Die Rid Stiftung ist in Bayern Kraftwerk und Förderzentrum des bayerischen Einzelhandels. Michaela Pichlbauer leitet die Stiftung und erlebt die Coronakrise als gewaltige Erschütterung für die Handelsbranche. Allerdings ist sie auch verblüfft über die Kreativität der bayerischen Händler. 



Was hat sich für die bayerischen Händler seit dem 16. März verändert, dem Tag, an dem die meisten Läden im stationären Handel geschlossen werden mussten?
Das Ausmaß der Veränderungen und die Tiefe des Durchgriffs auf jedes Geschäft waren vorher für mich nicht vorstellbar. Da der komplette Handlungsrahmen verändert wurde, kann ich eher die Frage beantworten, was sich nicht verändert hat und das ist die Tatsache, dass der drittgrößte Wirtschaftszweig in Bayern systemrelevant ist.

Wie sah danach Ihr Arbeitstag aus?
Wir sind seither in einem außergewöhnlichen und sehr aktiven Handlungsmodus: Wir haben zunächst dafür Sorge tragen müssen, uns selbst zu stabilisieren um dann anderen, soweit wir können und dürfen, helfen zu können. Durch unser stiftungseigenes Unternehmen Bettenrid sind wir vollumfänglich betroffen. Die Stiftung hat auch viele Handelsunternehmen als Mieter, insofern sind wir auch hier in der Rolle als Vermieter betroffen und haben viele Gespräche geführt. Den "Arbeitsalltag" gibt es bisher noch nicht wieder bei uns, denn wir haben sehr viel zusätzlich zu tun und teilweise zuhause arbeiten zu müssen, ist für mich  - und ich denke für viele andere auch -  vor allem eine weitere Belastung, da die Trennung und das zeitlich fein abgestimmte Ineinandergreifen von Arbeit und Privatleben schlagartig verändert wurde. 

Michaela Pichlbauer ist seit 2014 Vorständin der Rid Stiftung, die 1988 vom BETTENRID-Händler Dr. Günther Rid gegründet wurde. Deren Ziel ist die Förderung des bayerischen Einzelhandels. Jährlich nehmen mehr als 1.000 Einzelhändler die Förderangebote der Stiftung in Anspruch oder besuchen die seit 2010 jährlich stattfindenden Zukunftskongresse der Stiftung, heißt es.
© Ridstiftung
Michaela Pichlbauer ist seit 2014 Vorständin der Rid Stiftung, die 1988 vom BETTENRID-Händler Dr. Günther Rid gegründet wurde. Deren Ziel ist die Förderung des bayerischen Einzelhandels. Jährlich nehmen mehr als 1.000 Einzelhändler die Förderangebote der Stiftung in Anspruch oder besuchen die seit 2010 jährlich stattfindenden Zukunftskongresse der Stiftung, heißt es.
Was war in der Lockdown-Zeit Ihr schlimmstes, was war Ihr schönstes Erlebnis?
Mein schlimmstes Erlebnis ist der Lockdown selbst – schon das Wort ist schlimm und die Realität einer leeren Innenstadt ist schlimmer gewesen wie jede Vorstellung, die ich dazu bisher hatte. Das schönste Erlebnis ist, dass die Sonne morgens trotzdem aufgeht und auch die Vögel trotzdem singen!

Wie haben Sie den Händlern geholfen, Ihre Betriebe am Laufen zu halten?
Die Rid Stiftung hat viele ihrer aktuellen Seminare auf Webinare umgestellt und etliche, zusätzliche Förderangebote entwickelt. So haben wir sofort Webinare zur Liquiditätsplanung mit einem Excel-Tool durchgeführt, einen Videoworkshop zum raschen Aufbau des eigenen Instagram Business auf die Internetseiten der Rid Stiftung gestellt, einen interaktiven Workshop zum Umgang mit Stress angeboten und ein Webinar mit Marketingideen zum Neustart durchgeführt. Vor allem haben wir mit den Einzelhändlern über unseren Newsletter Kontakt gehalten, auf gute digitale Beispiele für lokale Online-Initiativen hingewiesen, Mut gemacht und hoffentlich einen Beitrag dazu geleistet, dass sie handlungsfähig bleiben konnten - trotz Pandemie. Zudem haben wir einzelfallbezogen mit Rat und Tat unterstützt, wenn es zeitlich irgendwie ging, und gleichzeitig haben wir auf die politischen Akteure - soweit es uns möglich war – eingewirkt. 


