Ein Gespenst geht um im internationalen Handel. Und das heißt Alibaba. In China eine Macht, in Europa noch belanglos. Aber wer demnächst in Belgien ein gigantisches Logistikzentrum baut und noch eine globale Handelsplattform entwickelt, hat Großes vor. Da bleibt kein Platz mehr für Kleine.

Man kennt das vom legendären Edeka Boll in Wacken, wenn dort alljährlich das gleichnamige Heavy-Metal-Festival tobt. Der Kundenansturm der Metall-Musik-Freunde ist derart gewaltig, dass in den kleinen Supermarkt immer nur so viele neue Kunden hineindürfen, wie den Laden verlassen haben. 

Die Mitarbeiter von Edeka Patschull in Darmstadt-Eberstadt hatten Ende 2018 auch ein Gefühl von Wacken, dabei stand nur Weihnachten vor der Tür. Und dieses Fest löst bei den Menschen einen Einkaufsfanatismus aus, der möglicherweise nur noch davon übertroffen werden könnte, wenn die Bundeskanzlerin per Fernseh-Ansprache eine landesweite Krisensituation ausriefe.

Zwei Tage lang nicht einkaufen können!!!

Aber was könnte schlimmer sein als zu wissen, dass auf Heiligabend zwei Feiertage folgen, an denen man keine Lebensmittel einkaufen kann? 48 Stunden lang von der Versorgung abgeschnitten! Der Deutsche rutscht in einen emotionalen Grenzzustand, dem er nicht gewachsen ist. Also muss an Heiligabend jeder erdenkliche Speicher gefüllt werden, obwohl die noch voll sind vom zurückliegenden Wochenende (Sonntag ist kein Lebensmitteleinkauf möglich!!!). 
Alibaba-Campus in Hangzhou: Ein Unternehmen, das für ein Land steht.
© Alibaba
Alibaba-Campus in Hangzhou: Ein Unternehmen, das für ein Land steht.
Also regierte am 24. Dezember bei Patschull das Wackengefühl. Weil so viele Menschen gleichzeitig einkaufen wollten (und dann auch nur noch bis 13 Uhr), konnten nur noch so viele neue Kunden in den Laden, wie ihn alte verlassen haben. Und nebenan, bei Aldi, soll es ebenso gewesen sein, hört man von verblüfften Kunden.

Wenn die Prognosen besser sind als die Realität

Hach, werden sich tausende stationäre Händler gedacht haben, die nicht Lebensmittel verkaufen, so was hätten wir auch gerne mal wieder. Mehr Kunden als Ware - die älteren werden so ein Gefühl aus den Wendezeiten kennen, als die meisten DDR-Bürger Westwaren nicht mehr nur in den Auslagen der Intershops bestaunen, sondern auch in richtigen Läden kaufen durften. Sie erwarben die Güter des einstigen Klassenfeindes, als seien das Trophäen für die neue Zeitrechnung. 
Steffen Gerth ist Redakteur bei Der Handel und Etailment
© Aki Röll
Steffen Gerth ist Redakteur bei Der Handel und Etailment
Aber dieser Sonderkonjunktur genannte post-sozialistische Kaufrausch ist nur noch eine schöne Erinnerung für den stationären Handel. Denn mittlerweile halten ja nicht einmal mehr die Weihnachtsgeschäfte, was ihnen von den Prognosen versprochen wird. Nur jeder dritte Händler soll ein frohes Fest gehabt haben. In Niedersachsen hatten sie beispielsweise ihr Umsatzziel von 10 Milliarden Euro schon vor der Heiligen Nacht abgeschrieben. 

Amazon feiert die fröhlichsten Weihnachten seiner Geschichte

Nicht verloren haben die großen Händler, die in den großen Städten des Nordens angesiedelt sind - und die Kleinen, die mit einem Onlineshop präsent sind. Ohne so eine Webpräsenz klingelte kaum noch eine Kasse. Das sollte allen eine Lehre sein.

Denn die Onlinekrake hat auch an Weihnachten wieder zugeschlagen - und das so hart wie noch nie: Amazon hat das beste Weihnachtsgeschäft seiner Geschichte erlebt, "mehrere zehn Millionen Kunden weltweit starteten eine Prime-Probemitgliedschaft oder eine bezahlte Prime-Mitgliedschaft, um etwa vom kostenlosen Premiumversand oder den exklusiven Shopping- und Entertainment-Vorteilen zu profitieren", heißt es in einer Unternehmensmitteilung. 

