umständen geschuldet sein. Middelhoff betreibt eben seit Jahren seine große öffentliche Läuterung. Das Gefängnis habe aus ihm, dem einstigen Mega-Manager von Bertelsmann und dem früheren Karstadt-Quelle-Mutterkonzern Arcandor, einen anderen Menschen gemacht. "Ich war alles, aber nie ein demütiger Mensch", sagte er einmal über sich. Geld, Macht und Erfolg war der Dreiklang seines Lebens, das nach der Arcandor-Pleite vor genau 10 Jahren einen ungünstigen Verlauf nahm.

Im Gespräch sein ist gut für den Buchverkauf

Macht und Erfolg sind definitiv weg, ob sich das auch mit seinem Geld so verhält, wie er nach seiner Privatinsolvenz versicherte, beschäftigt seit geraumer Zeit unter anderem die Bielefelder Staatsanwaltschaft. Erst einmal freut sich der Adeo-Verlag, dass Middelhoff wieder mal im Gespräch ist, weil das für den Absatz eines Buches wie "Schuldig" immer gut ist, egal, welchen Sound so ein Gespräch hat.
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth, Redakteur bei Der Handel und Etailment
Wahrscheinlich wird sich Middelhofs neuerliches Werk nach "Der Sturz" besser verkaufen als das von Modegestalter Harald Glöökler, der aussieht, als trage er alle Klamotten, die ein Theaterfundus hergibt, der eigentlich nur Glöckler heißt und sich bei Autogrammstunden zwischendurch die Hände mit Sagrotan desinfiziert.

Middelhoff kann mehr als Glöökler

Was Middelhoff noch von Glöökler unterscheidet: Er kann schreiben. Die Adeo-Lektoren loben jedenfalls seine Manuskripte, die er eigenhändig verfasst und nicht ein Ghostwirter. Möglicherweise gilt das auch für die Kollegen aus dem Lektorat des Langen-Müller-Verlages, wo Middelhoff eigentlich demnächst einen Krimi veröffentlichen wollte. Dieses Werk kommt nun erst September 2022 heraus. Wie sich dieser ungewöhnlich späte Termin mit den Recherchen über seine finanzielle Disposition verhält, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden.
Was auch nicht beantwortet werden kann: Wie ernst es Middelhoff meint mit seiner Läuterung und Kalendersprüchen wie "Glück kann man sich nicht kaufen". In der Trostlosigkeit des Knastalltags finden ja erstaunlich viele zu Gott, ob Massenmörder oder auch weniger schwere Jungs und Mädchen. Damit kann man sich ganz gut gesellschaftliche Reputation zurückholen, zum Glauben finden ist wie ein Ablasshandel - und nicht zuletzt für jede Talkshow gehören solche Geschichten zum Fundament. 

Absturz in den muffigen Keller

Mal sehen, ob sie irgendwann auch von Meike und Lars Schlecker erzählt werden. Für beide werden derzeit im Gefängnis die Betten gemacht, wo genau, ist noch nicht bekannt. Aber es ist selbstverständlich ein schöner Schabernack des Weltgeistes, dass Meike Schlecker möglicherweise ihre Strafe in Gotteszell absitzen muss. Das ist ein ehemaliges Dominikanerkloster in Schwäbisch-Gmünd - wenn man nicht dort zum Glauben finden kann, wo dann?

Die Schlecker-Kinder wurden jeweils zu etwas mehr als zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, auch das ist ein Sturz von der Sonnenseite des Lebens in den muffigen Keller. Jeder Strafgefangene muss arbeiten, und in Gotteszell steht hierzu in der Gefängnisordnung: "Leistungslohn wird in der Form des Zeitakkordes berechnet. Eine Festsetzung der Leistungsanforderung erfolgt durch Festsetzung von Vorgabezeiten."

