Tonnenweise Verpackungsmüll, hoher CO₂-Ausstoß: Der Onlinehandel wird für allerlei Umweltsünden schuldig gesprochen. Nicht alles stimmt. Zudem sind einige Verbraucher neuerdings bereit, für ökologisch sanftere Zustellung mehr Geld zu bezahlen. Weil so etwas aber auch mehr Geld kostet, sind andere Zustell-Lösungen attraktiver.

"Ist Onlinehandel gut für die Umwelt?", fragte letztens die Verbraucherzentrale, und beantwortete ihre Frage gleich selbst: "Es spricht viel dagegen." Doch die Studien, die das belegen, oder auch nicht, sind eben heterogen. Mal wird im Vergleich zum stationären Handel von 32 % weniger CO₂-Ausstoß gesprochen - mal von einem um 240 % höheren Ausstoß. Aber: "Die meisten Studien gehen davon aus, dass der Onlinehandel der Umwelt mehr schadet als der stationäre", schreibt die Verbraucherzentrale. 

Einer der Gründe für die Verbraucherschützer: Bei Bekleidungskäufen im Netz werde mindestens jedes zweite Paket an die Händler zurückgeschickt, Tag für Tag seien das etwa 800.000 Pakete, "was ungefähr 400 Tonnen des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid (CO₂) oder 255 Autofahrten von Frankfurt nach Peking entspricht". 

So gewaltig ist der CO₂-Ausstoß doch nicht

Björn Asdecker, Leiter der Forschungsgruppe Retourenmanagement an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg, spricht davon, dass in Deutschland jede sechste Bestellung zurückgeschickt werde. Auch hier bietet er einen plakativen Vergleich, was das für den entsprechenden CO₂-Ausstoß bedeutet: der entspreche etwa 2.200 täglichen Autofahrten von Hamburg nach Moskau.
Nahezu ohne CO₂-Ausstoß: Zustellung per Lastenrad vom Logistiker Hermes
© Hermes
Nahezu ohne CO₂-Ausstoß: Zustellung per Lastenrad vom Logistiker Hermes
Da mag man zuerst staunen, aber wenn der Bamberger Retouren-Guru anfügt, dass dies nur ein Anteil von lediglich 0,0262 % aller CO₂-Emissionen in Deutschland sei, dann relativiert sich doch wieder einiges. "Die Ökologie stand nicht im Mittelpunkt der Untersuchung", erklärt der Wissenschaftler.

Retouren sollen etwas kosten. Per Gesetz.

Trotzdem sind es Asdecker zu viele Retouren, und daher schlug er vor einer Weile viel beachtet eine gesetzliche Rücksendegebühr vor, ein Euro pro Sendung würde reichen. Das genüge, um Verbraucher von allzu leichtfertig gemachten Bestellungen abzuhalten, sagte er der "Süddeutschen Zeitung". In seinen Untersuchungen und Studien habe sich gezeigt, dass die Kunden vor allem dann gerne retournieren, wenn sie den Rechnungskauf gewählt haben und sie damit glauben, das sei alles umsonst.

Doch viele Kunden haben ihr ökologisches Gewissen entdeckt, so scheint es. Vielleicht liegt es auch an der immer intensiveren öffentlichen Diskussion über den Klimawandel, vielleicht liegt es auch an den eigenen Kindern, die bei den "Fridays for Future"-Demonstrationen mitlaufen und daheim Druck machen. Eine Studie der Strategieberatung Oliver Wyman jedenfalls besagt, dass zwei von drei deutschen Onlinekäufern die Umweltauswirkungen ihrer Bestellung beachten - gelegentlich. Jeder Zweite wäre sogar bereit, für die Umwelt auf ein Stück Bequemlichkeit zu verzichten.

