Wer derart vom Wetter abhängig ist, wie die Intersport-Händler, der spürt jede kleinste Klimaverschiebung. Das zeigt die Minusbilanz für das Jahr 2018. Doch die Umsatzrückgänge nur auf ausbleibenden Schnee zu schieben, wäre falsch. Dafür hat die Verbundgruppe jetzt große Pläne. Und der Januar hat erstmal die Stimmung gehoben.

Man kann Alexander von Preen nicht vorwerfen, dass er schwer zugänglich sei. Im Gegenteil, er hat ein gewinnendes Wesen. Und vielleicht ist so eine Konzilianz für den Chef von Intersport eine wichtige Charaktereigenschaft, denn die Lage für den Sportartikelverbund ist nicht gut. 

Von Preen ist seit September 2018 CEO des Fünf-Länder-Verbundes mit mehr als 1.100 Mitgliedern und fast 1.900 Sportartikelgeschäften. Als er am Sonntag auf dem Podium sitzt, draußen der Neuschnee wirbelt und er drinnen gemeinsam mit seinem neu formatierten Vorstand die Bilanz für 2018 verkündet, wie immer auf der Internationalen Sportartikelmesse (Ispo) in München, da zeigen die Zahlen, was die Intersport-Führung vor sich hat: harte Arbeit.

Österreich schönt die Bilanz

Die gesamte Gruppe machte erstmals überhaupt ein Minus von 1 Prozent - 3,53 Milliarden Euro setzten die Händler in Deutschland, Österreich, Tschechien, Ungarn und der Slovakei um. Heftiger erwischte es dabei allerdings den überragend wichtigen deutschen Markt: Hier lag der Verkaufsumsatz bei 2,85 Milliarden Euro - das ist ein Minus von 3 Prozent. Hätte der österreichische Markt nicht um 8 Prozent auf 580 Millionen Euro zugelegt, dann wäre das Gesamtminus noch etwas größer ausgefallen.
Intersport-Chef von Preen: Freundlich in schwierigen Zeiten
© Intersport
Intersport-Chef von Preen: Freundlich in schwierigen Zeiten
Was hingegen noch fehlt sind die Zahlen der Regie-Betriebe der Voswinkel-Kette. Hier sieht es weiterhin sehr schlecht aus. Wie hoch das Minus für 2018 ausgefallen ist, konnte von Preen am Sonntag noch nicht sagen. Er beschrieb die Situation vielsagend als "herausfordernd" und kündigte Restrukturierungen an.

Erst kein Schnee, dann das WM-Aus

Gründe für die insgesamt rückläufige Intersport-Bilanz gibt es viele: Kein Schnee im Dezember 2017 ließen das wichtige Wintersportgeschäft im Januar 2018 einbrechen, der Outdoor-Markt verlor 3 Prozent Umsatz - und auch das Aus der deutschen Mannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaftin in Russland spürten die Intersport-Händler. Denn normalerweise ist allein der Absatz mit Trikots der Nationalelf ein nettes Zusatzgeschäft.

Aber diese exogenen Faktoren allein sind es nicht, und das weiß auch von Preen, wenn er sagt, dass 2018 "von allem ein bisschen was dabei war". Denn dass er jetzt an der Spitze von Intersport steht, ist eine Folge von jahrelangen Personalquerelen im Vorstand, für die von Preen nicht so ganz unschuldig ist, und die bei den Mitgliedern für Verunsicherung sorgten.

Knatsch im Vorstand

Denn schließlich hatte von Preen einst in seiner Eigenschaft als Mitarbeiter der Unternehmensberatung Kienbaum dem Verbund zu einer neuen Führungsstruktur geraten - was in der Folge zum Ende der bisherigen Doppelspitze Klaus Jost und Kim Roether führte. Jost fühlte sich degradiert und verließ das Unternehmen zerknirscht Ende 2014. Voriges Jahr ging dann wiederum der erfolglose Roether, weil der Aufsichtsrat seinen Vertrag nicht verlängern wollte.  Fast logisch blieb am Ende nur noch von Preen übrig, den mittlerweile undankbaren Job des Intersport-CEOs zu machen. Denn das Sportartikelgeschäft in Deutschland ist "herausfordernd", wie es der neue Chef formuliert, und das ist euphemistisch. Laut Intersport-Erhebungen steht der Gesamtmarkt für 17,3 Milliarden Euro, unter der Verbund reklamiert fast 12 Prozent Marktanteil. Damit ist man immer noch die Nummer 1 im stationären Land. 

