In der Welt der Plattform-Ökonomie gewinnen natürlich die Plattformen wie Amazon und Facebook. Das kann als gesetzt gelten. Doch es gibt noch weitere Gewinner. Und die bekommen ihr Fett weg. Gastautor Kelm entzaubert nicht nur die Plattform-Magie und ihre Zauberkünstler, sondern gibt auch Anregungen, wie man selbst neue Kunden aus dem Hut zieht.

Hier kommt die Auflösung: Die Plattformen, Berater, Lösungsanbieter – sie bilden das Winner-Trio!
Weder die Kunden noch Ihr selbst zählt hier dazu. Ist man keiner dieser drei Sieger, ist man schnell nur Beifahrer. Ein Hype, der seinesgleichen sucht, die Plattform-Geometrie, die Kunst der platten Formen, der gedroschenen Phrasen und der Digitalisierung.

Ist es nicht wunderbar, wie andere vorgeben, was wichtig ist? Man muss selbst nicht denken und entscheiden wieviel Schmerz man so einfach abwirft, das ist perfekt! Schnell einen Berater geholt und alles wird gut – fast wie bei der Bundeswehr.

Zudem ist der eigene Job immer sicher – denn wer ist am Ende schuld? Haben doch der Berater oder die Agentur gesagt und gemacht! Doch nach fünf Jahren merkt man, dass scheinbar nix davon stimmte, was gehypt wurde …

Aber der Reihe nach.

Wo kaufen Kunden? Auf dem Markt? In der Innenstadt? Online?

Überall. Und warum?

Weil jeder Anbieter denkt, er MUSS es überall anbieten – und natürlich mit perfekten Preisen, großer Auswahl und schneller Verfügbarkeit!

Schon einmal darüber nachgedacht, dass Kunden dort kaufen, wo das Produkt angeboten wird? Würde alles stimmen, was so erzählt wird, wäre ein eBay ja maximal überflüssig. Selbst Apple dürfte ja kaum ein Produkt an den Mann oder die Frau bringen. Vorwerk und Tupperware müssten pleite sein. QVC oder Otto hätten keine Daseinsberechtigung.

Alles schöne Angstmache?!
Aber wer genau zwingt euch dazu?

Wer sagt, Omni- und Multichannel seien die Lösungen - oder eine Plattform die beste aller Welten?

Also zuerst die lieben Berater. Ohne Umsetzungstiefe, da sie meist operativ weit weg sind von der Basis und mit Leuten reden, die nie einen Finger krumm machen, aber Entscheidungen treffen.

Dann kommen die Dienstleister ins Boot, Agenturen oder perfekt scheinende Schnittstellen-Leistungssysteme, die alles können!

Unbedingt müsst Ihr das benutzen, denn sonst …

Ja, was eigentlich? Gefühlt ist in den letzten Jahren jedes Unternehmen bankrott gegangen wegen der falschen Schnittstelle oder wegen SAP. Oder doch eher, weil man Excel und Daten nicht beherrscht?

Das Geld verdient wer? Ach ja, die gebührenerhebenden Plattformen, die euch zudem nicht alle Daten zukommen lassen. Also bekommen sogar noch die Tools am Ende Geld für das Datentracking.

Die Alternative?

Gesunder Menschenverstand sowie die Neugier und Nähe zu Kunden, gepaart mit Agilität ersetzen den Berater. Selbst Entscheidungen treffen ist geil!

Dienstleister ersetzen durch Inhouse-Kompetenz tut am Anfang weh – aber ist langfristig besser als ein pleitegegangener oder weggemerchter Dienstleister!

Und, naja, Plattformen: Wie krumm macht man sich für Amazon? Oder später für Alibaba oder eBay oder all die anderen? Die lieben Tools noch hintendran – am besten alle im Abo-Modell, ohne genutzt zu werden. 

