Ikea ist anders. Darauf hat das „unmögliche Möbelhaus“ schon immer bestanden. Daran haben sich die Schweden auch beim Thema E-Commerce gehalten. Während andere Möbelhäuser mit ihren Angeboten ins Netz strömen, der Anteil online-vertriebener Möbel in den letzten Jahren massiv steigt, zögerte Ikea lange. Nun startet Ikea in den USA auf Amazon. Ein digitaler Aufbruch?

Ja, Pressspan ist schwer, ein Ikea Bücherregal bringt es locker auf 35 Kilogramm. Wer vor seinem Kofferraum steht und dieses Paket  – und vermutlich ein paar weitere – hineinwuchten muss, steigert die Angabe locker um gefühlte fünf Kilogramm. Einem Paketzusteller geht es nicht anders. Kurz: Möbel, auch wenn sie handlich verpackt sind, bleiben schwer. Das ist logistisch ein Kostenfaktor. Doch was passiert, wenn Malm oder Billy wieder eingepackt und zum Umtausch zurückgeschickt werden müsste? Man versteht, dass die Schweden mit dem hemdsärmeligen Image bei solch kniffligen Aufgaben nicht sofort eine Lösung parat haben, die sich womöglich worldwide ausrollen lässt. Könnte ein Grund sein, warum sich die Gelb-Blauen beim digitalen Handel noch eher im Hintergrund halten. Doch ganz ohne Onlinestrategie geht es in diesen Zeiten nicht, sonst zeigen andere, wie’s geht.

Steigende Lieferkosten mit steigendem Auftragswert

Andere Möbler trauen sich vermehrt ins Netz. Ikea auch, kann man einwenden. Wer unter Ikea.com/de schaut, kann Wohnaccessoires von der Serviette über Lampen bis zu Regalen online ordern. Allerdings gegen Lieferkosten, die sich – anders als im Versandhandel meist üblich – mit steigendem Auftragswert auf bis zu 149 Euro hochschaukeln.
Service auf Schwedisch: Steigende Lieferkosten
© Foto: Ikea Deutschland Homepage
Service auf Schwedisch: Steigende Lieferkosten

Alternative? Amazon!

Wer das umgehen will, und sich ein Ikea-Regal  oder Teelichter innerhalb Deutschlands kostenlos zustellen lassen möchte – ja, der schaut einfach mal bei Amazon vorbei. Das Stichwort Ikea liefert über 26.000 Treffer. Alle Produkte werden nicht von Ikea geliefert.

Warum überlässt Ikea in Deutschland das Geschäft über eine Plattform wie Amazon Drittanbietern? Man weiß es nicht. Ikea Deutschland, das mit rund 233 Millionen Euro im E-Commerce bei einem Umsatz von rund 4,8 Milliarden Euro hierzulande eher Kleingeld umsetzt, hat auf diese Frage lediglich schmallippig bestätigt: „Die Ikea Produkte, die zur Zeit bei Amazon und weiteren Anbietern verkauft werden, werden nicht von IKEA angeboten.“

Kann ja noch werden. Infografik: Wenig Begeisterung für Möbel aus dem Netz? | Statista Denn in den USA, das stellenweise so dünn besiedelt ist, wie Schweden, hat Ikea jetzt einen Versuch gestartet, um Bettwäsche, Bilderrahmen oder Sammelkisten auch in entlegene Gemeinden des weiten Landes zu bringen wie Retaildive berichtet.

Ikea startet in den USA den Verkauf über Amazon

Als Partner wählte Ikea den Alleskönner Amazon, weil der die passende Logistik mitbringt. Noch ist Amazon nicht massiv gefordert, denn das Sortiment umfasst die logistisch harmlosen Kleinartikel. In den USA gelten für Amazon-Kunden deren Serviceleistungen, das heißt, in der Regel eine Lieferzeit von zwei Tagen und zumindest für Prime-Kunden eine versandkostenfreie Zustellung für nahezu alle Produkte.

