Deutschland ist in weiten Teilen ein digitales Entwicklungsland. Als wäre das nicht schon Schande genug, wird rund um die Digitalisierung auch noch munter geschwindelt. Gleich vier neue digitale Lügen hat Handelsexperte Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb Research Centers der Hochschule Niederrhein, identifiziert. Er dokumentiert sie in einem Gastbeitrag für etailment. Ein Dokument der Entrüstung.

Mittlerweile ist allen klar, dass Deutschland ein digitales Entwicklungsland ist und gewaltig aufholen muss. Auch steht nicht mehr zur Diskussion, dass dazu dringend die digitale Netzinfrastruktur ausgebaut werden muss. Während bisher das wohl größte Problem hierzulande darin bestand, dass Politik und KIT-Verbände die Situation schönredeten, ist es spätestens seit der Aussage unseres  Bundeswirtschaftsministers, dass ihm das deutsche Mobilfunknetz peinlich sei, mit dieser digitalen Lüge vorbei.

Eigene Verantwortung für die Situation weist Altmaier jedoch von sich, obwohl er von 17. Dezember 2013 bis zu seiner Ernennung zum Wirtschaftsminister am 14. März 2018 immerhin Bundesminister für besondere Aufgaben und immerhin Chef des Bundeskanzleramtes war. Offensichtlich geht es zunächst um Schuldzuweisungen, so wie es derzeit eigentlich alle Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien sowie auch sämtliche Vertreter der Bundesländer tun. Und auch hochrangige Branchenvertreter sowie Verbandsvertreter, die offensichtlich schon einknicken so wie jüngst der Bitkom-Präsident Achim Berg, als er die 5G-Flächendeckung als zu teuer darstellte.

"Die wohl letzte große Chance einer digitalen Aufholjagd."

Wie aber kommen wir jetzt bei dem Thema weiter, um nicht die wohl letzte große Chance einer digitalen Aufholjagd in Deutschland zu nutzen und bei den Zukunftsnetzen im OECD-Ranking vom fünftletzten endgültig auf den letzten Platz abzurutschen. Denn in der Mobilfunk- und Glasfaserverbreitung sieht die Situation mittlerweile mehr als dramatisch aus. So kommt Deutschland bei den Glasfasernetzen mit gerade einmal 2,3 Prozent Penetration nur auf den 29. von 34 Plätzen.

Wichtig erscheint jetzt vor allem, nicht mit neuen Lügen zu beginnen, wie sich derzeit schon abzeichnet:

Neue Digital-Lüge 1: Wir benötigen kein Glasfasernetz – 5G reicht aus

Antennen und Masten eines jeden Mobilfunknetzes und dabei auch bei 5G sind immer die Enden eines dafür benötigten Kabelnetzes. Dass Kupferleitungen sich überlebt haben, ist mittlerweile auch der Telekom klar, auch wenn sie diese als Breitbandnetze definiert. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, denn mit dem „Zauberwort“ Vectoring wird lediglich die über Kupferkabel bezogene Internetverbindung durch den Ausgleich störender Strömungen optimiert.

Derartige Internetanschlüsse lassen allerdings selbst unter idealen Bedingungen nicht mehr als 50 MB pro Sekunden erwarten. Da die Kabel bis zum nächsten Verteiler aber durchweg länger sind, als im Idealzustand, dürften es in der Realität sogar nur maximal 20 MB pro Sekunde sein.
Besser als gar nichts, allerdings nur ein Aufmotzen einer Vergangenheitslösung. Immerhin verspricht der 5G-Standard mehr Durchsatz, Kapazität und zugleich sinkende Betriebskosten. Darüber hinaus soll die direkte Anbindung der Mobilfunkstationen an das Glasfasernetz bei der 5. Mobilfunkgeneration weiter an Bedeutung gewinnen. 

"Nur ein Aufmotzen einer Vergangenheitslösung."

Problem ist nur, dass wir mit nur 2,3 Prozent Penetrationsrate eigentlich so gut wie kein Glasfasernetz haben und trotz aller Neuerungen bzw. Bekundungen die bereits bestehenden Mobilfunkstandorte das Grundgerüst für das 5G-Netz bilden werden.

Neue Digital-Lüge 2: Der Netzausbau ist zu teuer und muss über die Versteigerungserlöse finanziert werden.

Angeblich sind bis zu 750.000 Antennen und 9.000 zusätzliche Mobilfunkstandorte erforderlich, um 5G flächendeckend umzusetzen. Dabei werden Ausbaukosten zwischen 60 und 130 Milliarden Euro kolportiert, die der Staat nicht aufbringen könne.

Deswegen müsse die Netzagentur die 5G-Frequenzen versteigern, um mit den Einnahmen den Netzausbau zu ermöglichen und die Netzbetreiber über Auflagen zur flächendeckenden Versorgung zu zwingen.

Der Reihe nach: Sollte der Ausbau den Staat wirklich 130 Milliarden kosten, wären die Summe im Vergleich zu der für die systemrelevante Bankenrettung in 2009 gezahlten Beträge Peanuts. Die Rettung des Digitalstandortes Deutschland ist allerdings mindestens genauso systemrelevant wie damals die Rettung der Banken. Als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und größter Wirtschaftsstandort der EU wären selbst 150 Milliarden Euro locker verkraftbar, zumal die Bundesrepublik mit der  vergleichsweise geringsten Verschuldungsquote noch genug Finanzierungspotenzial hat.
Zudem sollten Mobilfunkbetreiber auch wirtschaftlich arbeiten können, so dass ein völliges Abwälzen des Netzausbaus auf Privatunternehmen eher kontraproduktiv wäre. Es gibt Berechnungen, wonach mit 2/3 Flächendeckung in Deutschland rund 85 Prozent aller Haushalte erreicht wird und diese zudem aus Betreibersicht wirtschaftlich darstellbar wäre.

