Die Logistikwelt ändert sich rasant. Was auf die Handelsbranche zukommt, ist noch unklar. Sicher ist nur, dass neue Mobilitätslösungen den Markt verändern.

Die Post-Tochter DHL lässt sie durch Frankfurt am Main rollen, DPD durch Nürnberg und GLS durch Nürnberg, Dortmund, Düsseldorf, Konstanz sowie Darmstadt. Die großen Logistikunternehmen testen derzeit E-Bikes als Lastenfahrräder für die Zustellung in Innenstädten.
Nicht nur das: DHL erprobt seit Anfang März in Berlin gemeinsam mit dem Automobilhersteller Smart, ob sich Autos als mobile Lieferadressen eignen. Das Päckchen wird hier vom Zusteller im Kofferraum des Kleinwagens deponiert. Dafür wird der Bote per App über den Standort des Fahrzeugs informiert und erhält ebenfalls über diese App einen einmaligen, nur in einem bestimmten Zeitraum gültigen Zugang zum Kofferraum.
Kofferraum als Paketstation
© dhl
Kofferraum als Paketstation
In kaum einem anderen Wirtschaftsbereich wird seit geraumer Zeit so viel ausprobiert wie in der Logistik. Keine Idee scheint zu verwegen, niemand will den Anschluss verlieren. Nicht nur der Onlinehandel treibt die Branche, denn der Wettbewerb um die Kunden ist auch ein Wettbewerb im Zustellkomfort. Vielmehr optimiert der Handel auch seine Prozesse bei Beschaffungs-, Lager- und Distributionslogistik. Zu besichtigen etwa bei Coop Schweiz, wo das Lager in Schafsheim weitgehend vollautomatisiert arbeitet. Ganz fehlerlos ist die Anlage noch nicht, gut 90 Prozent der Waren werden korrekt sortiert, sagt Daniel P. Hintermann, Logistikchef der Coop. Aber die restlichen 10 Prozent schaffe man auch noch.
Und für alles werden immer mehr und immer bessere Logistikimmobilien gesucht. „Der Markt ist getrieben von einer großen Nachfrage, aber es gibt nur ein geringes Flächenangebot“, sagt Peter Kunz, Head of Industrial & Logistics beim Immobilienberatungsunternehmen Colliers International. „Derzeit sichern sich Projektentwickler massiv Grundstücke für Logistikimmobilien und beginnen diese sogar schon zu bauen – obwohl sie noch keine Mieter haben.“ Aber das Risiko scheint gering.
Der Analyst Philipp Wass vom Rating- und Marktforschungsunternehmen Scope erwartet bis zum Jahr 2025 eine Verdopplung der Nachfrage bei Logistikimmobilien. Wie für Colliers-Experte Kunz ist auch für ihn der Onlinehandel der Treiber.

Es herrscht Goldgräberstimmung. Und: Alle haben Angst, zu spät zu kommen. Doch was kommt auf uns zu? Das EHI Retail Institute hat in der Studie „Die Zukunft der Handelslogistik 2025“ neun Szenarien entwickelt, weil heute niemand vorhersagen kann, wie die Welt in acht Jahren aussieht. Vielmehr muss man sich mit allen Möglichkeiten beschäftigen – von denen eine die schlimmste für den stationären Handel ist: nämlich dessen Ende.