So freudlos wie in einer Schlecker-Filiale

Das klingt so freudlos wie ein Job in einer der früheren Schlecker-Drogerien, in denen die berühmten 27.000 Schleckerfrauen gearbeitet haben, und die nach dem Zusammenbruch dieses Imperiums heute von Gründer Anton Schlecker immer noch auf eines warten: auf eine Entschuldigung für dieses Desaster.
Meike und Lars Schlecker: Demnächst im Gefängnis.
© Schlecker
Meike und Lars Schlecker: Demnächst im Gefängnis.
Nicht, dass damit irgendjemandem praktisch geholfen wäre, aber dem Seelenheil dieser Frauen täte ein versöhnliches Wort gut nach alldem Getrickse und Geschacher und dem legendären Quatschsatz "Es ist nichts mehr da", den die gute Meike damals ungeschminkt und mit der Leidensmiene einer geschundenen Frau auf der grandios inszenierten Pressekonferenz in die Mikrofone stieß. 

Verarbeiten durch vermarkten

Eines muss man ja Thomas Middelhoff schon lassen: Er zieht sich das Büßerhemd an, arbeitet mit Behinderten, gibt öffentlich zu, dass er es geil fand der geilste Manager Deutschlands zu sein, quasi der Gott der Manager.
Er gibt zu, dass er Mist gebaut und Schuld auf sich geladen hat. Er, nicht Anwälte, nicht Berater, nicht Vorstandskollegen.
Gut, das alles vermarktet er ordentlich. Aber es ist eine gängige Methode, Schicksalschläge zu verarbeiten, in dem man sie vermarktet. Da ist Middelhoff in bester Gesellschaft.
Von der Familie Schlecker darf man so ein Programm erst einmal nicht erwarten. Meike soll ja in London, wo sie wohnt, noch schnell ihren vorübergehenden Abschied von der Freiheit in teuren Clubs gefeiert haben, klar, die nächste Zeit wird ungemütlich in Gotteszell, oder wo auch immer. Aber sie wird noch ungemütlicher, wenn die Familie nicht eine öffentliche Demutshaltung einnimmt.

Mit der Kraft der Symbolik

Wobei es hier vor allem auf Vater Anton ankommt, weniger auf dessen Kinder. Die Gesellschaft verzeiht ja schon denen, die Mist gebaut haben - aber dafür reicht eine Haftstrafe nicht. Es braucht eine aufrichtige Form des Bedauerns, der Empathie und des Eingeständnisses, für irgendetwas die Verantwortung zu übernehmen. Mit der Kraft der Symbolik lässt sich immer noch viel ausrichten. 
© etailment
Ob das einer wie Anton Schlecker versteht? Ob das einer wie Gerhard Weber versteht, einer, der es mit seinen Textilläden zum Titel "Unternehmer des Jahres 2012" brachte, jetzt vor einem Trümmerhaufen steht. Dass nach und nach 146 Läden seines Textilunternehmens Gerry Weber geschlossen werden sollen, ist das eine.

Erst im Größenwahn, dann wird getrickst

Das andere ist ein angeblicher Geheimplan, von dem das Magazin "Bilanz" berichtet. Demnach wollen Gerhard und sein Sohn Stefan Weber einen stattlichen Teil des Unternehmens aus der Insolvenz herauskaufen, "indem sie die Schulden des Unternehmens einschließlich Hunderter Mitarbeiter hinter sich lassen", wie es in dem Bericht heißt. "Bilanz" beruft sich dabei auf eine ihr vorliegende "Konzeptpräsentation Gerry Weber", in der unter anderem steht: "Die Familie Weber strebt durch die Transaktion aus der Insolvenz die selektive Übernahme der proftablen Unternehmensstrukturen an." Die Webers schweigen.

Die Wirtschaftsgeschichte ist jedenfalls reichlich "gesegnet" mit Unternehmern und Managern, die sich erst aufpumpen, dann vor lauter Größenwahn die Orientierung verlieren, scheitern - und schließlich alles so hindeichseln wollen, dass man nicht leer ausgeht. Doch die Historie zeigt auch: (Fast) jedes Geschacher kommt heraus, und dann ist der Absturz brutal und die öffentliche Häme fühlt sich an, als stünde man nackt in einem Hagelschauer.

Die Gesellschaft vergibt den Gescheiterten, aber sie verachtet die Trickser und Schummler. Für Gott gilt das möglicherweise auch.

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