Für das restliche Drittel müssten rund 14 Milliarden aufgewendet werden, was für den Staat nun wirklich verkraftbar wäre. Dennoch: Wir sprechen bei diesen Beträgen bisher ausschließlich über den 5G-Standard. Das Glasfasernetz müsste zusätzlich kommen und sollte einer verantwortungsbewussten Politik jeden Preis wert sein.

Neue Digital-Lüge 3: Das 5G-Netz kommt schnell und sichert den Digitalstandort

Immerhin hat das Kabinett einen aus zehn Digitalexperten bestehenden Digitalrat der Bundesregierung eingesetzt. Dieser soll offiziell der ganzen Bundesregierung zur Verfügung stehen. Wozu eigentlich? Dass wir Glasfaser brauchen, ist eigentlich klar.

Dass 5G schnell kommen muss, ebenfalls. Allerdings wird der Digitalrat nicht zaubern können und mit der geballten Expertise wissen müssen, dass nicht nur andere Industriestaaten deutlich weiter sind. Während Südkorea 5G-Netze bereits bei den Olympischen Spielen nutzte, wird sich der 5G-Ausbau in Deutschland noch über Jahre hinziehen.

Dabei gelten die Nutzungsrechte aus den zu versteigernden Frequenzen überwiegend erst ab 2021. Darüber hinaus gibt es bisher kaum Endgeräte dafür, so dass – ähnlich wie bei Dieselverbotsdrama – der Endnutzer zum Kauf neuer Geräte genötigt wird. Bis Anfang 2023 verlangt die Netzagentur eine flächendeckende Versorgung aller Haushalte, aller Bundesautobahnen, aller wichtigen Bundesstraßen  sowie der wichtigsten Schienenwege (heißt wahrscheinlich nur ICE).

Bis 2024 können die Betreiber das Netz auf alle übrigen Bundesstraßen ausweiten. Auflage ist allerdings 100 MB Übertragungsrate, die alleine schon im Kupferkabelnetz nicht umsetzbar ist. Der Digitalbeirat dürfte bestätigen, dass diese Netzgeschwindigkeit für die digitalen Zukunftsthemen – also autonomes Fahren, virtuelle Realität sowie Industrie 4.0 –  bei weitem nicht ausreichen wird. Und es sei noch einmal eindringlich darauf hingewiesen: Ohne Glasfasernetz wird es nicht gehen, vor allem für 5G nicht.

Neue Digital-Lüge 4: Die Politik nimmt das Digitalthema ernst und handelt

Trotz Vectoring, Digitalbeirat und durchaus richtigen digitalen Visionen: Es wird noch viel schlimmer kommen! Die digitale Situation in Deutschland wird sich bis zum Ausbau von 5G – also bis 2023 – nicht wesentlich verbessern, sondern eher noch erheblich verschlechtern.

So hat die mobile Internetnutzung in den letzten Jahren stark zugenommen und wird dies auch in den nächsten Jahren tun. Bisher ist jedes Jahr die übertragene Datenmenge um mehr als 50 Prozent gewachsen. So sicher wie das Amen in der Kirche wird die Nutzung auch zukünftig im selben Ausmaß weiter zunehmen.

Dabei hat nicht nur die durchschnittliche Nutzungs-Dauer der mobilen Internetnutzung in Deutschland im internationalen Vergleich noch reichlich Luft nach oben, sondern auch die Art der Nutzung. Insbesondere der Trend zu hochauflösenden Videos (4K und 8K) erfordert immer höhere Datenraten und Kapazitäten im mobilen Netz.
Die dabei zu erwartende höhere Datenmenge wird das bestehende Netz in den nächsten Jahren erheblich überlasten bis hin zu Totalzusammenbrüchen. Was den Ausbau sicherlich erheblich behindert und kein Tabu sein darf, sind auch die enormen Bauauflagen in Deutschland.

"Schon was die digitale Agenda sagte, war schlicht und ergreifend hohles Geschwätz!"

Diese betreffen nicht nur die Art und Anzahl der Kabelrohre und -anschlüsse für Gebäude und Privathäuser, sondern auch das Verbot oberirdischer Leitungen oder nicht tiefgelegter unterirdischer Leitungen. Alleine die übertriebenen die Bau- und Verlege-Auflagen verteuern im internationalen Vergleich den deutschen Netzausbau um ein Mehrfaches. Eine entsprechende Gesetzesänderung sollte schnell möglich sein, wenn sie denn auch wirklich gewollt ist.

Fazit: Es ist nicht mehr zu ertragen, dass Politik und Interessengruppen wieder anfangen, digital zu lügen. Schon was die digitale Agenda dazu sagte, war schlicht und ergreifend hohles Geschwätz! Und auch der Digitalbeirat dürfte bei der Gemengelage wohl auch eher nur ein digitaler Papiertiger sein! Schließlich warnte Frau Merkel schon seit 2013, dass Deutschland den Anschluss verpasse und die Digitalisierung in allen Lebensbereichen wichtig für den Erhalt des Industriestandortes Deutschland sei.
Alles Worte statt Taten, denn Deutschland hat sich seitdem deutlich verschlechtert und rangiert heute im internationalen Vergleich allenfalls im Mittelfeld. Wir kommen nach aktuellen Studien nur auf Platz 18 von 63 Staaten. Das heißt: Sowohl bei digitalen Technologien als auch bei der digitalen Ausrichtung von Geschäftsmodellen und staatlichen Institutionen ist dieses unser Land das Gegenteil von exzellent. Was soll der Digitalbeirat dazu noch sagen?

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