Von Deutschland nach Guam

Und welche Wucht Amazon mittlerweile hat, lässt sich auch daran ablesen: "Aus den zwölf deutschen Logistikzentren gingen in der Zeit vor Weihnachten Pakete an Kunden in 134 Ländern – unter anderen in das französische Übersee-Département Mayotte, auf die Malediven und nach Guam, einem US-amerikanischen Außengebiet in Mikronesien." Schöne Zahlen und Fakten. Will man aber endlich auch die Umsatzzahlen von Amazon zu Weihnachten wissen, wird man enttäuscht. So wie auch der Anleger enttäuscht ist, denn trotz aller Jubelmeldungen bereitet der Aktienkurs seit Wochen keine Freude mehr. Das muss man nicht verstehen.

Alibaba ist China

Man kann auch nicht verstehen, warum der Alibaba-Kurs den Investoren ebenfalls seit Wochen nur noch Tränen in die Augen treibt, obwohl die Gewinne steigen. Zudem bereiten die Chinesen nicht weniger als die Neuordnung des Handels auf der Welt vor - und das ist nicht nur einfach das Projekt des Unternehmers und Alibaba-Chefs Jack Ma, sondern er steht für die zunehmende wirtschaftliche Kraft des Riesenreiches, deren oberster Repräsentant Ma ist.

Alibaba ist nicht einfach ein gigantisches Onlineunternehmen - es ist der Repräsentant des chinesischen Staats.

Und deswegen ermöglicht Ma auch der belgische Premierminister persönlich das neue Alibaba-Logistikzentrum vor den Toren der Stadt Lüttich mit 220.000 Quadratmeter Fläche, um von dort erst einmal Waren von Europa nach Asien zu schicken, um dort noch stärker zu wachsen.

Aber das wird Ma nicht reichen, er wird auch in Europa Geld verdienen wollen - nämlich mit seiner "electronic World Platform", eWTP. "Die Chinesen bauen ein digitales Pendant zur Welthandelsorganisation", beschreibt es im "Handelsblatt" Olaf Rotax, Managing Director bei dgroup, die zum Beratungsunternehmen Accenture gehört. 

Das Ende des Handels droht

Es geht dabei um eine Verkaufsplattform, die direkt von der Industrie bestückt wird. Händler werden dafür nicht mehr gebraucht. Und vielleicht auch eine zweite Plattform nicht mehr, weswegen sich auch erklärt, warum der Alibaba-Konkurrent jd.com entgegen seiner Pläne jetzt erst einmal doch kein Büro in Deutschland eröffnen will. 
© etailment
Und wenn Alibaba dann noch mehr zupackt und zukauft, etwa Zalando übernimmt, was neuerdings als nicht unmöglich erscheint, dann wird das ganze Onlinegeschäft brutalstmöglich verdichtet. Und zukaufen müssen die Chinesen, wenn sie sich in Europa gegen Amazon behaupten wollen, niemals schaffen sie das per organischem Wachstum.

Retoure? Hier gibt's nichts mehr abzuholen!

Dem Handel, stationär wie auch online, stehen angesichts solcher Prognosen harte Zeiten bevor. Warum soll die Industrie noch einen Händler zwischenschalten, wenn sie die Ware direkt an die Kunden verkaufen kann. Was das wohl für Edeka Patschull in Darmstadt-Eberstadt heißt? Huihui.

Und vielleicht baut sich Alibaba gleich noch ein eigenes Liefersystem, weil das bisherige nur noch zum Davonlaufen ist. Wer etwa am gestrigen Donnerstag in einem Schreibwarengeschäft im Frankfurter Nordend seine DHL-Retoure abgeben wollte und sich in die Schlange einreihte, auf ein Gebirge der bereits abgestellten Pakete blickte, der bekam seine düsteren Ahnungen recht schnell vom Ladenbesitzer bestätigt: Er schickte nämlich alle Retouren-Menschen wieder heim, weil er nichts mehr annehmen könne. DHL habe seit 22. Dezember nichts mehr bei ihm abgeholt. Also seit zwei Wochen.

Dem Frankfurter Ladenbesitzer geht's halt wie Edeka Boll jedes Jahr in Wacken: Nur, wenn was rausgeht, kann was reinkommen. Das könnte das Motto für 2019 sein.

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