Schafft lieber eure eigene unersetzbare Kundeninteraktion mit der Marke – die neuen Zielgruppen wachsen jeden Tag heran, jeden Tag entstehen neue Bedürfnisse. Siehe China, da ist alles App und schon lange nicht mehr Plattform!

Was heißt das nun am Ende?

Ja, jeden Tag wird etwas gehypt, Amazon, der Marktplatz, die Plattform, die Infrastruktur des E-Commerce.

Hype von Vorgestern: Letsbuyit

Halt, Stopp, Otto, komisch hier kaufen Kunden tatsächlich auch. App-Shopping ist ein Gigant wie auch TV-Shopping. Hört lieber nicht auf die, die am lautesten schreien!

Den großen Fehler in den Plattform-Ansätzen zeigt folgende Denkweise deutlich auf: Schauen wir mal über den Tellerrand, bleiben wir immer in der eigenen Suppe sitzen. Und schimpfen wir mit dem Kellner, ändert der Koch nicht das Rezept. Wir blicken nie oder selten von außen auf uns oder die eigene Branche und schon gar nicht in eine andere Bereiche. Was dazu führt, dass man nie besser wird als der Wettbewerb, sondern nur so gut wie die Summe der Mitstreiter.

Warum kann ein Aboutyou so viel mehr?

Gegen den Branchentrend Wachstum erzeugen

Weil sie anders denken und entscheiden. Eigene Ziele und Strategien sind die Zauberworte. Also raus aus dem eigenen Teller oder der Plattform und holt euch Leute wie Ruppert Bodmeier ins Boot.

Einfach formuliert: Verbindet beispielsweise Features von Netflix mit Ideen von Sixt. Nehmt da ein bisschen was von der Customer Journey im Flughafen, vom Klo bis in den Flieger, und guckt euch dort womöglich ein wenig die Optik sozialer Profile ab. Mit solchen frechen Mischungen aufgepeppt kann man gegen den Branchentrend Wachstum erzeugen, Fixkosten in variable Kosten verwandeln oder die Kaufquoten verdoppeln.

About-You-Gründer Tarek Müller beim Deutschen Medienkongress 2019

Was aber soll die ganze Plattform-Magie, wenn wir noch nicht mal aus den Silos raus sind, die Customer Journey nicht verstanden haben und Digitalisierung unklar ist?
 
Abschließend die Wahrheit über Digitalisierung im Rahmen der Plattform-Weisheiten:

Die Wahrheit von Thorsten Dirks, CEO der Telefónica, gilt weiter: "Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheiß digitalen Prozess." 

Aber wer weitergelesen hat, findet eine gute Idee. "Das Schwierige ist ja nicht die Digitalisierung an sich. Das Schwierige ist die Vereinfachung von Strukturen und Prozessen."

„Das Schwierige ist ja nicht die Digitalisierung an sich. Das Schwierige ist die Vereinfachung von Strukturen und Prozessen.“

Thorsten Dirks, CEO Telefónica
Ich kann da nichts lesen von Themen wie: 'Binden Sie alle Plattformen an'. 'Machen Sie sich unbedingt krumm für Amazon'. 'Sellen Sie den Fokus nur auf den Kunden'".

Vorsicht vor fremder DNA im Unternehmen

Ich sehe da einen Ansatz, erst einmal bei sich selbst aufzuräumen, dann kann man alles andere angehen. Pflanzt daher nicht fremde DNA in eure Unternehmen, sondern findet ein Ziel für euch auf das ihr hinausarbeitet!

Wenn Plattformen so wichtig sind, ist die eigentliche Frage nicht, ob man dort vertreten sein soll oder ob man selbst zur Plattform wird. Die wichtigsten aller Fragen drehen sich auch nicht um Technologie oder interne Möglichkeiten, sondern um diese drei Dinge:

Respektieren Sie dich?
Tolerieren Sie dich?
Kopieren Sie dich?

Antworten dazu demnächst.

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