Ist das die Blaupause für den deutschen Markt? „Wir von Ikea sind neugierig, lernen gern dazu und sind immer offen für neue Möglichkeiten, noch mehr Menschen zu erreichen. Darum möchte Inter Ikea Systems ein Pilotprojekt starten, in dem Ikea Produkte über andere Online-Plattformen als die eigenen verkauft werden. Welche Plattformen in dem Pilotprojekt getestet werden, wurde allerdings noch nicht entschieden“, so die Presseabteilung auf Nachfrage.

Gehört dazu: Das Köttbullar-Erlebnis
© Foto: IKEA Deutschland/André Grohe
Gehört dazu: Das Köttbullar-Erlebnis

Das spezielle Einkaufserlebnis

Das Hauptaugenmerk liege selbstverständlich weiterhin auf unseren bestehenden Verkaufskanälen wie unseren Einrichtungshäusern und Ikea.com, die ebenfalls großes Entwicklungspotenzial bieten. Vielleicht ist Ikea gar nicht erpicht darauf, dass man vom heimischen Sofa aus einkauft? Das oft beschriebene Köttbullar-Erlebnis oder Ikea-Frühstück zum Einstieg in die Tour blieben schon mal auf der Strecke – und es wird weniger eingekauft.

Denn auch die Ikea-Fangemeinde hat selbstironisch schon erkannt, dass sie zu Ikea fährt, um zum Beispiel den Vorrat an Teelichtern aufzustocken, falls ein Jahr lang der Strom ausfällt, ein Kilogramm Röstzwiebeln auf den Hotdog zu häufen, doch vor allem, um Möbel zu kaufen, die man nicht braucht. Diese Kunden sind der Traum eines Unternehmers: Ikea gelingt es, Menschen in Einkaufsstimmung zu bringen und als Kunden wieder auf die Autobahn zu schicken, in der Regel mit mehr Produkten, als geplant. Wie funktioniert dieses Konzept digital? Das bleibt eine Herausforderung.
Kampf der Entscheidung: Probeliegen per Augmented Reality? Noch funktioniert das nicht.
© Foto: IKEA Deutschland/André Grohe
Kampf der Entscheidung: Probeliegen per Augmented Reality? Noch funktioniert das nicht.

Digitales Einrichten per App

Ein Weg mag über Augmented Reality (AR) führen. AR soll dem Vorstellungsvermögen auf die Sprünge helfen. „Die Technologie macht Kaufentscheidungen zuhause einfacher“, ist die Hoffnung  von Michael Valdsgaard, Leiter der Digital Transformation bei Inter IKEA Systems.
In ausgewählten deutschen Häusern des Möbelherstellers können Kunden mit AR ihr persönliches virtuelles Wohnzimmer gestalten und die Produkte in einem 3D-Showroom interaktiv erleben.
Nur mit einem Wischen des Fingers könnten sich Verbraucher inspirieren lassen und verschiedene Produkte oder Farben in einem digitalen, aber real anmutenden Setting ausprobieren. Dafür hat Ikea im Juni eine Kooperation mit Apple verkündet. Im Herbst soll eine entsprechende App für iOS11 zur Verfügung stehen und extrem genaue Anischten bieten.

Versuche mit erweiterter Realität in App und Katalog unternimmt Ikea bereist seit 2013. Damals gab es erstmals eine Verknpüfung von Augmented Reality mit dem Katalog. Kunden können dabei eine Seite aus dem Katalog einscannen, den Katalog auf die gewünschte Stelle in der Wohnung legen, an der das Möbelstück aus dem Katalog platziert werden soll, und schon erscheint das Sofa an der entsprechenden Stelle auf dem Smartphone-Display.

Ikea-Katalog - Augmented Reality

Motto. „Scannen und mehr entdecken“. Der Katalog dient dabei als Krücke, um der Software eine maßstabsgerechte Orientierung zu ermöglichen.
Das Köttbullar-Erlebnis bleibt trotzdem außen vor. Wer auf die nicht verzichten, muss hoffen, dass Ikea bald mal sein digitales Regal an Lebensmitteln füllt.  Bis dahin kann man sich schon mal die passende Ikea-Soße schicken lassen - via Amazon.

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