Intersport will im Internet mitspielen...

Doch der Anteil sinkt halt, weil etwa Amazon und Zalando im Internet angreifen, die französischen Preiskämpfer von Decathlon auf der Fläche. Gut 48 Prozent des Marktes "sind frei zu vergeben", sagt von Preen, hier tummelt sich etwa die Industrie mit eigenen Verkaufsplattformen. Und von diesen 48 Prozent will Intersport sich ein paar Prozentpunkte ergattern.

Doch dafür braucht es auch ein starkes Onlinegeschäft, denn die Deutschen kaufen mittlerweile 42 Prozent ihrer Sportartikel im Internet, wie Intersport in einer Branchenuntersuchung festgestellt hat.

...und stationär die Nummer 1 bleiben

Das Ziel des Verbundes: 40 Prozent der Umsätze sollen ebenfalls im Netz erzielt werden, 60 Prozent in den Läden. "Und bei diesen 60 Prozent wollen wir die Nummer 1 in Deutschland bleiben", sagt von Preen - also die besten stationären Sportartikelhändler im Land, mit erstklassiger Ware und erstklassiger Beratung.

Vierzig Prozent Onlineumsatz als Ziel klingt allerdings mutig, bisher ist das eigene Internetgeschäft nicht gerade als Markt zersetzend bekannt. Aber gut, besser eine verwegene Vision als gar keine.

Die Pläne von einer mächtigen Sport-Plattform

Zu dieser Vision gehört auch, dass Intersport eine Plattform werden will. Weg von einer betulichen Verbundgruppe auf Großhandelsbasis, hin zu einer Händlerorganisation, hin zu einer übergreifenden Plattform für Händler und Kunden, auf der sich Sortiment und Dienstleistungen treffen. Ziel ist gar, mit Kooperationen und Partnerschaften die größte Sportplattform Europas zu werden. Wie das alles aussehen soll, ist noch unklar, aber das wird der Vorstand um von Preen detailliert spätestens im März gefragt werden, wenn sich am Intersport-Sitz in Heilbronn die Mitglieder treffen.

"Brand Builder" und Dachmarke

Dieses Treffen dürfte so interessant wie lange nicht mehr sein, denn die Geschäfte sind halt vielerorts rückläufig. Und dann müssen die Mitglieder sich (die hier Genossen sind) auch noch mit dem Gedanken anfreunden, dass Intersport "Brand Builder" werden soll mit einem verstärkten Serviceangebot für die Händler. Das ist auch ein Signal an die Industrie, das Intersport immer das beste Sortiment und die beste Erlebnisqualität bieten wolle. Also ein Spitzenumfeld für die Produkte - damit die Industrie auch das liefert, was man gerne bekommen möchte.

Und schließlich geht es auch darum, ein klares Profil als Dachmarke herauszuarbeiten. Doch daran werkelt Intersport seit langem, nicht zuletzt Roether konnte hier nichts reißen. Es ist ja auch schwer, die kunterbunte Genossenschafts-Welt mit unterschiedlichsten Händlern halbwegs zu vereinheitlichen.

Hurra, es schneit

Drei bis fünf Jahre gibt sich von Preen für dieses gewaltige Projekt Zeit. Angesichts der rasanten Veränderungen im Sportartikelmarkt erscheint so ein Veränderungstempo als viel zu langsam.

Aber es gibt auch Hoffnung, und das war der heftige Schneefall der letzten Wochen. Die Leute kauften sich Wintersportausrüstung, und wer nicht irgendwo eingeschneit war, hatte sogar daran Freude. Für Intersport war der Januar dieses Jahres daher ein Jubelmonat: die Umsätze stiegen um 13 Prozent.

Wetter gut, alles gut. Vorerst.

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