Nur noch 800 Quadratmeter Verkaufsfläche bleiben jetzt auch Galeria Karstadt Kaufhof - das sind Warenhäuschen. Seit diesem Dienstag ist nicht ganz ein Drittel der Filialen geöffnet. Es ist eine ungewohnte Einkaufsatmosphäre auf kleinem Raum, aber mit dem üblichen Sortiment. Geht das? Ja, die Kunden kommen. Aber sie müssen in einer Art Click&Collect-System einkaufen, das ohne außergewöhnliche Mitarbeiter nicht funktionieren würde.

Wer eine dieser berühmten Heldinnen des Alltags erleben will, stellt sich eine Weile ins Erdgeschoss von Karstadt und schaut dieser Frau bei der Arbeit zu. Diese Frau muss kommunizieren, improvisieren, und das im Minutentakt. Dauerstress mit dem wie am Ohr angewachsenen Mobiltelefon. Vielleicht kann man diesen Job mit dem eines Mitarbeiters bei der Bahn vergleichen, der bei einer Störung des Zugnetzes den verwirrten und ratlosen Reisenden helfen muss, ans Ziel zu kommen.

Der Titel des Arbeitsplatzes ist ja auf jeden Fall gleich: Servicepoint. So heißt der Infoschalter bei der Bahn, und so heißt es jetzt hier bei Karstadt. Denn seit diesem Dienstag sind immerhin 49 der insgesamt 170 Filialen des Warenhausunternehmens Galeria Karstadt Kaufhof geöffnet, es handele sich um Häuser in Berlin, Bremen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Dort stehe "auch auf reduzierter Fläche das gesamte Sortiment zur Verfügung", schreibt das Unternehmen auf der eigenen Website. 


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Frankfurt profitiert auch von dieser kleinen Öffnung. Auf der Zeil gibts je einen Karstadt, ein paar Meter weiter einen Kaufhof, direkt an der S-Bahnstation Hauptwache.

Schoko-Osterhasen mit 70% Rabatt

Quasi über Nacht hatten Handwerker die Flächen beider Häuser auf das derzeit behördlicherseits geforderte Maximalmaß heruntergekürzt, und das sind die berühmten 800 Quadratmeter. Noch heute morgen sind Mitarbeiter mit dem Zollstock durch die Filialen gelaufen, um penibel zu messen, ob kein Quadratmeter zu viel übrig geblieben ist bei den Absperrmaßnahmen mit rot-weißen Trassierbändern und metallenen Stellwänden. Der Kunde darf sich nur in einem kleinen Teil des Erdgeschosses bewegen, zwischen Socken, Parfüm und einem Restangebot von Ostersüßigkeiten, die es jetzt mit 70% Rabatt gibt. Eintritt in beide Häuser ist nur mit einen kleinen Einkaufswagen oder einer -tasche erlaubt, Kunden, die sich nicht daran halten, werden vom Türsteher freundlich, aber bestimmt darauf hingewiesen. Und es gibt ausführliche Hygienehinweise.

Wie Picker im Logistikzentrum

Tja, und dann der Einkauf, jenseits von Kurzwaren und Parfüm. Und hier läuft nichts ohne die Heldin am "Servicepoint". Ihr teilt der Kunde seinen Wunsch mit, dann telefoniert sie mit einem Kollegen im Haus, der dann die Ware herbeischafft. Gut 40 Leute sind an diesem Tag in dieser Karstadt-Filiale aktiv, deutlicher weniger als sonst. Und ihr Arbeitsprogramm ist auch anders als sonst. Sie sind ab jetzt wie Picker in einem Online-Logistikzentrum, die anhand von Auftragszetteln die Warenkörbe befüllen. 

Einkaufen im April 2020: Es ist schwierig geworden, auch bei Karstadt Kaufhof.
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Einkaufen im April 2020: Es ist schwierig geworden, auch bei Karstadt Kaufhof.
Es gibt tatsächlich an diesem Dienstag ein Kundenehepaar, das zu Karstadt kommt, um einen Bodenstaubsauger zu kaufen. "Ja, Bodenstaubsauger, zum Hinterherziehen", spricht die Heldin des Servicepoints ins Telefon, weil der Kollege am anderen Ende der Leitung möglicherweise nicht glauben wollte, was er da gehört hat.

Ein Job für die Besten

Eine andere Kundin hat sich ein Paar Inline-Skates kommen lassen, einem Verkaufsschlager dieses Frühjahrs, wie aus dem Sportartikelhandel zu hören ist. Gebracht wird die gewünschte Ware von einem Mitarbeiter aus der entsprechenden Abteilung, der mit der Kundin dann ein Beratungsgespräch führt, mit dem man einen Lehrfilm drehen könnte, so kompetent und freundlich geht es hier zu.

Überhaupt scheinen die Karstadt-Mitarbeiter, die heute hier Dienst verrichten, eine Art Task-force zu sein, es ist ein Job für die Besten. Niemand kann so schnell die Heldin des Servicepoints für diesen ungewöhnlichen Einsatz geschult haben, diese Frau muss die kommunikativen und organisatorischen Fähigkeiten sowie den Umgang mit Kunden mitbringen. Es ist zwar kein Ansturm wie im früheren Sommerschlussverkauf, aber es ist steter Betrieb hier, ständig gut 20 Menschen, die etwas anderes wollen, mal ein Lego-Spielzeug, oder eben einen Staubsauger.

Wo kann die Hose anprobiert werden?

Die Heldin des Servicepoints nimmt alle Wünsche entgegen, teilt sie dem Kollegen im Haus mit, und der Kunde steht dann da, und wartet, bis aus den Tiefen und Weiten der Filiale das Gewünschte gebracht. Es ist eine Art analoges Click&Collect-System, das Impulskäufe unmöglich macht. Wer heute hier einkauft, weiß, was er will. Spannend wird es, wenn man eine Hose will: Wo soll man die jetzt anprobieren? Aber vielleicht weiß auch hier die Heldin des Servicepoints weiter. 


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Ein paar Meter weiter, bei Kaufhof, sind auch nur Helden aktiv, bezeichnenderweise sind es auch hier Frauen. Wer hier heute arbeitet, tut offenbar das freiwillig, gerne, ist stressresistent, hat ein überdurchschnittliches Gefühl für Kunden, von denen sich viele dieser ungewohnten, abgesperrten Einkaufswelt zuweilen unsicher nähern. Klar, wer wochenlang in Kurzarbeit war, der freut sich auch über Abwechslung. Das System bei Kaufhof ist noch etwas komplizierter als bei Karstadt. Man muss durch eine Tür in die Filiale, aber nur durch eine andere kommt man zum Servicepoint. Schwierig. Aber was ist schon einfach in diesen Tagen? Die Frage ist nicht nur deswegen, ob die Öffnung von 50 Filialen ein wirtschaftlicher Erfolg für das Warenhausunternehmen ist, ob die Umsätze an Tagen wie diesen wenigstens die Personalkosten decken. Denn in beiden Frankfurter Häusern herrscht zu dieser frühen Mittagszeit mehr eine Kammerspiel-Atmosphäre. Oder ob Galeria Karstadt Kaufhof einfach nun Behauptungswillen demonstrieren will?

Gut, wenn er dafür Heldinnen aufbieten kann.

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