Wehe, wehe, wenn es ans Bezahlen geht

Donnerwetter. Aber wer tiefer bohrt, kann nur schwer von einem großen Bewusstseinswandel reden. Denn wenn es ums Geld geht, hört die Liebe zur Natur auf: Nur 10 % der 1.000 von Oliver Wyman befragten Verbraucher sind bereit, für eine umweltfreundlichere Lieferung auch mehr zu bezahlen. Allerdings ist die Bereitschaft größer, gebündelte Bestellungen zu erhalten (71 % der Befragten), längere Lieferzeiten (46 %) in Kauf zu nehmen und die Pakete in einer Station abzuholen (49 %). "Da E-Commerce-Anbieter diese Themen bislang nicht forcieren, können sich Paketdienstleister darüber differenzieren - und zugleich ihre Kosten sparen", rät Oliver Wyman.

Michael Lierow, Logistikexperte bei der Strategieberatung sagt, dass Onlinehändler, mehr noch Paketdienstleister, sich in einer Zwickmühle befänden. "Das Umweltbewusstsein wächst und damit auch die Kritik an nicht-wiederverwertbaren Verpackungen, der Vernichtung zurückgesandter Produkte sowie den in zweiter Reihe parkenden Lieferfahrzeugen. Doch die Zahlungsbereitschaft bleibt gering." Lierow glaubt deswegen, dass Unternehmen, die Umweltschutz leisten können, ohne zusätzliche Kosten zu verursachen, sich einen spürbaren Wettbewerbsvorteil erarbeiten werden.

Keine Bundeswehr, immer weniger Kraftfahrer

Gutes tun, Kosten senken - das ist das Ideal. Aber auch Gebot der Stunde. Oliver Wyman erwartet, dass sich bis zum Jahr 2028 die Zustellkosten pro Paket vor allem wegen steigender Personalkosten fast verdoppeln. Denn die Speditionen müssen mehr als bisher bieten, um Personal zu gewinnen. Der Engpass bei Fahrern ist längst bekannt, heute schon fehlen zwischen 45.000 und 60.000 Fahrer, schätzen der Bundesverband Spedition und Logistik und der Bundesverband Güterverkehr Logistik und Entsorgung. Jährlich gehen rund 30.000 Lastwagen-Fahrer in Rente - aber nur halb so viele Berufsanfänger setzen sich hinters Steuer Ein immer noch weitgehend unbekannter Grund für diese Lücke ist der Wegfall der Wehrpflicht im Jahr 2011. Die Bundeswehr war einst die Fahrschule der Nation, Zigtausende junge Männer machten während ihrer Zeit beim Militär kostenlos den Lkw-Führerschein. Wer sich heute den Luxus erlauben will, privat so ein Papier zu erlangen, muss schnell für alles 2.000 Euro hinblättern - das ist viel Geld, um in einem Beruf arbeiten zu dürfen, in dem man wiederum nicht viel Geld verdient.

Wenn die Paketzustellung zum Luxus wird

Für Cornelius Herzog, ebenfalls Logistikexperte bei Oliver Wyman, wird es zu großen Verschiebungen in der Zustellung kommen: "Angesichts des Kostendrucks wird die kostenlose Haustürlieferung samt mehrerer Zustellversuche schon in wenigen Jahren zum Luxusgut." Bis 2028 wird sich die Zahl der auszuliefernden Pakete nach Prognosen von Oliver Wyman noch einmal fast verdreifachen.

Bei solchen Mengen muss überall gespart werden: an überflüssigen Fahrten und am Verpackungsmüll. Wie letzteres gehen kann, dafür gibt es jede Menge Ideen. Der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) forderte schon Anfang dieses Jahres, Versandhändler stärker an den Kosten für die Altpapiersammlung zu beteiligen. Denn laut einer Studie des INFA-Instituts im Auftrag der VKU machen Verpackungen bis zu 71% des volumenbezogenen Inhalts von Papiertonnen aus. Das Problem: Viele Verbraucher machen sich gar nicht erst die Mühe Pappkartons zu zerreissen oder zusammenzufalten.


Oliver-Wyman-Berater Lierow beobachtet: "Die Onlinehändler sind bislang bei Green Shopping vergleichsweise langsam unterwegs. Die Paketdienstleister können hier vorlegen." Wichtig sei in diesem Zusammenhang, den Kunden mehrere Möglichkeiten anzubieten und sie mit Blick auf die verbesserte Umweltbilanz entscheiden zu lassen, ob sie lieber einen Tag länger auf ein Paket warten oder dies selber abholen.

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