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Wenn der Lockdown das Geschäft verhagelt: "Händler sollen keine Bittsteller, sondern Antragsteller sein"

Was haben Sie persönlich in der Lockdown-Zeit gelernt? Was haben die Händler gelernt?
Ich habe gelernt, dass alles von jetzt auf gleich völlig anders sein kann – das hätte ich lieber nicht lernen wollen. Was die Händler gelernt haben? Ich denke, dass sie sehr, sehr flexibel sein müssen und auch können, dass es tatsächlich sehr wichtig ist, einen Multi-Channel-Ansatz zu haben und dass sie eine sehr treue Kundschaft haben. Aber eigentlich müssen Sie sie besser selbst fragen, denn sicherlich hat jeder und jede etwas anderes gelernt.

Welche Händler haben in dieser Zeit besonders auf sich aufmerksam gemacht?
Ganz viele auf ihre je eigene Art, in ihrem je eigenen Umfeld – tolle Beispiel haben uns da erreicht. Ich bin besonders aufmerksam geworden auf das Unternehmen "Nähxt" von Andrea Hornauer in Regensburg, denn sie hat es auf die Schnelle geschafft, für die Firma Hirmer in München den Stoff zu liefern, den Hirmer dann zu Atemschutzmasken - unter anderem für das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig  - vernäht hat. Eine wahre Geschichte zum Thema "Netzwerk machts möglich", zum Thema "Kooperation zwischen Groß und Klein" und zum Thema "Einzelhandel ist gesundheits- und systemrelevant". Kaum zu glauben, aber genauso ist es gewesen.

Wie geht es der Branche, nachdem die Geschäfte wieder geöffnet sind?
Ich sehe, dass alle ihr Möglichstes tun, um die erforderlichen Hygiene- und Sicherheitsauflagen zu erfüllen und trotzdem so gut wie eben dann möglich, ihren "gewohnten" Geschäftsbetrieb für die Kunden und Kundinnen wieder aufzunehmen. Das ist vor allem für die Angestellten im Verkauf eine enorme Herausforderung, aber auch für die Kollege*innen in der Verwaltung, die sich mit Fragen zum Kurzarbeitergeld, zu Urlaubsumplanungen und zu neuen Personaleinsatzplanungen befassen müssen, und für die Führungskräfte, die zur Zeit sehr stressresistent sein müssen und für die Unternehmer und Unternehmerinnen, die die Gesamtverantwortung dafür spüren, dass man irgendwie rausfinden muss, wie es weitergehen kann, für die eigene Firma, aber auch für Nachbarn, für Freunde, für eine ganze Stadt, denn alle sind von den Folgen der Pandemiebewältigung sehr ernst betroffen und werden es auch noch länger sein. Für die Branche hat der Handelsverband in Bayern vor kurzem die Formulierung "verhalten optimistisch" gewählt, das gefiel mir gut, denn Einzelhändler sind vielfältig, sie sind aktiv und sie sind optimistisch, doch in diesen Zeiten kann man das eben nur "verhalten" sein. Was wünschen Sie sich für die Händler vom Staat?
Zu den Aufgaben des Staates gehört nicht nur die innere und äußere Sicherheit, sondern auch die Verantwortung für einen verbindlichen, stabilen und erwartungssicheren Rechtsrahmen, eine nachhaltige Wirtschaftsförderung und eine stabilitätsorientierte Geldpolitik, ein aktives Eintreten für den Schutz unserer Verfassung, die auf unseren Grundrechten auffußt, alles Aufgaben, die jetzt zunehmend Aufmerksamkeit erfordern, nicht nur seitens der Politik sondern auch bei uns Bürgern und Bürgerinnen. Der stationäre Einzelhandel, der nicht nur für das Erscheinungsbild und die Aufenthaltsqualität unserer Städte und Dörfer so wichtig ist, sondern auch für die Versorgungsqualität im ländlichen Raum und für die Weiterentwicklung unserer städtischen Lebensräume, hat bisher viel zu wenig Beachtung durch die Politik gefunden, weder seine strukturellen Benachteiligungen dem Onlinehandel gegenüber, noch seine legitimen Förderbedarfe neben der Automobilindustrie und der Flugzeugbranche. Ich wünsche ich mir tatsächlich, dass sich das verändert.


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