Citylogistik: Hallen allein reichen nicht

Das erscheint fatalistisch. Wahrscheinlich ist wohl das sogenannte Parallel-Szenario: Hier führen zwar neue Technologien zu radikalen Marktveränderungen, doch stationär und online verschmelzen nicht, sondern agieren quasi nebeneinander, aber in neuen Rollen. Kunden kaufen immer mehr online ein, der stationäre Handel wird Verteilzentrum, etwa durch Click & Collect. Die Zustellung zum Kunden in urbanen Räumen wiederum wird mit hoher Genauigkeit und ausgeklügelten Logistiksystemen erfolgen, die eigenständige Warenlogistik der Händler verliert an Bedeutung, was heißt, dass die Prozesse vielmehr mit denen der Industrie verschmolzen werden.
Im Geschäft mit dem Endkunden umtreibt die Citylogistik alle Akteure aus der Handelsbranche. Hier geht es vor allem um die berühmte „letzte Meile“, also die direkte Zustellung zum Verbraucher. „Das ist ein großes Thema. Allerdings reicht es hier nicht, in Innenstädten Hallen zu bauen“, sagt Colliers-Experte Peter Kunz. „Es geht vielmehr um ein intelligentes System aus Flächen, Transportmitteln und Zeitfenstern. Ansätze sind die Lagerung in wenig attraktiven Handelsflächen oder nächtliche Nutzung von Parkhäusern, samt Anlieferung durch kleine Elektrofahrzeuge.“
Metro und Hermes testen autonom fahrende Roboter-Lieferwägelchen. Der rollende Bollerwagen 2.0 von Hersteller Starship wird auf dem Bürgersteig Pakete von ausgewählten Paket-Shops zu ausgewählten Testkunden bringen
© Hermes
Metro und Hermes testen autonom fahrende Roboter-Lieferwägelchen. Der rollende Bollerwagen 2.0 von Hersteller Starship wird auf dem Bürgersteig Pakete von ausgewählten Paket-Shops zu ausgewählten Testkunden bringen
Deswegen testen die Logistiker die besagten E-Bikes, deswegen hat DHL mittlerweile sogar eigene Elektrofahrzeuge entwickelt und verkauft diese. Noch in diesem Jahr soll in Nordrhein-Westfalen eine eigene Fabrik gebaut werden, weil die Autoindustrie mit dieser umweltschonenden Antriebstechnik nicht hinterherkommt. Dabei sind geräusch- und abgasarme Elektroautos in Deutschland nichts Neues. Schon 1938 waren bei der damaligen Reichspost 2700 solcher Lastwagen im Einsatz.

Letzte Meile: flexible Konzepte gefragt

Die Zustelllogistik zum Endkunden erfordert neue und vor allem flexible sowie umweltschonende Mobilitätskonzepte. Darauf müssen sich Händler einstellen, wenn sie nicht den Anschluss verlieren wollen. Denn den Kampf um Kunden gewinnen die Unternehmen, die bei Zustellkomfort und Zuverlässigkeit alle Kundenwünsche erfüllen. Abholstationen etwa stoßen bei Verbrauchern auf Interesse, hat das Berliner Marktforschungsunternehmen POSpulse herausgefunden.

Mercedes Van Roboter

Doch letztlich verlangt der Markt nach cleveren Mobilitätslösungen. In der US-amerikanischen Technologieschmiede Silicon Valley werkeln daran derzeit 60 Prozent der Start-ups. Es überrascht nicht, dass sogar der Internetkonzern Apple neuerdings auf Straßen des US-Bundesstaates Kalifornien autonom fahrende Autos testet und damit Ambitionen erkennen lässt, ebenfalls ins lukrative Mobilitätsgeschäft einzusteigen.

In einer Studie über die Zukunft der Logistik, verfasst von der Bundesvereinigung Logistik, heißt es, dass Logistikdienstleister damit rechnen, dass langfristig fahrerlose Lkw über die Straßen rollen. Tests, etwa von Daimler, gab es bereits jede Menge. Aus wirtschaftlichen Gründen erscheint so ein Szenario attraktiv: Ein Laster wird beispielsweise im Hafen von Rotterdam beladen und fährt dann selbstständig ohne Pausen bis nach Dresden oder gar noch weiter.

Für einen mittelständischen Händler ist dieses Thema weit weg. Er hat mit zunehmendem Fachkräftemangel in der Logistik zu kämpfen und muss überlegen, ob er 2500 Euro investiert, um selbstständig und flexibel auf der „letzten Meile“ unterwegs zu sein, damit er vom Multichannelhandel profitieren kann. So viel Geld kostet ein E-Bike als Lastenfahrrad.

Der Beitrag erschien zuerst in der Ausgabe 05/2017 von "Der Handel"
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